Vom Kopf in die Beine

Vor zehn Jahren tanzte Ihsan Rustem noch bei Bern Ballett unter Cathy Marston, nun kehrt er mit seinem Stück «Yidam» als erfolgreicher Choreograf ans Konzert Theater Bern zurück. Im zwanzig­minütigen Werk geht es um den Sturm vor der Ruhe.

Rückkehr nach Bern: Ihsan Rustem zeigt sein Stück «Yidam».

Rückkehr nach Bern: Ihsan Rustem zeigt sein Stück «Yidam». Bild: Franziska Rothenbühler

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Première position, port de bras, demi plié. Ihsan Rustem fragt im Probelokal in der Vidmar bei Köniz, ob wir die Grundpositionen kennen. Es sind die ersten Be­wegungen beim klassischen Ballett. Die Kostprobe kommt spontan, der 35-Jährige macht sie zum Spass. Es wäre untertrieben, den gebürtigen Londoner mit türkisch-zypriotischen Wurzeln als freundlich zu beschreiben. Open-minded oder heartful, um es in seiner Sprache zu sagen, treffen es viel mehr. Freunde nennen ihn Rusty.

Rustys Anweisungen als Choreograf sind unaufgeregt, aber klar. Sein Motto: «Man muss sich den Respekt verdienen, jede Ur­sache hat Wirkung.» Zur harten Arbeit gehört für ihn Fun. Er kennt die Ensemblemitglieder, die er explizit lobt, beim Vor­namen. «Die Crew von damals ist heute woanders», sagt er und lässt durchblicken, dass solche Charaden normal sind. «Es fühlt sich nostalgisch an, an die Stätte zurückzukehren, wo ich einmal getanzt habe», gibt Ihsan Rustem zu, «es ist ein Flashback mit guten Erinnerungen.» Getanzt hat er in Bern von 2007 bis 2009 bei ­Cathy Marston. Mit Freunden aus Bern ist er in Kontakt ge­blieben. Weit hat der Tänzer nicht, wenn er spitzbübisch bemerkt: «Ich lebe mit meinem Partner in Zürich und habe nicht vor, die Schweiz jemals wieder zu verlassen.»

International ausgezeichnet

Die Wahlheimat verlässt Ihsan Rustem schon ab und zu, allerdings zum Arbeiten. Vor seinem Durchbruch als Choreograf zog es ihn als Tänzer in die Innerschweiz, wo er zur Compagnie vom Luzerner Theater gehörte. Als er 2010 für sein Stück «State of Matter» zum Northwest Dance Project nach Portland im US-Bundesstaat Oregon eingeladen wurde, war das die grosse Chance. «Ich verdanke diesen Weg auch zwei Frauen», sagt er, «Direktorin Sarah Slipper aus Portland, die mich einlud, und Leiterin ­Kathleen McNurney aus Luzern, die mich ziehen liess.»

«Man muss sich den Respekt verdienen, jede Ur­sache hat Wirkung.»Ihsan Rustem

Der Weg hat sich gelohnt: Bereits 2012 wurde Ihsan Rustem beim Sadler’s Wells Global Dance Contest ausgezeichnet und erhielt den Publikumspreis des Internationalen Choreografenwettbewerbs Hannover für sein Ballettstück.

«Es war immer mein Ziel, Anfang 30 mit dem aktiven Tanzen aufzuhören», erzählt der Wahlschweizer später bei einer Tasse Kaffee in Le Beizli, «mich begann die Arbeit hinter den Kulissen mehr zu interessieren.» Der Mann, der mit 13 zum ersten Mal im Sadler’s Wells Theatre, dem Londoner Dance House, auf der Bühne stand, ist heute in den ganzen USA ein gefragter Künstler. Die Tournee mit «Yidam» war ein Hit in den Staaten. Nun kommt das Stück als Schweizer Erstaufführung nach Bern: Unter dem Titel «Tabula rasa» feiert es gemeinsam mit zwei Arbeiten anderer Ballettchoreografen am Freitag Premiere in den Vidmarhallen.

Das Gewitter vor der Ruhe

Um was geht es in «Yidam»? Rustem muss schmunzeln, die Frage berührt einen persönlichen Aspekt in seinem Leben. «Mein Partner und ich leben nach buddhistischen Werten», erklärt er, «Yidam ist die Verbindung mit dem Geist und eine Technik, sich mit menschlichen Qualitäten zu identifizieren. Dies erreicht man durch regelmässige Meditation.» Geht das Stück noch tiefer? «Wenn man mit Meditation beginnt, kommt zuerst ein Gedankengewitter, bevor sich allmählich Ruhe ausbreiten kann. Es ist, als ob jemand an die Türe klopft, der reingelassen werden will und den man nicht sehen will.»

Rustem beschreibt die Stille auch als das Blau hinter den Wolken, das nur durch Klarheit sichtbar wird. In seiner subtilen Choreografie zu der Musik von Micheal Gordons «Weather One» sind es Körper in fliessenden Bewegungen, Formen, die entstehen und aus­einandergerissen werden.

«Ich lebe meinen Traum»

Die Tanzcompagnie von Konzert Theater Bern macht ihre Sache gut. Rustem gibt das Tempo mit ruhiger Stimme vor, seine An­leitungen kommen in Englisch und werden mit einem «Isch ­guet?» abgeschlossen. Die Zen­triertheit aus dem Buddhismus ist bei Rustem deutlich spürbar. Für einen Choreografen, der gefragt ist und schon für Les Ballets Jazz de Montreal, das Hubbard Street Dance Chicago oder Introdans in Holland gearbeitet hat, womöglich existenziell. «Ich lebe meinen Traum», sagt er mit jungenhaftem Charme, und das Gletscherblau seiner Augen leuchtet. «Ich stehe am Morgen auf und liebe das, was ich mache.» Wetten, dass der smarte Brite einmal wieder nach Bern zurückkehrt? «Tabula rasa»:Ballettstücke von Estefania Miranda, Ihsan Rustem und James Wilton. Premiere am Fr, 16. Februar, 19.30 Uhr, Vidmar 1, Köniz. Vorstellungen bis 21. April. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.02.2018, 14:01 Uhr

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