Der Frosch im Campingstuhl

«Die Fledermaus» wird gerade in Berlin neu erfunden: ohne Geigen, ohne Plüsch, dafür mit Stefan Kurt als Frosch. Ende August hat das Stück Premiere in der Schweiz.

Ein grosser Spass, aber er geht ans Lebendige: Stefan Kurt als Advokat zwischen Christoph Marti (l.) und Tobias Bonn, die das Ehepaar von Eisenstein sind. Foto: Malte Jäger

Ein grosser Spass, aber er geht ans Lebendige: Stefan Kurt als Advokat zwischen Christoph Marti (l.) und Tobias Bonn, die das Ehepaar von Eisenstein sind. Foto: Malte Jäger

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Ganz am Schluss der «Fledermaus»-Probe wird die Ouvertüre gesungen, die ganze Gesellschaft steht um den Flügel herum. Eigentlich müsste da ein ganzes Orchester sein, mit Pauken, Posaunen und Geigen, wie das Johann Strauss für seine Operette vorschrieb. Da sind aber nur die neun Menschen, die in dieser «Fledermaus» spielen. Doch es braucht keine grosse Besetzung, um zu verstehen, was die Musik erzählt, ein Chörli kann das auch, vielleicht noch besser. Und schon hören wir am Anfang der Geschichte, um was es am Ende eigentlich geht: Es ist die Rache einer Fledermaus. Und die ist so süss wie bitter.

Wir sind in Berlin-Friedenau, im vierten Stock eines Industriegebäudes der Goertz-Höfe. Früher wurden auf diesem Gelände optische Geräte hergestellt, Linsenfernrohre und Teleskope. Jetzt gibt es in der Stage Factory einen Einblick in die Probenarbeit für «Die Rache der Fledermaus». Es ist die neue Eigen­produktion des Casinotheaters Winterthur, die Ende August Premiere hat und dann auf Schweizer Tournee geht. Als hätte man gesagt: «Ach, meine Herrn und Damen, hier gibt es einen Spass!», ist aus der Schweiz eine bunte Gesellschaft von der «Glückspost» bis zu «Glanz & Gloria» angereist, und ein Fest für alle ist die Probe denn auch geworden. Schon der erste Akt führt in einen halben Rauschzustand, ein Glas Champagner, und schon wollen alle ein bisschen anders sein. Kurz: Wir sehen in das Arrangement einer bürger­lichen Gesellschaft hinein, wo Konventionen nur da sind, um dagegen verstossen zu können. «Glücklich ist, wer vergisst, was nicht zu ändern ist», scheint das Lieblingslied dieser Gesellschaft zu sein. 

Weil Operetten an und für sich eine Übertreibungsform sind, sagen wir auch schon hier: So eine «Fledermaus» hat man noch nie gesehen, geschweige denn gehört. Denn in der Stage Factory wird gerade die Operette neuerfunden. Das hat auch mit der Geschichte einer Freundschaft zu tun. 

Unter Freunden

Die «Fledermaus» ist ein Gesellschaftsstück. Man ist hier unter Freunden. Die Freunde heissen hier: Stefan Kurt, Stefan Huber, Tobias Bonn, Christoph Marti. Sie kennen sich von der Schauspielschule in Bern, dort waren sie eine verschworene Truppe. Jeder von ihnen ging dann einen eigenen Weg. Ab und zu trifft man sich aber wieder für eine Produktion. Zum Beispiel 2014 an der Komischen Oper Berlin für «Clivia», die ein kolossaler Operettenhit wurde. «Wir standen auf der Hinterbühne«, sagt Stefan Kurt, «und fragten uns: ‹Haben wir je in Bern daran gedacht, zusammen in so einem grossen Haus zu spielen?›, und hatten Tränen in den Augen.» So ist es auch jetzt wieder in dieser «Fledermaus», wenn auch das Casinotheater nicht die Komische Oper ist. Stefan Huber führt Regie. Stefan Kurt ist der Frosch.

