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Wirbel macht er selten

Charlie Watts gibt mit seinen Rolling Stones das erste Jubiläumskonzert zum 50. Geburtstag.

«Langhaarige Asoziale»: Mick Jagger beim Friseur. Aus: «Bill Wymans Rolling Stones Story» / Dorling Kindersley
«Langhaarige Asoziale»: Mick Jagger beim Friseur. Aus: «Bill Wymans Rolling Stones Story» / Dorling Kindersley
Terry o Neill
Nach dem Konzert kommt es zu Ausschreitungen. 400 Polizisten und ein Wasserwerfer sind nötig, um die Menge zu bändigen.
Nach dem Konzert kommt es zu Ausschreitungen. 400 Polizisten und ein Wasserwerfer sind nötig, um die Menge zu bändigen.
Keystone
Endet alles mit dem Urknall? 2007 stand die Band auf ihrer A-Bigger-Bang-Tournee zum letzten Mal gemeinsam auf der Bühne.
Endet alles mit dem Urknall? 2007 stand die Band auf ihrer A-Bigger-Bang-Tournee zum letzten Mal gemeinsam auf der Bühne.
Jessica Rinaldi, Reuters
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Er hat ein Gesicht wie Buster Keaton und lässt sich schwer beeindrucken. Sein Vater fuhr Lastwagen, der Sohn geht in Massanzügen. Er lebt seit 48 Jahren mit seiner Frau Shirley Shepherd zusammen; sie haben eine Tochter, wohnen auf dem Land und züchten Pferde. Er hat Werbegrafik gelernt und zeichnet jedes Hotelzimmer ab, das er bezieht. Er versteht sich als Jazzmann, der aus Versehen zum Rock ’n’ Roller wurde, spielt nebenbei in einer Big Band, einem Jazz-Quintett und mit zwei Boogie-Pianisten. Er gibt ganz gern Konzerte, wäre abends aber am liebsten daheim. Man sieht ihm an, dass er die ganze Aufregung für übertrieben hält. Er begann spät zu fixen und zu viel zu trinken und hörte auf, ohne dass jemand eines von beidem merkte.

Er heisst Charlie Watts, spielt Schlagzeug bei den Rolling Stones und wird am Sonntag in London das erste von fünf Konzerten geben. Es sind Jubiläumskonzerte zum fünfzigsten Geburtstag der Band.

Ihre Mitglieder wissen, dass Charlie der Boss ist. Ohne Mick Jagger gibt es keine Show, ohne Keith Richards gibt es keine gute Show, aber ohne Charlie Watts gäbe es die Band nicht mehr. Er hat oft das letzte Wort, entwirft mit Mick die Bühnenbauten, entschied sich für den Jazz-Bassisten Darryl Jones als Nachfolger für Bill Wyman, wird von Keith verehrt und nicht nur von ihm; alle in der Band möchten sein wie er. «Charlie Is My Darling» heisst ein früher Dokumentarfilm über die Band, auf der Hülle von «Get Yer Ya-Ya’s Out», dem Livealbum der Stones auf der Höhe ihres Könnens, sieht man nur ihn, und wenn der Sänger an den Konzerten die Band vorstellt, bekommt der Schlagzeuger die längste Ovation.

Dass Charlie der Chef ist, weiss sogar Mick

Er bleibt bescheiden. Seit fünfzig Jahren beschränkt sich Charlie Watts auf ein minimales Aufgebot: Basspauke, Snare, Hi-Hat, zwei Toms, drei Becken. Sein Spiel klingt trocken, aber federnd, stilbewusst und elegant: harte Linke, swingende Rechte. Obwohl er sich, der Autodidakt, als Techniker nicht hoch bewertet, wird er von vielen Schlagzeugern für seine Effizienz und seinen Ausdruck bewundert. Wirbel macht er selten, und es gibt kein einziges Schlagzeugsolo von ihm. Jeder Schlag zählt, weil keiner zu viel ist. Bis heute suchen junge Bands in Inseraten Schlagzeuger mit einem einzigen Satz: «Must play like Charlie Watts.»

Dass Charlie der Chef ist, weiss sogar Mick. Er musste in den letzten fünfzig Jahren nur ein Mal daran erinnert werden. Aber er hat es nicht vergessen. Die Band hatte sich 1984 in Amsterdam getroffen, Charlie schlief in seinem abgezeichneten Hotelzimmer, als ihn Jagger um fünf in der Früh anrief. Der Sänger war betrunken, und er fragte: «How’s my little drummer boy?» Der Schlagzeuger legte auf, zog sich an, rasierte sich, band die Krawatte und die Schuhe, ging hinunter in die Bar, packte Jagger am Kragen und schlug ihm ins Gesicht: «Sag nie mehr, ich sei dein Schlagzeuger. Du bist mein verdammter Sänger.» Mick fiel in die Lachsschnitten. Keith konnte knapp verhindern, dass der Schlagzeuger seinen Sänger in den Kanal warf. Charlie: «Warum hast du eingegriffen?» Keith: «Der Kerl hatte eine meiner Jacken an.» So jedenfalls beschreibt es der Gitarrist in seiner Autobiografie. Also ist es zu gut, um wahr zu sein. Aber den Rest bestreitet keiner, nicht einmal Jagger. Er ist auch nur der Sänger.

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