«Wir haben gekämpft bis zum Schluss»

Riedtwil

Eine eigene Augenoptikabteilung im Spital der Hauptstadt Kameruns. Professionell produzierter Rap in verschiedensten Sprachen. Der 25-jährige Joël Spörri aus Riedtwil im Oberaargau hat vieles gemacht. Und vieles erreicht. Seine Geschichte.

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Christian Häderli@ChriguHaederli

Vierzehn Jahre alt ist Joël Spörri, als er zum ersten Mal als Musiker auf der Bühne steht. Ihm gegenüber steht der Berner Rapper Greis, der von Spörri zum Freestyle-Battle herausgefordert wurde. Doch Spörri schummelt. Anstatt frei von der Leber loszureimen, gibt er einen auswendig gelernten Text zum Besten. Greis bemerkt den Schwindel und fordert Spörri dazu auf, Texte zu präsentieren, die ihm spontan in den Sinn kommen. Was dieser daraufhin probiert. «Greis hat nicht schlecht gestaunt», erinnert sich Spörri heute. «Er hat mir damals Mut zugesprochen, weiterzumachen. Natürlich hat aber Greis das Battle gewonnen», fügt er an. Entmutigen lässt sich der junge Joël dadurch nicht. Er bleibt dran.

Nach seiner Augenoptiker-Lehre nahm ihn sein Vater 2008 mit nach Kamerun. Nicht zum ersten Mal war Spörri dort, Kamerun ist sein Geburtsland. Überhaupt ist Spörri in den verschiedensten Ländern auf der ganzen Welt verwurzelt. Seine Grosseltern stammen aus Polen, Deutschland und der Schweiz. Die Mutter kommt aus Argentinien, Spörris Vater ist Schweizer, wurde in Frankreich geboren und wuchs in der Schweiz und in Kamerun auf. Dieser hat damals, vor 27 Jahren, in Kamerun ein Druckerei-Sozialprojekt aufgezogen. Die Druckerei ist heute noch erfolgreich in Betrieb.

Der Erfolg jenes Druckerei-Projektes war es schliesslich, der in Spörri den Wunsch weckte, selber ein Hilfsprojekt auf die Beine zu stellen. «Ich wurde dazu inspiriert, notbedürftigen Menschen etwas weiterzugeben, das ich selber kann und habe», sagt er dazu.

Armee als Geldquelle

Seine Vision: Leute in Kamerun mit Brillen versorgen, egal wie arm oder reich sie sind. «Ich kam zurück in die Schweiz, habe gebrauchte Brillen gesammelt und diverse Augenoptiker angefragt, ob sie mir Material zur Verfügung stellen könnten», erläutert Spörri sein Vorgehen. Auf diese Weise kam er zu zahlreichen Brillen, Maschinen und Instrumenten, die er nach Kamerun transportiert. Das Augenoptikerprojekt sollte in Yaoundé, der Hauptstadt Kameruns, entstehen. Ein Spital in Yaoundé stellte Spörri einen Raum zur Verfügung, in dem er die Optikermaschinen installierte.

Was ihm fehlte, war Geld. Spörri kehrte deshalb 2008 in die Schweiz zurück, wo er in die Armee einrückte. Er machte bis zum Rang des Wachtmeisters weiter – im Durchdienermodus. «All das Geld, das ich in der Armee verdiente, investierte ich in mein Kamerun-Projekt», erklärt Spörri. Wieder Zivilist, arbeitete Spörri vorerst für ein paar Monate bei einem Augenoptiker. Durch einige Zufälle stiess er schliesslich auf den Deutschen Grischa Engelhardt, der in Spörris Projekt investieren wollte. So kam es, dass Spörri und Engelhard zusammen nicht nur ein Konzept ausarbeiteten, sondern schliesslich gemeinsam für ein Jahr nach Kamerun reisten. Das Projekt sollte nicht nur auf dem Papier, sondern in der Realität existieren.

