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Das Leben ist ein Sonnenstrahl

Erzähltheater, das war einmal: Am diesjährigen Theater Spektakel sind aktive Zuschauer gefragt. Eine Zwischenbilanz.

Das Ende der Schonzeit: Beim japanischen Ensemble Miss Revolutionary Idol Berserker wird das Publikum direkt angesprochen.
Das Ende der Schonzeit: Beim japanischen Ensemble Miss Revolutionary Idol Berserker wird das Publikum direkt angesprochen.
Zürcher Theater Spektakel

Aus der Zeit gefallen: So sehen sie aus, die zwei Gitarrenhippies, die da am lauen Sommerabend auf der Landiwiese hocken und schön scheps «Let the Sunshine In» schrammeln, als hätten sie gerade die Friedensbewegung geboren. Und das Verrückte ist: Genau so fühlt es sich auch an – und eine enthusiasmierte Menschenmenge summt und singt und johlt mit, als sei sie ein einziger Blumenkinderchor.

Solche weltflüchtig-wundersamen Momente gibts am Theater Spektakel, und man ist versucht zu sagen: nur am Theater Spektakel. Die Leute lassen ihren Anzug daheim – nicht aber ihr Portemonnaie, denn gratis ist hier gar nichts, weder das charmante Kinderkarussell noch die exotische Kulinarik und schon gar nicht die internationale Kunst; und sie bringen ihre Badesachen mit, zusammen mit ihrer besseren Laune und dem, was sie für ihr besseres Selbst halten. Dieses Jahr irgendwie ganz besonders.

Das findet auch der künstlerische Leiter Sandro Lunin, der auf Anfrage eine positive Zwischenbilanz der 34. Festivalausgabe zieht. Die Stimmung stimmt, die Zahlen stimmen bis jetzt auch, und selbst das Wetter zeigte sich meist von seiner verkaufsfördernden Seite. «Aber was mich packt und inspiriert, ist dieser intensive Austausch. In dieser fünften Jahreszeit Zürichs ist Kunst mehr als ein Schaulaufen der Off-Szene-Avantgarde, es ist eine Lebensform», sagt Lunin. Und heuer habe man gerade bei einem Format, das sonst oft Showcase-Charakter habe, grossartige Diskussionen erlebt – einen Austausch über die Grenzen von Ländern, Rollen und Publikumsbarrieren hinweg: bei den «Short Pieces».

In der Tat: Der Block der kurzen Stücke, der an der Festivalausgabe von 2012 lanciert wurde, hat nichts von coolen Werbeclips. Die Künstler nutzen die Intimität in der Roten Fabrik, die abseits liegt vom Rummel der Landiwiese, um Neues im Kleinformat, aber in Extremform ganz nah an den Zuschauer heranzutragen. Und egal, ob eine zehnminütige Tanzminiatur aus Russland (von Sonya Levin) oder eine dreissigminütige Performance aus Südafrika (von Chuma Sopotela): Die Leute lassen sich darauf ein. Wer hierhergekommen ist, hat Lust auf Widerstand, sucht das, was ganz und gar ungeglättet Fremdes erzählt, das sich als Eigenes entpuppen kann – oder auch nicht. Ein Blumenkinderchor auf der Bühne des Freien Theaters eben, der sich auch irren, wirren und aufwühlenden Dingen aussetzt, als wär das Leben ein Sonnenstrahl.

So viel Nacktheit

Eine Leuchtbake ist es ja auf alle Fälle. Nirgends etwa sieht man den Trend zur Kombination von exzessivem Körpertheater mit klugem Multimedia-Einsatz so hoch konzentriert wie in Sopotelas Kurzstück. Im Rest des Programms sind, wenn man so will, ausgefeilte, komplexe Langformen davon zu sehen: So viel medial gebrochene, aber brutal inszenierte Nacktheit wie jetzt ist neu. Eine Christiane Jatahy, ein Kornél Mundruczó greifen auf literarische Vorlagen zurück, um sie dann schonungslos an und mit ihren Akteuren und unseren Sehgewohnheiten durchzuspielen. Wegschauen gilt nicht, wenn Julia durchgebumst oder Lucy vergewaltigt wird. Und was passiert mit unserem Blick, wenn die Kameralinse sich dazwischenschiebt?

In beiden Produktionen wird das Publikum später direkt angesprochen und soll sich äussern; und beim japanischen Ensemble Miss Revolutionary Idol Berserker macht diese Ansprache – der uns erbarmungslos körperlich aufgedrückte «Dialog» – das Stück überhaupt aus. Dann wieder sind wir mit einem virtuellen Wesen aus dem Kopfhörer im Gespräch, das mit uns auf eine ganz reale und teils schweisstreibende Wanderschaft geht. Die Stadtlandschaft, in der wir uns bewegen wie ein von Rimini Protokoll gesteuerter Avatar, hat freilich eine künstlich generierte Soundkulisse. Nichts ist so real, dass es wirklich wäre. Auch wenn wir bei Yan Duyvendak in einen regelrechten Gerichtssaal katapultiert werden mit der Drohung, allenfalls als Geschworene mittun zu müssen, sind wir doch nur Statisten in einer Shakespeare-Bearbeitung.

Bloss keine kampfesmüden Konsumenten auf der Tribüne hängen haben! Das scheint die Devise am Theater Spektakel 2013 zu sein, wo opulentes Erzähltheater keinen Stich mehr macht. Selbst in seiner Leugnung ist der Zuschauer präsent wie selten: So lässt Theaterkünstler Philippe Quesne zeitweilig so flüstern, dass man nichts versteht – informiert aber über Anzeigetafeln Schauspieler wie Besucher über die seltsamen Geschehnisse auf der Bühne und baut Fantasieräume aus Text und kulturhistorischer Anspielung.

Da scheint die Sonne aufs aus der Zeit gefallene Gemeinschaftsgefühl. Das neue Theater aber ist in unsere Zeit hineingeschrieben: Es stellt den Einzelnen, die Medien und das Leben in der globalisierten Menge ins harte Rampenlicht. Kann man mehr wollen?

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