Zum Hauptinhalt springen

Der Lokalmatador bin ig

Serienheld, An­treiber und «Goalie» für immer: Der Berner Schau­spieler Jonathan Loosli macht alles, und manchmal ist das ein bisschen viel. Beim Weihnachtsmärchen «Krabat» von Konzert Theater Bern führt er nun erstmals Regie.

Schwindelfrei: Jonathan Loosli, des Mann fürs Weihnachtsmärchen.
Schwindelfrei: Jonathan Loosli, des Mann fürs Weihnachtsmärchen.
Beat Mathys

Die Feuertreppe hinter dem Stadttheater ist nichts für Höhenangsthasen. Drei Etagen senkt sich der Blick durch Stahlgitter in die Tiefe, wo zwei Bauarbeiter ein Loch ins Trottoir ­graben. «Heute Abend wieder!», ruft der eine. «Was denn?», ruft Jonathan Loosli runter, er po­siert gerade fürs Foto. «Na, ‹Wilder›!» Es ist Dienstag und die Schweiz im Serienfieber.

Jonathan Loosli spielt in der SRF-Produktion «Wilder» den Präsidentensohn der Oberländer Gemeinde, in der Gruseliges geschieht. «Ich werde oft darauf angesprochen. Mehr als bei einer Filmrolle. Die Leute beschäftigen sich intensiver mit einer Serie, weil es jede Woche weitergeht.» Selbst ist Loosli kein Serienmensch.

«Ich habe alle langen Dostojewski-Romane gelesen. Das Schöne ist dort, dass man über eine lange Zeit eine ganze Gesellschaft verfolgen kann.» In einem normalen Film gibt es das nicht – in der Serie sei eine Verdichtung von Personen und Handlungssträngen aber möglich. Das erzeugt Spannung. «Darum sind die Leute gefesselt.»

Welt unter Bühnenschnee

Die Filmerei ist eine von mehreren Baustellen, auf denen Loosli arbeitet. Seine Hauptbeschäftigung ist das Theater. Darüber erzählt er nun in der neuen Cafeteria des frisch sanierten Stadttheaters. Seit bald zehn Jahren arbeitet der 38-jährige bei Konzert Theater Bern. Als einziger Berner im Ensemble ist er als Lokalmatador gesetzt.

Besonders stark spielt er die verschrobenen Aussenseiter, oft in Nebenrollen. Diese Saison den Jakob im «Verdingbub». Eine Hauptrolle sitzt ihm wie eine zweite Haut: «Der Goalie bin ig», die Theaterfassung von Pedro Lenz’ Bestseller, spielt er diese Saison zum 50. Mal.

«Ich spiele das Stück sehr gern, immer noch.» Weil der Bühnenschnee aus dem Abfall der Eisproduktion der Berner Eisfelder besteht, spielt Loosli das Solo nur im Winterhalbjahr. So liegt zwischen den Aufführungen und der Wiederaufnahme jeweils ein halbes Jahr. «Das verhindert, dass ich den Goalie zu Tode spiele.»

Dies – und die Tatsache, dass die Produktion von Regisseur Till Wyler von Ballmoos ihm absolute Spannung abverlangt. «Es ist als eine einzige Überforderung angelegt, an der ich mich jedes Mal von neuem abstrample.» Auf drei Seiten der Bühne sitzt das Publikum. Die Nervosität ist bei Loosli noch vor jeder Aufführung gross, grösser als bei anderen Produktionen. Seit 2012 ist das Stück immer ausverkauft.

Jetzt kommt die Regie dazu. In «Krabat» von Ottfried Preussler, dem diesjährigen Weihnachtsmärchen, steht er erstmals nicht mehr auf der Bühne. «In dieser Produktion treffen einige Stränge aus meinem Leben zusammen», sagt Loosli. Die vierköpfige Theatergruppe Vorort, in der Loosli neben seinem Engagement bei Konzert Theater Bern arbeitet, produziert die Geschichte als Gäste des Hauses.

Mann der zwei Welten

Freie Szene trifft Stadttheater – und mittendrin Loosli, der in ­beiden Welten zu Hause ist. Das Weihnachtsmärchen, diese Berner Institution der leuchtenden Augen, holt Loosli immer wieder ein. Als Kind wurde er wie viele Berner hier vom Theaterfieber gepackt. Nach dem Gymnasium schnupperte er Stadttheaterluft bei den Bühnenbildnern. Die erste Produktion: das Weihnachtsmärchen. Er spürte, dass er selbst auf der Bühne stehen will.

