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Ein Helikopter wird kommen, aber alle nimmt er nicht mit

Das Musical «Miss Saigon» kommt nach Zürich. Wir haben die neue Produktion schon in England gesehen.

Frau aus dem Osten liebt Mann aus dem Westen. Die Kollision zweier Welten wird seit 1989 gespielt Foto: Johan Persson
Frau aus dem Osten liebt Mann aus dem Westen. Die Kollision zweier Welten wird seit 1989 gespielt Foto: Johan Persson

Der Broadway ist hier ein Supermarkt. Bradford, die Stadt zwischen Manchester und Leeds, einst Boomtown der industriellen Revolution, hat schon längst ihren Status verloren. Wo noch im 19. Jahrhundert Wolle für die ganze Welt produziert wurde, macht sich heute die Leere breit. Die Stadtverwaltung hat das Zentrum von Bradford für ein Wasserspiel planieren lassen, und in diesem «Mirror Pool» zeigt sich die Gegenwart: Starbucks, Schnellimbiss, Stellenvermittlungsbüro.

Geblieben aber ist das Alhambra Theatre aus dem Jahr 1914, es steht für die einstige Grösse von Bradford. Hier haben wir «Miss Saigon» gesehen, «The Greatest Musical of All Times», wie die Werbung sagt, samt dem legendären Helikopter. Jetzt macht diese Produktion Station in Zürich – als «grösste Liebesgeschichte aller Zeiten».

Das Theater ist ein Echoraum für Geschichte. «Miss Saigon» startete 1989 in London, 14 Jahre nachdem der letzte Helikopter von der amerikanischen ­Botschaft in Saigon abgehoben hatte und vom Ende des Vietnamkriegs und der Zeit danach erzählt das Musical von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg. Noch bevor die Musik einsetzt, ist das Tschok-tschok-tschok von Rotorblättern zu hören, ein Helikopter lärmt über unsere Köpfe hinweg; es ist ein Soundeffekt, den wir aus dem Kino kennen.

Im Bordell «Dreamland»

Seinen grossen Auftritt hat der Helikopter dann im zweiten Teil, er materialisiert sich aus dem Dunkel heraus und donnert wild blinkend in den Saal hinein, als wäre die Apokalypse da. Mehr als drei Tonnen wiegt die Maschine, die die «Miss Saigon»-Macher hier auf der Bühne auffahren lassen. «Unser Helikopter ist weit besser als der am New Yorker Broadway», wird der Stage-Manager dieser Cameron-Mackintosh-Produktion aus dem Londoner West End nach der Vorstellung sagen.

Alles ist hier auf den Showeffekt ausgerichtet. Zur Zeit der ersten Filme haben die Menschen im Kino über die Einfahrt eines Zuges in einen Bahnhof ­gestaunt – heute ist es eben ein Helikopter.

Das Publikum in Bradford lässt diesen Weltuntergang an diesem Nachmittag über sich ergehen. Der Lärm gehört zu diesem Musical, und der Helikopter bringt uns in diese Zeit zurück, als amerikanische Soldaten in Viet­nam wie Männer töteten und in Sachen Liebe wie Buben waren. «They kill like men, they screw like boys», singen die Mädchen im Saigoner Bordell, das sich «Dreamland» nennt. Und damit ist eigentlich in der ersten Szene über die Männer schon ­alles gesagt. Von Liebe ist da nicht die Rede.

Alles ist auf Überwältigung ausgerichtet. So vergisst man, wie unsäglich die Geschichte ist.

Weiter zurück führt eine andere Geschichte. Es ist die von Kim, der Pretty Woman vom Land, die sich jetzt im «Dreamland» an Männer verkaufen muss. Erster Kunde ist G.I. Chris, ein recht rüder Bursche, aber Kim sieht in ihm so etwas wie das zukünftige Glück. Er soll ihr den Traum vom besseren Leben erfüllen in einem Amerika, wo alle Kinder Ice Cream essen und die Menschen zueinander freundlich sind. Das Land der Träume ist für Kim unerreichbar, im letzten Helikopter, mit dem Chris ausgeflogen wird, hat es für sie keinen Platz.