«Niemand kann uns etwas anhaben»

Die Anfangsphase des Projekts «Komm und Sieh» oder auf französisch «Viens et Vois» stellte sich als schwierig heraus. «Es gab echt Situationen, in denen wir am liebsten aufgegeben hätten», erinnert sich der 25-Jährige. «Doch wir haben gekämpft bis zum Schluss.» Mit «bis zum Schluss» meint Spörri sein Projekt, wie es heute existiert: Am 2. Juli 2012 wurde die Optikerabteilung im Hospital Bethesda in Yaoundé offiziell eröffnet. Nun arbeiten dort sieben Angestellte, darunter nicht nur zwei diplomierte Augenoptiker, sondern gar der Präsident des Augenoptikerverbands Kamerun. «Dies hat den grossen Vorteil, dass uns niemand mehr etwas anhaben kann,» meint Spörri dazu.

Zweimal wöchentlich kommt ein Augenarzt in der Optikerabteilung vorbei, der Beratungen anbietet und nötigenfalls auch Operationen durchführt, etwa wenn ein Patient unter dem Grauen Star leidet. «Komm und Sieh» ist aber nicht nur in Yaoundé aktiv: «Wir machen Einsätze in den Dschungel oder in die Wüste und gelangen so in schwer erreichbare Gebiete. Wir führen an diesen abgelegenen Orten Sehtests durch und verteilen Lesebrillen.»

Der Glaube als Antrieb

Die Frage ist naheliegend: Woher nimmt jemand den Elan und die Motivation, über mehrere Jahre hinweg etwas Derartiges aufzuziehen? «Ich bin ein gläubiger Christ», sagt der Oberaargauer. «Ich möchte den Menschen jene Liebe Jesu weitergeben, die er mir gegeben hat, indem ich hilfsbedürftigen Menschen mittels meiner Gaben etwas Gutes tun kann.» Geld, um Gutes tun zu können, erhält «Komm und Sieh» von einem regelmässig zahlenden Spendenkreis. Zudem hat Spörri in der Schweiz diverse Benefiz-Konzerte gegeben. Inzwischen veröffentlicht Spörri nämlich unter seinem Künstlernamen «Chéjs Romero» nicht nur regelmässig Raptracks, sondern versucht sich auch im Reggae.

Spanisch, Englisch, Französisch, Hochdeutsch, Berndeutsch und Pidjin

Spörri macht mit verschiedenen Leuten Musik. Unter anderem mit dem Produzenten «BONE beatz». Zusammen nennen sie sich «Starfish», unter diesem Namen wurde bisher eine EP und ein Album veröffentlicht. Vorwiegend rappt Spörri in Berndeutsch, aber auch in anderen Sprachen. Aufgrund seiner Herkunft beherrscht er Spanisch, Englisch, Französisch, Hochdeutsch, Berndeutsch und Pidjin, eine kamerunische Sprache. All diese Sprachen setzt er in seiner Musik ein.

In Kamerun nahm Spörri alias «Chéjs Romero» zusammen mit verschiedenen einheimischen Musikern das Album «Road to Zion» auf. Die Songs werden auf kamerunischen Radiostationen gespielt. Die inzwischen vier Videoclips, die dazu gedreht wurden, flimmern auf dem nationalen Fernsehsender über Kameruns Bildschirme (siehe links).

Spörris Texte drehen sich oft um Sinn- und Glaubensfragen. Spörri, der sich selber als extrovertiert bezeichnet, beschreibt, wie er geistig den Planeten Erde verlässt, wenn er beginnt zu schreiben. «Wie ein Schmetterling, zurückversetzt in seine Metamorphose, versinke ich in eine Welt voller Gedanken und Fragen über den Sinn des Lebens. Dies sind sehr persönliche und intime Momente. Für mich fühlen sich meine Texte an, als würde sich meine Seele auf einem Blatt Papier spiegeln.»

Das Augenoptikprojekt läuft eigenständig

In wenigen Tagen fliegt Spörri in die Schweiz zurück, um zum neuen Chéjs-Song einen Clip zu drehen. Der Track wird auf einer Compilation erscheinen, für die auch Berner Rap-Grössen wie Webba oder Jonny Bunko Songs beigesteuert haben.

Angst, dass das Augenoptikerprojekt ohne ihn zusammenbrechen wird, hat er keine. «Unsere Angestellten machen tolle Arbeit, daher wird der Laden problemlos auch weiterlaufen.»

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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