Murten

Kinder mimen Waisen

MurtenBei einem Casting für das Murtener Freilichttheater «Helvetische Revolution» hat sich eine Gruppe Kinder vorgestellt. Machen sie auch mit?

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Kindercasting im Hotel Murten. Regisseur Mirko Vogelsang öffnet die Tür. Acht Mädchen mit ihren Müttern treten ein, setzen sich und schauen erwartungsvoll nach vorne. «Versteht ihr mich, wenn ich hochdeutsch rede?», fragt Vogelsang in die Runde. «Jaaaa», tönt es achtstimmig zurück.

«Ich bin Mirko», stellt sich der Regisseur vor. Für das Freilichttheater «Helvetische Revolution» (siehe Box) will er die Kinder weder etwas vorsprechen noch vorspielen lassen, sondern ihnen erklären, was sie erwartet: Sie werden arme Waisenkinder darstellen, die der Pädagoge Heinrich Pestalozzi unter seine Fittiche nimmt.

Bloss: Wie erklärt man heute Kindern, wann das Jahr 1798 war? Was Armut ist und wie das Leben vor über 200 Jahren aussah? Vogelsang versuchts: «Ihr werdet schmutzige, arme Kinder sein, wie sie vor ganz, ganz, ganz langer Zeit gelebt haben.» Ohne Spielkonsole und ohne Fernseher hätten die Kinder auskommen müssen. Sie waren hungrig und mussten auch im Winter barfuss gehen. «Könnt ihr euch das vorstellen?» Die Mädchen schauen einander an, einige nicken, andere kichern. «Ja», sagt die Älteste, die schon 14 ist.

Heinrich Pestalozzi wird die armen Kinder aus ihrem Elend erlösen: «Der Mann gibt ihnen Kleider, Schuhe und Essen, und er lehrt sie lesen und schreiben», erklärt der Regisseur weiter.

Dreimal werden die Kinder im Freilichttheater auftreten. Beim ersten Auftritt werden sie traurig dreinschauen müssen, beim zweiten hoffnungsvoll, und zuletzt sind sie gekleidet, gut genährt und schauen zufrieden drein. Vogelsang möchte, dass sich die Kinder das vorstellen, sich einfühlen: «Wir wollen den Zuschauern ja nicht die Illusion nehmen. Versteht ihr das?» Dass ein Theater ähnlich ist wie ein Film, einfach mit lebenden Darstellern, können die Kinder offenbar gut nachvollziehen.

Sechs Wochen Proben

Von Ende März bis zur Premiere werden auch für die Kinder Kostüme und Requisiten hergestellt, damit sie bereit für den grossen Auftritt sind. Gleichzeitig wird sechs Wochen lang geprobt. Bis zum grossen Tag: «Da werden viele Leute vor euch sitzen, vielleicht auch solche, die ihr kennt. Dass dann niemand ruft: ‹Hallo Tante Emmi!›» Wieder Kichern und ernsthaftes Nicken, das in Begeisterung mündet, als Vogelsang fragt: «Wer will mitmachen?»

Die Hände gehen in die Höhe. Die Theaterverantwortlichen versichern den Eltern, dass die Kinder jederzeit betreut sein werden. Caroline Lehmann ist dafür angestellt und wird das Bindeglied zwischen den Kindern und den Eltern sein, denn für Letztere gibt es Backstage keinen Platz.

Lange Abende

Vogelsang und Co-Produzentin Morena Neuhaus sind sich einig: Es braucht 40 Kinder, damit an den 32 Vorstellungen jeweils 20 pro Abend spielen können. 40 haben sich fürs Casting angemeldet – da bleibt wenig Spielraum, aber Hoffnung, dass sich noch ein paar weitere als Reserve finden.

Am 18.?Mai ist Premiere. Dann beginnt der Ernstfall und damit harte Arbeit. Obschon der Spielbeginn auf 19.30 Uhr angesetzt ist, werden die Abende für die Kinder lang sein, denn sie sollen bis zur Schlussverbeugung bleiben. Mit der langen Pause dazwischen sinds eher vier als drei Stunden. Aber was solls?

Auf Vogelsangs Frage: «Wir erzählen eine Geschichte, habt ihr Lust dazu?», kommt Bewegung in die Mädchengruppe. Sie sind begeistert, rufen lachend Ja. Der Regisseur ist überzeugt, dass sie ihn verstanden haben: «Die heutigen Kinder sind weiter, als wir glauben, und verstehen genau, dass es Kinder gibt, die wirklich nichts haben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 27.11.2015, 07:01 Uhr

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Infobox

Revolution - Eine Idee von Freiheit heisst das Stück, das um 1798 spielt. In dieser Zeit, die auch Helvetik genannt wird, fanden in vielen Teilen Europas und auch in der Eidgenossenschaft Freiheitskämpfe statt. Im Freilichttheater hoch ober dem Murtensee wird der Widerstand gegen die französischen Revolutionstruppen gezeigt, die damals in die Schweiz einmarschierten.
Eine tragende Rolle spielt Johann Heinrich Pestalozzi (gespielt von Christoph Gaugler), der angesichts des herrschenden Elends zum Waisenvater und Erneuerer der Pädagogik in der Schweiz wurde. Den jungen Pestalozzi stellt Fabian Guggisberg dar. Auch Politiker sind dabei: Niklaus Friedrich von Steiger, der letzte Schultheiss von Stadt und Republik Bern spielt Daniel Ludwig. In der weiblichen Hauptrolle als Journalistin Daphné ist Annina Butterworth zu sehen. Weitere tragende Figuren: Daphnés Mitstreiter und Liebhaber André (Dimitri Stapfer); Franziska Romana (Marlen Oberholzer), Zeitungs-Verleger Wolf (Moritz Sachs); Sprecher und Moderator Peter Ochs (Dominik Gysin); Diplomat und Bildungsminister Philipp Albert Stapfer (Manuel Löwensberg); Karl Albrecht von Frisching (Roland Hermann). (lfc)

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