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Ricky der Brave

Linke attackieren einen linken britischen Komiker, Rechte loben ihn: Humorlosigkeit wird zum Politikum.

Jean-Martin Büttner
Der Moderator Ricky Gervais schont keine und keinen, wie es sich für einen Komiker gehört, der seinen Job macht. Foto: Keystone
Der Moderator Ricky Gervais schont keine und keinen, wie es sich für einen Komiker gehört, der seinen Job macht. Foto: Keystone

Er tritt diesen Freitag in Zürich auf. Der Anlass ist ausverkauft, schon lange. Zum letzten Mal aufgefallen ist Ricky Gervais vor zehn Tagen, als er in Los Angeles die 77. Golden Globes moderierte und dabei die geladenen Stars verhöhnte. Kollektiv und einzeln.

Der linke britische Sarkastiker, in den Nullerjahren berühmt geworden mit seiner Fremdschämserie «The Office» und seit Jahren für fiese Moderationen berüchtigt, machte sich über Transgender-Personen lustig, über falsche weisse Toleranz, über Martin Scorsese (zu kleiner Mann) und Leonardo DiCaprio (zu junge Frauen).

Zum Schluss seiner Einführung ­warnte er die Gäste davor, bei einer Preisannahme ein politisches Statement abzugeben. «Ihr seid die Letzten, die das Publikum über irgendetwas belehren dürfen. Ihr habt keine Ahnung von der richtigen Welt. Die meisten von euch waren seltener in der Schule als Greta Thunberg.»

Also schonte der Moderator keine und keinen, wie es sich für einen Komiker gehört, der seinen Job macht. Und natürlich setzte es die Kommentare jener ab, die ihre Humorlosigkeit mit Aufklärung verwechseln. «Is Ricky Gervais Rightwing?», fragten einige bange, andere nannten ihn homophob und rassistisch.

Egal, was man von ihm hält, eines muss man ihm lassen und ihn dafür ­loben: Ricky Gervais ist gegen alle gleich gemein.

Umgekehrt gab es von rechts triumphierendes Lob. Im royalistischen «Daily Mail» stemmte die Kolumnistin Sarah Vine Gervais zum «Retter der Menschheit und des Komischen, zum Retter auch der Vernunft» hoch, was mehr über ihren Stil aussagt als über seine Qualifikationen.

So wie man den Komiker einschätzt, hat er die Reaktionen von beiden Seiten nicht nur erwartet, sondern erhofft. Alles andere wäre ein Zeichen seines Versagens gewesen. Und egal, was man von ihm hält, eines muss man ihm lassen und ihn dafür ­loben: Ricky Gervais ist gegen alle gleich gemein.

Sie werden sich vielleicht fragen: Noch ein Text gegen die politische Korrektheit? Noch eine Apologie des rücksichtslosen Humors? Noch einmal die Beteuerung, dass es kein anständiges Lachen gibt und niemals eine korrekte Komödie geben wird? Weil nämlich das Lachen wie auch die Blasphemie und die Obszönität aus der Triebsuppe des Unbewussten schöpfen und die Niedertracht zum Ziel haben.

Ja, das ist schon oft gesagt worden. Aber etwas anderes ging vergessen. Nämlich wie kompatibel sich Gervais’ Verhöhnung letztlich ausnahm. Sein Spott erinnert an den berühmten Kritikersatz, die Rolling Stones seien nie etwas anderes gewesen als «das bisschen Paprika auf dem atomaren Abendbrot». Man könnte auch sagen, ein klein wenig aktueller: Gervais’ Auftritt produzierte den Webfehler, der die Matrix am Laufen hält.

Solange alle Beschimpften im Saal bleiben, feiern sie die Verhöhnung durch den Komiker als Ausdruck ihrer eigenen Liberalität.

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