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Zermatt kann jung und sexy sein

Vor Jahren zog ein Berner aus, um im Wallis weltbekannte Musiker im intimen Rahmen zu präsentieren. Unternehmer Thomas Sterchi gründete am Fusse des Matterhorns das Musikfestival Zermatt Unplugged.

Trendiges Aushängeschild vor weltberühmter Kulisse: Andrea Bignasca am Zermatt Unplugged. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)
Trendiges Aushängeschild vor weltberühmter Kulisse: Andrea Bignasca am Zermatt Unplugged. Foto: Jean-Christophe Bott (Keystone)

Da war zum einen das Matterhorn. Das 4478 Meter hohe Wahrzeichen der Schweiz, das Zermatt Weltruhm brachte. Unverrückbar ist es und unverzichtbar für den Schweizer Tourismus. Und da war zum andern der Berner Thomas Sterchi: Multimillionär, Mäzen und Musikliebhaber. Ein Geldgeber traf auf einen Hotspot und hatte eine Idee, die den Einheimischen vor acht Jahren nur ein müdes Lächeln abrang. Ein akustisches Musikfestival im Wallis? Wieder einer, der vom Ruhm Zermatts profitieren will. Erst wenn es gut läuft, springt man da auf den Zug auf: Heute gilt das Musikfestival Zermatt Unplugged als etabliert. Die Zahlen vom letzten Jahr sprechen für sich: 26'000 Besucher, 13 Bühnen und zum ersten Mal eine schwarze Null.

Als am Dienstagmittag die Bündner Band From Kid das Festival auf einer der Nachwuchsbühnen eröffnet, trinkt Thomas Sterchi Champagner. 45 Jahre ist er alt. Die schwarze Sonnenbrille sitzt, die schwarze Lederjacke auch. Ihm fehlte damals die Kultur hier oben, sagt er. 2007 hatten er und sein Geschäftspartner Marco Godat die Idee für ein Singer-Songwriter-Festival. Schnell merkte Sterchi, dass er das gesamte Dorf involvieren muss. Der Neid, der ist überall.

Alle haben immer dran geglaubt

Die Anfänge waren schwierig. Die Unterstützung minimal. Das Misstrauen gross. 2009 wurde das Festival abgesagt. Man konnte sich auf kein Datum einigen. Die Bergbahnen nutzten den Ausfall und organisierten ein Pendant mit dem ­Namen Zermatt Sounds. Und scheiterten damit. «Das war eine Nummer zu gross für uns», sagt Daniel Luggen, der Kurdirektor von Zermatt Tourismus. «Der Misserfolg des Zermatt Sounds hat das Unplugged beflügelt. Wir haben bemerkt, dass wir so was alleine nicht hinbekommen.» Der Tourismusverband beteiligt sich auch finanziell am Zermatt Unplugged. Die Zahlen werden gern genannt: rund 300'000 Franken. Man habe auch stets an das Festival geglaubt, fügt er noch an.

Und noch einer sieht sich in einer Schlüsselposition beim neuen, trendigen Aushängeschild: Gemeindepräsident Christoph Bürgin. Er habe es 2009 in die Hand genommen und alle Leistungs­träger an einen Tisch gebracht. Sterchi habe sich zu wenig unterstützt gefühlt. «Wegen des Festivals kommen grosse Lastwagen ins autofreie Zermatt. Für uns war es nicht unumstritten.» Auch er nennt Beträge. 90'000 bis 100 000 Franken zahlt die Gemeinde. Und auch er habe immer an das Festival geglaubt.

Das Festival findet bewusst kurz nach Ostern statt. So lassen sich einige Gäste einige Tage länger oben behalten. «Der genaue Erfolg ist schwer messbar. Wir wissen aber, dass der April sehr stark ist, seit das Festival angezogen hat», sagt Luggen. Das Gesamtbudget des Festivals liegt bei 3,6 Millionen Franken. Zermatt Tourismus habe natürlich ein grosses Interesse daran, dass die Marke Zermatt in einem anderen Zusammenhang promotet wird, sagt Katja Hackl, Marketing­chefin des Festivals. Sie wollen damit zeigen, dass Zermatt auch jung und sexy sein kann. Und das neue Image darf ­ruhig was kosten. Der Medienwert der Marketingkampagne liegt bei 2,5 Millionen. Eine Investition, die sich offenbar auszahlt. Laut Sterchi hat die Tourismusfachschule Chur eine Wertschöpfungsanalyse angestellt und ist auf bis zu sieben Millionen Zusatzeinnahmen für Zermatt gekommen.

Unplugged ist nicht unplugged

Nicht eingesteckt ist an diesem Festival nichts. Unplugged: das ist ein dehnbarer Begriff. Man wolle nicht Polizei spielen und definieren, was denn unplugged bedeutet. «Die Künstler sollen mit einem akustischen Set unterwegs sein, oder, was häufiger der Fall ist, sie arrangieren ihre Musik um. Das ist auch vertraglich so festgehalten», erklärt Sterchi, der das Booking der Hauptbühnen macht. In diesem Jahr hat er unter anderem Patricia Kaas und James Blunt verpflichtet. Er wählt die Künstler mehrheitlich nach seinem Geschmack aus. Und achtet auf eine gute Durchmischung. Diese will sich bei seinem Publikum nicht so recht einstellen. Da trifft man wenig an, was jung und sexy ist. Vielmehr tummeln sich da eben doch viele teure Marken­jacken und Silver Ager. Der typische Zermatt-Unplugged-Besucher sei zwischen 25 und 65, eher besser gebildet und besser verdienend, beschreibt Hackl den Besuchertypus. Und so bleibt von der Klientel her wohl vieles beim Alten.

Am Dienstagnachmittag, als die Sonne besonders brannte, trat der Engländer JP Cooper auf. Auch Sterchi ist da. Mitten im Set springt er auf und reicht Cooper eine Tube Sonnencreme. Einige Zuschauer applaudieren. «Es ist eine grosse Genugtuung, dass wir so eine Unterstützung und Wertschätzung erleben dürfen», sagt Sterchi. Und dann erzählt er noch eine Anekdote. Da bedankten sich zwei Mädchen bei ihm für das Zermatt Unplugged. Das sei für ihn ein bewegender Moment gewesen, sagt der Multimillionär, der zwischen lauter Viertausendern, die nicht zu bewegen sind, etwas bewegt hat.

Zermatt Unplugged läuft noch heute und morgen, u.a. mit Melissa Etheridge und Travis. www.zermatt-unplugged.ch

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