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Der letzte Herrenschneider

Die Kostümabteilung ist vom Stadttheater-Dachgeschoss in die alte Berner Kornhauspost umgezogen. Auf Besuch in einer anderen Welt – und beim letzten Herrenschneider.

Der letzte Herrenschneider im Nähmaschinenpark: Thomas Eberhard.?
Der letzte Herrenschneider im Nähmaschinenpark: Thomas Eberhard.?
Raphael Moser
Die Schneiderei von Konzert Theater Bern ist eine bunte Welt.
Die Schneiderei von Konzert Theater Bern ist eine bunte Welt.
Raphael Moser
Zwei Damenschneiderinnen zwischen Tentakeln und Haarteilen.
Zwei Damenschneiderinnen zwischen Tentakeln und Haarteilen.
Raphael Moser
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An der Büste hängt ein roter Zirkusdirektorenfrack, mit glänzenden Verzierungen, ein Prachtexemplar. Ein Mann näht mit einer dicken Nadel den Ärmel an. «Das ist das Kostüm für Dominique Jann im Stück ‹Der Elefant von Murten›», sagt er. Thomas Eberhard, 53, ist der Erste Herrenschneider von Konzert Theater Bern. Und auch der letzte: Der Beruf ist mittlerweile fest in Frauenhand. «Als ich anfing, gab es eine Herrenschneiderin unter lauter Männern. Heute ist es umgekehrt.» Seit 29 Jahren näht er Gewänder für Tänzer, Schauspieler und Opernsänger.

Am Samstag ist Premiere. Der Zeitdruck steigt in der Schneiderei. Doch davon ist nichts zu spüren an diesem Morgen. Das ist Alltag im Theater. Die Damen und der Herr arbeiten konzentriert, doch die Stimmung ist gelöst. Im Hintergrund läuft die Musik des Lokalradios.

Tropisch unter dem Dach

In diesem Jahr sind in Bern Berufe sichtbar geworden, die für den Theatergenuss eminent wichtig sind, aber doch gerne vergessen gehen. Die Kostümabteilung von Konzert Theater Bern ist in die alte Kornhauspost umgezogen. Bis zum Umbau des Stadttheaters war sie unter dem Dach untergebracht. Dort wurde es im Sommer heiss und, wenn die Bügelstationen in Betrieb waren, tropisch. Weil der Einbau eines neuen Klimasystems sehr teuer geworden wäre und das Raumklima nur unwesentlich verbessert hätte, tat ein Umzug not. Und so zog die Schneiderei diesen Februar vis-à-vis an der Nägeligasse ein, in der Liegenschaft, die teils der Stadt gehört und teils der Französischen Kirche, an die das Gebäude angebaut ist.

Während für die Herren Vestonsaller Art genäht werden, sind bei den Damen vor allem historische Kleider wie ­Krinolinen und Corsagen die ­anspruchsvollsten Stücke.

Hinter der Eingangstür steht man erst einmal in einem Gang voller alter Geräte aus Stahl. Nein, es sind keine Museumsstücke, sondern Spezialnähmaschinen, die zum Teil seit Jahrzehnten in Betrieb sind, wie Franziska Ambühl erklärt, die Leiterin der Abteilung Kostüm und Maske. Sie führt durch die frisch eingerichteten Räume. Ledermaschinen, Knopflochmaschinen, Overlockmaschine, Schnellsteppmaschinen.

Der Maschinengang trennt den Raum in zwei Teile, in die Damenschneiderei zur Rechten und die Herrenschneiderei zur Linken. Die geschlechtergetrennte Schneiderei ist nicht etwa ein alter Zopf. «Es sind zwei verschiedene Berufe», erklärt Ambühl. Während für die Herren komplizierte Vestons aller Art genäht werden, sind bei den Damen vor allem historische Kleider wie Krinolinen und Corsagen die anspruchsvollsten Stücke.

Zwei Hutmacherinnen

Ambühl führt eine Abteilung mit 45 Angestellten. Neben den Schneiderinnen und dem Schneider gehören die Ankleiderinnen dazu – sie helfen während der Vorstellungen aus den Kleidern und wieder hinein –, die Maskenbildnerinnen, die Mitarbeiter im Kostümfundus, der in den Vidmarhallen untergebracht ist. Und da wären noch die Hutmacherinnen.

