In der Männerbastion Oper

Cordula Däuper inszeniert «Il barbiere di Siviglia» von Rossini im Stadttheater Bern. Warum ist sie eigentlich fast die einzige Frau auf weiter Flur, die Musiktheaterregie macht?

Regisseurin mit dem Händchen fürs komische Fach: Cordula Däuper. Foto: Christian Pfander

Regisseurin mit dem Händchen fürs komische Fach: Cordula Däuper. Foto: Christian Pfander

Michael Feller@mikefelloni

Der ganz normale Wahnsinn. Die Woche vor der Premiere von Rossinis «Il barbiere di Siviglia» ist wild und für die Beteiligten nervenaufreibend. Nun wird auf der Stadttheaterbühne geprobt, alles kommt zusammen, die Sänger, das Orchester, das Bühnenbild und das Licht. «Es ist wie immer. Es gibt noch viel zu tun», sagt Cordula Däuper zwischen zwei Proben im Berner Theatercafé Vierte Wand. Sie ist Regisseurin der Produktion. Und das macht den ganz normalen Wahnsinn speziell. Denn sie ist als Frau die Ausnahme auf ihrem Posten.

Opernregie ist eine Männerbastion. «Es könnte noch schlimmer sein. Dirigentinnen und Komponistinnen gibt es noch viel weniger», sagt Däuper und lacht. Sie ist keine, die sich auf Rollenbilder versteift. «Plötzlich ist das ein Thema. Noch vor ein paar Jahren habe ich nicht so viel darüber nachgedacht.» Seit im Nachzug der #MeToo-Debatte die Machtstrukturen in aller Munde sind, macht man sich auch in der Kultur darüber Gedanken, besonders in der teils sehr hierarchischen Theaterwelt.

22 Männer, eine Frau

In der Musiktheatersparte, in der Regisseurinnen und Regisseure in der Regel personalintensive und deshalb teure Produktionen verantworten, ist das Missverhältnis am eklatantesten. In Berlin gibt es in der aktuellen Spielzeit an allen Häusern total 22 Opernpremieren. 21 Stücke werden von Männern inszeniert, eines von einer Frau. Am Zürcher Opernhaus haben von den 30 Stücken, die auf dem Spielplan stehen (mit Wiederaufführungen), ganze 4 eine weibliche Regie. Bei Konzert Theater Bern, das diese Spielzeit 6 Produktionen realisiert, kommen auf 4 Regisseure immerhin 2 Frauen. Im deutschsprachigen Raum liegt der Frauenanteil im Schnitt bei 20 Prozent.

Cordula Däuper berichtet von Dietmar Schwarz, Intendant der Deutschen Oper Berlin, der jüngst erklärte, es gebe einfach nicht genug Regisseurinnen, die seine grosse Bühne bespielen könnten. «Natürlich gibt es einige Frauen, die erfolgreich an grossen Häusern Oper machen», sagt Cordula Däuper. Etwa Amélie Niermeyer, die an der Münchner Staatsoper «Otello» inszeniert. Däuper hat sich noch nicht ganz dieses Renommee erarbeitet, dafür bleibt aber auch noch Zeit. Wobei: Ihr Alter verrät sie nicht. «So wird man noch lange als ‹die junge Regisseurin› bezeichnet», sagt sie und lacht. In der Opernszene ist die Tabuisierung des Alters nicht unüblich – aber nicht alle schaffen es, ihren Jahrgang so erfolgreich zu verschweigen wie die mutmassliche Enddreissigerin aus Berlin. «Ich sage immer: Ich bin 29, allerdings schon etwas länger.»

Nach ihrem Studium an der Hochschule Hanns Eisler in Berlin hat Cordula Däuper seit 2005 an diversen Häusern inszeniert, in Berlin, in Lübeck, Weimar und Mannheim. Bereits zweimal in Bern, wo sie unter anderem 2012 Rossinis «La cenerentola» aufführte. Ihre Spezialität ist das komische Fach.

Förderer sind Männer

Wer nach Gründen sucht fürdas Geschlechterungleichgewicht, wird sicher an einem Ort nicht fündig: an den Theaterschulen. Seit vielen Jahren sind die Frauen in der Regieausbildung tendenziell übervertreten. Das Problem scheint im Übergang in die Berufswelt zu liegen, der für Regisseurinnen und Regisseure besonders schwierig ist: Wer keine Arbeit vorzuweisen hat, erhält keine Engagements. Das heisst: Am Anfang jeder Karriere steht jemand, der an einen glaubt. An diesem Punkt scheitern einige Frauen bereits. Womöglich, weil oben meist Männer sind. «In Deutschland gibt es 71 Opernhäuser oder -sparten, 6 davon werden von einer Frau ge­leitet», sagt Däuper, «da sind wir noch nicht ganz bei 50 Prozent, oder?»

Beim Thema Frauenquote ist die Regisseurin unentschieden: «Natürlich möchte ich aufgrund meiner Arbeit engagiert werden und nicht wegen meines Geschlechts. Aber eine Quote könnte sinnvoll sein, damit die Theater quasi gezwungen würden, ein grösseres Augenmerk auf Inszenierungen von Frauen zu legen.»

Wann wird es so weit sein, dass gleich viele Frauen wie Männer zum Zuge kommen? «Das wird bestimmt leider noch lange dauern», sagt Däuper. Der ganz normale Wahnsinn.

Premiere «Il barbiere di Siviglia»: So, 18 Uhr, Stadttheater Bern.

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