Beste Feinde

«Sonny Boys» am Theater an der Effingerstrasse: leicht altersschwache Wortgefechte und eine Friedensstifterin mit viel Verve.

Duo infernale: Berth Wesselmann (rechts) als aufbrausender Willie Clark und Gilles Tschudi als dünnhäutiger Al Lewis.

Duo infernale: Berth Wesselmann (rechts) als aufbrausender Willie Clark und Gilles Tschudi als dünnhäutiger Al Lewis.

(Bild: zvg/Severin Nowacki)

Trotz strahlend hellem Scheinwerferlicht sieht es auf der Bühne des Theaters an der Effingerstrasse an diesem Abend ziemlich deprimierend aus. Der Röhrenfernseher plärrt vor sich hin, während Willie Clark (Berth Wesselmann) im abgewetzten Sessel hängt und döst. Clark, ein Mann in den nicht mehr besten Jahren, war einst die stolze Hälfte eines erfolgreichen Komiker-Duos. Doch seit ihm sein Partner Al Lewis (gespielt von Gilles Tschudi) vor elf Jahren direkt nach einem Fernsehauftritt davongelaufen war, musste Clark mitansehen, wie seine Showbusiness-Karriere auf Grund lief. Besuch erhält der alte Mann nun nur noch von seiner Nichte Emma Silverman (Karo Guthke), die seine Launen mit erstaunlichem Gleichmut erträgt.

Broadway-Klassiker

Emma kommt nicht nur aus verwandtschaftlichem Pflichtgefühl bei Clark vorbei: Sie ist auch seine Agentin. Weil sie ihren Job gut macht, handelt sie einen Fernsehauftritt für Al und Clark aus, samt fetter Gage. Und weil sie keine andere Wahl hat, muss Emma die alten Streithähne nun für einen letzten Sketch wieder zusammenbringen. Aber so sehnlichst die beiden Männer wieder gemeinsam arbeiten möchten, so misstönend scheppern die Egos aneinander.

Die Urversion von «Sonny Boys» verfasste der amerikanische Dramatiker Neil Simon, 1972 wurde das Stück als «The Sun­­shine Boys» am Broadway erstmals aufgeführt. Simon darf man eine Legende nennen: Der New Yorker mit jüdischen Wurzeln heimste in seiner Karriere mehr Oscar- und Tony-Nominationen ein als jeder andere Schriftsteller. Geistreich, zänkisch und ­­komisch-düster kommt «The Sunshine Boys» daher, doch wie gut lässt sich Simons Humor auf Deutsch übersetzen?

Der österreichische Regisseur Alexander Kratzer hat das Experiment bereits in Bozen gewagt, bevor er «Sonny Boys» nun im Theater an der Effingerstrasse zur Aufführung gebracht hat. Kratzer begrüsst mit dieser Berner Premiere nicht zuletzt sein zukünftiges Publikum: Ab der Spielzeit 2020/2021 wird er als neuer künstlerischer Leiter am Theater an der Effingerstrasse wirken.

Zahme Flüche

Mit Berth Wesselmann als aufbrausendem Willie Clark und Gilles Tschudi als dünnhäutigem und passiv-aggressivem Al Lewis hat Kratzer ein Duo, das auch feine Zwischentöne im Text deutlich machen kann. Eine Freude ist die Besetzung von Karo Guthke, die der im Grunde etwas eindimensionalen Rolle der Emma Silverman ironische Tiefe gibt und sich auf der Bühne als ­­Mutter-Ersatz, Madonna und Managerin in Personalunion in Szene setzt. Aber dort, wo sich Willie und Al in Neil Simons Originaltext poetisch-derbe jiddische Beleidigungen um die Ohren hauen, hört das Publikum in dieser «Sonny Boys»-Inszenierung nur zahme deutsche Flüche.

Dieses Stück lebt, das wissen natürlich auch Kratzer und sein Ensemble, vom perfekten ­­Timing, gerade dann, wenn sich die beiden Hauptdarsteller einen verbalen Showdown liefern. Zu oft hat man jedoch das Gefühl, dass die Schauspieler mit angezogener Handbremse am Werk sind. Das ist schade, denn wenn dieses Theaterstück eines lehrt, dann doch, dass man nie zu alt ist, um richtig gut zu streiten. Und dass die besten Freunde jene sind, die einem gleich auch noch die Feinde ersetzen.

Berner Zeitung

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