Ja, Konzert Theater Bern beschäftigt zwei Hutmacherinnen, ein Beruf, den es an anderen Theatern bereits nicht mehr gibt. Bereits vor Jahren wurde in Bern die Schuhmacherei abgeschafft. Heute gibt es in der Schweiz nur noch im Opernhaus Zürich eine. Das Berner Vierspartenhaus lässt etwa die Stiefel-Sonderanfertigungen für die ebenfalls bald anstehende Tanzpremiere «Paul Klee» in Italien herstellen.

Doch den Hutmacherinnen, ebenfalls in der alten Kornhauspost untergebracht, geht in Bern die Arbeit so schnell nicht aus. Eine von ihnen, Caroline Buchs, drapiert gerade Tentakel auf einer Unterkappe. «Das ist der Gipsabdruck des Kopfs von Chantal Le Moign», sagt sie. Ihre Kreation verströmt einen Hauch «Fluch der Karibik». Le Moign spielt in «Der Elefant von Murten» die Magda Riesenmay des Wanderzirkus Bell & Myers. Der Weg hin zum Produkt wie auf der Skizze, der Figurine, gewünscht sei oft unklar, manches sei grosse Bastelei. «Das ist das Schöne an meinem Job. Man steht immerwieder vor neuen Herausforderungen.»

City Cycles musste raus

Auch der Umzug der Schneiderei verlief nicht ganz ohne Probleme. Der zuvor eingemietete Veloladen City Cycles hatte keine Freude am Rauswurf aus dem Lokal an bester Lage und erwirkte auf juristischem Weg eine Mietdauererstreckung bis 2020. Er zog dann aber trotzdem früher als gedacht aus, weil er am Bollwerk einen neuen Standort gefunden hatte. In eineinhalb Jahren plante dann Konzert Theater Bern den Umbau des Hauses und zog um. Unter anderem musste ein alter Aufzug ersetzt und die sinnvollste Einrichtung der Räume gefunden werden.

«Die Angestellten fürchteten ein wenig, dass sie plötzlich ausgestellt seien wie im Schaufenster», sagt Abteilungsleiterin Franziska Ambühl. Vorhänge sollten Abhilfe schaffen. Doch die Vorhänge bleiben heute meistens offen – falls nicht gerade Kostümanprobe ist. «Mittlerweile schätzen es die Näherinnen, dass sie auch von den Künstlerinnen und Künstlern besser wahrgenommen werden», sagt Ambühl.

Noch immer ein Traumjob

So geht es auch Thomas Eberhard. Für ihn ist die Theaterschneiderei noch immer ein Traumjob, und das lässt sich beim Besuch dieser kreativen Parallelwelt nachvollziehen. «Ich mag es, Leute zu verändern und zu verschönern.» Dass er das Schneiderhandwerk erlernen würde, zeichnete sich schon in seiner Kindheit ab. «Ich hatte vier ältere Brüder und musste immer ihre alten Kleider tragen.» Er nähte sie um und machte sie enger, sodass er fast nicht mehr reinpasste, das war Mode. «Ich habe auch gerne gebastelt und gestrickt.» Am liebsten arbeitet er an Kostümen für Tänzer, «die haben einfach Figur!».

Am liebsten arbeitet Thomas Eberhard an Kostümen für Tänzer, «die haben einfach Figur!».

Der edle Zirkusdirektorenfrack für Dominique Jann ist fast fertig, doch er ist noch zu schön. Das Stück wird als Nächstes noch altern, mit Farbspray, Feuer, Pinsel und Bürsten, damit der Schauspieler einen raueren, etwas mitgenommenen Look erhält. Und nach zehn Vorstellungen, wenn «Der Elefant von Murten» abgespielt ist, landet das aufwendig genähte Stück im Fundus. Auch das ist Alltag im Theater.

«Der Elefant von Murten»: ab 13.4. im Stadttheater Bern.

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