Und Tobias Bonn und Christoph Marti, die sonst die Geschwister Pfister sind, spielen Mann und Frau. Zur Freundschaft gehört die Vertrautheit, der eigene Ton. «Wir schätzen uns sehr», sagt Stefan Kurt. Jeder brenne für die eigene Rolle. Was auch für das ganze Ensemble gilt. Gabriela Ryffel und Katja Brauneis geben die Schwestern Adele und Ida, Stefan Sommer ist Gefängnis­direktor und Stefanie Dietrich Prinz Orlofsky; Alfred ist bei Alen Hodzovic, und Max Gertsch hält als Dr. Falke alle Fäden des Spiels in der Hand.

Stefan Kurt tritt im ersten Akt als Advokat auf. Auf der Nase trägt er eine Brille mit Gläsern, die dicker sind als ein Flaschenboden. Dr. Blind heisst diese Figur, Daumier hat solche Winkel-Advokaten gezeichnet, und Stefan Kurt ist ein richtiger Schussel vor dem Gesetz. Wenn er in einem Aktenstapel blättert, wird sogar das Papier nervös, und so macht er auch die ganze Gesellschaft verrückt. Sehr komisch ist das, und auch anrührend, wie Stefan Kurt dieser Figur die Gestalt gibt; gerade er, der mit Lou Reed auf der Bühne stand und mit Robert Wilson «Black Rider» gemacht hat, ist auch in einer kleinen Rolle gross.

«Eine Operette ist wie ein Champagnerrausch. Dann kommt der Kater.»Stefan Kurt

Im dritten Akt wird Kurt dann den Gefängniswärter Frosch spielen. Er weiss, dass diesem Frosch ein Campingstuhl zugewiesen ist, aber sonst ist vieles offen. Wie redet dieser Frosch? Ist er ein Hausmeister, ein Penner, ein Berner? Super spannend sei dieser Probenprozess, sagt Stefan Kurt, noch sei alles in der Möglichkeitsform. In einer Sache aber legt er sich fest. «Eine Operette ist wie ein Champagnerrausch, der geht auch nur zwei Stunden. Und dann kommt der Kater.»

Spezialist für das Musiktheater ist Regisseur Stefan Huber, neben «Clivia» hat er schon «Titanic», «Die Schweizermacher», auch «Heidi» oder «Io senza te» in Szene gesetzt. Ganz ruhig führt er durch die Proben, er weiss, wohin der Weg im Stück führt. Denn vertraut ist ihm die «Fledermaus» schon lange, das erste Mal hat er die Operette am Luzerner Theater inszeniert, das war noch ganz am Anfang seiner Karriere. Damals hatten nach einer Probe die Wiener Sängerinnen und Sänger moniert, hier fehlten gewisse Sachen.

Und als Huber sie darauf hinwies, dass die gewissen Sachen gar nicht im Libretto stünden, gaben die Wiener zurück: «Aber so macht man das eben.» Ein bisschen ist «Die Rache der Fledermaus» auch eine Rache am Genre. Denn Operetten werden gerne mit Elementen ausgestattet, die gar nicht zur eigentlichen Geschichte passen. Gerade die «Fledermaus» versinkt oft im Plüsch. Da räumt Huber behutsam auf, er entrümpelt die Operette und möbiliert sie neu. Jeder Figur ist auf der Bühne ein Stuhl zugeordnet. Der Stil reicht vom Fin de Siècle bis zum Campingstuhl der Gegenwart. Eleganter und auch kostensparender kann man nicht zeigen, wie diese Geschichte in allen Zeiten spielt.

Spiegel der Gesellschaft

Das Ehepaar sind Tobias Bonn und Christoph Marti, ein Doppelsofa hat man ihnen hingestellt. Der Mann träumt dort von den Ballettratten, die Frau vom Tenor, voneinander kommen sie aber nicht los. Auf der Probe zeigt sich schon die ganze Doppelbödigkeit dieses Arrangements.

Die Operette ist ein Spiegel der Gesellschaft. Und das Publikum soll sich auf der Bühne selber erkennen. Denn dort stehen im ersten Akt die Stühle in einer Reihe wie im Theatersaal. Wir sehen den Ehemann, die Ehefrau – und was der Champagner mit dieser Beziehung macht. Akt für Akt rückt dieses Theater immer näher an das Publikum heran. Bis auch wir von diesem Rausch erfasst werden. Am Schluss der Probe gibts Sekt. 

Die Rache der Fledermaus. Casinotheater Winterthur, 30. August bis 30. September, dann auf Schweizer Tournee. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2018, 18:26 Uhr

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