Nach dem Krieg begegnen sich die beiden wieder, aber von Kim und ihrem Kind will der Mann jetzt nichts mehr wissen. Vorher haben die beiden noch das Lied von der Sonne und dem Mond gesungen, die am gleichen Himmel stehen, jetzt aber trennen sich die Wege. Und wenn Kims Geschichte an ihr Ende kommt, schreit in der Stille eine Frau im Parkett laut auf.

Eine alte Geschichte

«Miss Saigon» ist ganz auf Überwältigung eingerichtet: mitreissende Musik, schnelle Szenenschnitte. Und Themen, die das Publikum im Innersten berühren sollen: Liebe, Verrat. Man vergisst, wie unsäglich die ganze Geschichte eigentlich ist.

Es ist eine alte Geschichte. Puccini hat sie schon in seiner Oper «Madama Butterfly» aus dem Jahr 1904 erzählt: über die Liebe einer Frau aus dem Osten zu einem Mann, der aus dem Westen kommt; auch hier kam es zur Kollision zweier Welten, die im Untergang endet.

Der Osten bekommt immer mehr Raum in diesem Musical.

«Miss Saigon» nimmt das Thema auf und führt es in die Gegenwart. Und damit hatte Produzent Cameron Mackintosh grossen Erfolg. Am Broadway wurde das Musical über 4000-mal gespielt, in 15 Sprachen wird es aufgeführt. Weltweit haben 36 Millionen Menschen «Miss Saigon» gesehen – und auch im asiatischen Raum war das Stück ein Renner.

Das Musical geht selber mit der Zeit. Schon längst vorbei ist die Geschichte mit dem Yellow Face. In der ersten Produktion spielte noch ein weisser Mann den vietnamesischen Zuhälter im Stück, Gesichtsklammern und Bräunungsmittel sollten ihm asiatische Züge verleihen – das sei ein Fehler gewesen, sagt heute Cameron Mackintosh. In der jetzigen Ausgabe von «Miss Saigon» spielt ein Mann aus den Philippinen die Rolle, und viele Darsteller kommen aus Thailand, China, Korea, Japan und Malaysia. Überhaupt bekommt der Osten immer mehr Raum in diesem Musical.

Sooha Kim, die Sängerin aus Korea, spielt die Kim, sie machte schon bei der Jubiläumsproduktion des Musicals mit – und sie kann ihre Rolle auch auf Japanisch singen. Ihr gehören die schönsten Lieder, «Sun and Moon», «I’d Give My Life for You», «Little God of My Heart». Kim erzählt von ihren Träumen und der Suche nach dem Glück. Vom Mann, den sie liebt, und vom Kind, für das sie ihr Leben gäbe. Vor allem erzählt sie von sich selber und der Fremde, die um sie ist.

Der nächste Traum

Daran ist nichts zu ändern. Wie keine Geschichte zu ändern ist, auch wenn man wünscht, dass Kim endlich einmal eine Chance bekäme, ihren Traum zu leben. Immerhin gibt man ihr in «Miss Saigon» einen Ort, wo sie ganz bei sich sein kann. Auf ihrem Schminkspiegel sieht Kim die Worte «Du bist schön» auf Vietnamesisch. Sie hat einen ganz eigenen Platz und die eigene Sprache bekommen. Und Kim ist nicht allein. In «Miss Saigon» sind auch andere Menschen unterwegs, die ihr Glück suchen und dann vor Mauern stehen.

Bald macht sich ein anderes Musical auf west-östlichem Gelände auf den Weg. Die Broadway-Produktion «The King and I» feierte in London Triumphe und macht sich nun für die Tournee bereit. In Bradford gab es ein Casting für einige Rollen. Für manche ist der Traum eben die Musicalbühne.

Theater 11, 28. Nov. bis 13. Jan.

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