Die namenlosen Heldinnen

Bern

Sich im Stück ein Stück ausdenken. Das tun die drei Protagonistinnen bei der Uraufführung von «Frau verschwindet» von Konzert Theater Bern mit viel Witz und Ernst zugleich.

Drei Frauen (im Bild Irina Wrona) versuchen, eine Frau frei von Stereotypen zu erschaffen – ein schwieriges Unterfangen.

Drei Frauen (im Bild Irina Wrona) versuchen, eine Frau frei von Stereotypen zu erschaffen – ein schwieriges Unterfangen.

(Bild: PD)

Sabine Gfeller

Eine Frau spricht über eine Videoprojektion zum Publikum, als es in die Vidmar 2 eintritt. Ihr Gesicht erscheint überdimensional an einer weissen Stellwand. Währenddessen schleicht eine andere Frau auf der Bühne herum, tastet die weissen Wände ab und summt vor sich hin. Die dritte Frau steht auf der Zuschauertribüne, wie erstarrt, wechselt nach ein bis zwei Minuten die Pose und erstarrt wieder. Das Publikum ist mitten im Geschehen im kleinen dunklen Theatersaal. Dort sammeln die Protagonistinnen des Dreifrauenstücks Ideen für ein Theaterstück, das mit Konventionen bricht und die Frau neu erfindet.

Die Drehbuchautorin des Stückes ist die 1988 geborene Julia Haenni, die letzte Saison Hausautorin von Konzert Theater Bern war. Sie hat sich gemäss Medienmitteilung «der Reflexion weiblicher und männlicher Rollenbilder in der Gesellschaft und auf Theaterbühnen» verschrieben. Im aktuellen Stück zeigt sie Zwänge auf, die die Gesellschaft auf Frauen ausübt.

Gleichzeitig demonstriert ihr Drehbuch aber auch, dass Stereotypen auch Feministinnen im Weg stehen. Und schliesslich übt Haenni mit «Frau verschwindet (Versionen)» auch Kritik am unemanzipierten Theaterbetrieb. Vielleicht wird auch aus diesem Grund die Produktion von Frauen dominiert: Auf der Bühne: Grazia Pergoletti, Florentine Krafft und Irina Wrona. Hinter der Bühne (Regie, Bühne, Kostüme): Frauen. Nur die Dramaturgie übernahm mit Michael Gmaj ein Mann.

Die Frau am Fenster

Nach etwa einer Viertelstunde kann das Publikum aneinandergedrängt auf der ausverkauften Zuschauertribüne Platz nehmen. Es erfährt über Plakate von einer Frau, die durch das ganze Stück führen wird. Sie blickt aus dem Fenster auf eine gegenüberliegende Wohnung. Aus dieser ist eine Frau verschwunden, sie hat die Türen offen gelassen. Die zwei Schauspielerinnen Florentine Krafft und Irina Wrona treten ein.

Die beiden überlegen im Pingpong, welchen Hintergrund die verschwundene Frau haben soll, und lassen so ein Stück im Stück entstehen. Sie wollen die Frau keinesfalls mit gängigen Klischees ausstatten. Die Vorschläge sind voller Tragik und lustig zugleich. Die pointierten Alltagsdialoge mit viel Situationskomik lassen die Zuschauerinnen und Zuschauer schallend lachen.

Kein Opfer

Soll die alleinstehende Bewohnerin eine Durchgeknallte sein? «Ich mag nicht immer die Durchgeknallte sein!», sagt Wrona und verweist darauf, dass dieses Bild oftmals auf alleinstehende Frauen übertragen werde. Sexueller Übergriff, Suizid? Die Bewohnerin soll weder verzweifelt noch von ihrem Mann misshandelt worden sein: keine Gewalt an Frauen in diesem Stück.

«Die Schau­­spielerinnen wollen eine Frau erschaffen, die sich niemandem beugen muss.»

Die beiden wollen eine Frau erschaffen, die sich niemandem beugen muss. Eher noch sei sie die Täterin. Wrona unterhält das Publikum mit ihrer übertriebenen Mimik. Doch dann schreit sie ihre Worte plötzlich. Sie scheint all dem Luft zu machen, womit sich Frauen im Alltag herumschlagen müssen.

Während die beiden im Streit­gespräch hin und her überlegen, ertönt plötzlich die Stimme von Grazia Pergoletti, ihr Gesicht an eine der Hauswände projiziert. Sie beurteilt das Geschehen als Aussenstehende und hadert mit einer Beschreibung frei von Geschlechterstereotypen.

Eine für alle

Schliesslich stellt sich die Frage: Wie alt soll die Bewohnerin sein, die es aus dieser Wohnung weggetrieben hat? Das Trio – in­zwischen hat sich Pergoletti zu den anderen beiden gesellt – kommt zum Schluss, die Frau solle im mittleren Alter sein. In Theaterstücken hätten Frauen im mittleren Alter stets Nebenrollen, hätten kaum Bühnen­präsenz und würden dann «ins Mittelalter abgeschoben».

Am Schluss taucht die verschwundene Frau plötzlich auf – wobei man nicht genau erfährt, welche Charakterzüge sie hat. Diese gesichtslose Frau, die wohl für alle Frauen steht, die nie die Gelegenheit hatten oder ergriffen haben, ihren Träumen nachzugehen, geht mit den drei Schauspielerinnen die Strasse zwischen den zwei Wohnungen entlang – einer Zukunft entgegen, die nur ihr gehört.

Keine der drei Protagonistinnen hatte einen Namen. Die namenlosen Heldinnen haben eine Frau erschaffen, die nur auf sich selbst hört.

Aufführungen bis zum So, 5.1. 2020. Infos: www.konzerttheaterbern.ch.

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