Nach der Schauspielschule in Berlin und zwei Jahren am Theater in Weimar kehrte Loosli 2007 nach Bern zurück, er wurde Vater. Dass die Welt der glamourösesten Bühnen an ihm vorbeizieht und er zurückgekehrt ist, an den Kartenrand des deutschsprachigen Theaters – daran verschwendet er keinen Gedanken. «In Weimar merkte ich, dass ich in der Stadt etwas aufbauen will, in der ich verwurzelt bin.» Mit der Austauschbarkeit im Theater hat er Mühe. «Ich bin nicht der Typ, der in Wien, dann in Leipzig und dann in Berlin dasselbe macht.»

Als er nach Bern zurückkehrte, brach die Ära von Theaterleiter Siedler an. Das Ensemble war komplett, ihm blieb vorerst eine Gastrolle – im Weihnachtsmärchen. In «Ali Baba» spielte er die Hauptrolle. Daneben nahm er ­alte Banden wieder auf: Mit Dominique Jann hatte er schon zu Schulzeiten Theater und Musik gemacht (Loosli ist ein mehr als passabler Trompeter).

Dass sie wieder zusammen etwas reissen würden, war klar. Mit Mathis Künzler und Sonja Riesen pro­duzieren sie seit 2010 als Vorort Theater, oft an überraschenden Orten, vergangenen Sommer zeigten sie bei der Wohleibrücke am Wohlensee «Moby Dick», ein eindrückliches Freilichttheater in atemberaubender Kulisse. «Krabat» um den gleichnamigen jungen Zauberer ist die erste Vorort-Produktion in einem ganz normalen Theater.

Perfekte Welt unter Beschuss

Stadttheater oder freie Szene, für welche Welt würde sich Loosli entscheiden, wenn er müsste? «Ich finde beide Seiten wahn­sinnig reizvoll.» Loosli kann in seiner Theatergruppe eigene Ideen entwickeln und frei um­setzen. Auf der anderen Seite steht der manchmal etwas träge Elefant Konzert Theater Bern, ein komplexer Betrieb mit vielen Sachzwängen – und vielen Möglichkeiten. «Jetzt, wenn ich Regie führe, merke ich noch stärker, wie viele Menschen hier zusammenarbeiten, damit eine Produktion gross wird.» Die Bühnenbildner, die Schneiderinnen, die Dramaturgie, die Schauspieler.

«Ich halte das Stadttheater nach wie vor für einen genialen Betrieb, weil er alles kann.» Eine in der Anlage perfekte Theaterwelt – die aber auch unter Beschuss gerät. Gewisse Kulturvordenker würden den teuren Theatern am liebsten Geld wegnehmen und es der freien Szene zuschanzen, weil diese innovativer sei als die alt­gediente Institution. Loosli findet das gefährlich. «Wir Theaterleute müssen uns zusammentun. Wir sind schon so wenige. Wenn wir uns auch noch bekämpfen, nehmen wir uns das wenige, das wir haben, auch noch weg.» Es sei noch lange nicht klar, ob das eingesparte Geld wirklich anderen Theaterschaffenden zukäme – oder einfach wegfallen würde. «Wenn die Theater einmal zerschlagen sind, wird es sie nicht mehr geben.»

Looslis Sicht auf die Dinge ist nüchtern und besonnen. Schon fast ein Kontrast zur schillernden Welt des Theaters. «Wir sind dramatisch geprägt, wir neigen auch zu Konflikten.»

Einen Konflikt trägt der Schauspieler immer wieder mit sich selbst aus. Serie, Film, Stadt­theater, eigene Projekte: Jonathan Loosli ist überall. Und stösst immer mal wieder an Grenzen. «Die Gefahr besteht, dass es zu viel ist. Ich bin der Typ, der anzieht und anreisst und immer irgendwo eine Baustelle auftut.»

«Krabat»:Premiere am 6. 12., bis 22. 1. Stadttheater Bern. «Verdingbub»:2. 12. «Der Goalie bin ig»:29. 12. «Wilder»:Di, 20.05, SRF 1.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch