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Pop-Briefing: Ist Aldi die bessere Migros?

News zum Open Air St. Gallen, ein beleidigter Kanye West und die Antwort auf die Frage: Wie würde Gainsbourg heute klingen?

Die Sängerin der belgischen Gruppe Warhaus wandelt neuerdings auf Solopfaden.
Die Sängerin der belgischen Gruppe Warhaus wandelt neuerdings auf Solopfaden.
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Das muss man hören

Der Herbst ist offenbar eine günstige Zeit, um wundertolle Musik zu veröffentlichen. Und weil der Platz begrenzt ist, um den ganzen Zauber hier abzubilden, sei dringend auf die Spotify-Liste am Ende dieser Kolumne hingewiesen, auf der diese Woche 29 neue Erquickungs-Songs zu finden sind.

Einer davon ist «Hope Dreams» von Piers Faccini. Der in Frankreich lebende Engländer hat vor zehn Jahren sein bisheriges Paradealbum «Two Grains of Sand» eingespielt und ist hernach ein bisschen von unserem Radar verschwunden. Mit dem neuen Lied – der Vorbote einer nächste Woche erscheinenden EP – knüpft er an seine besten Zeiten an: In aller Leichtigkeit hingetupfte Schwermut mit leichtem Folk-Einschlag.

Als Vorsteher der Gruppe Bloc Party hat es Kele in den Olymp des britischen Indie-Rock geschafft. Mit seinem Soloprojekt Kele watete er bisher durch eher seichte Distrikte der Club-Musik. Das neueste Album ist nun weit eklektischer ausgefallen und wedelt zwischen Pop, Afro und Elektro. Nicht alles ist prima. Doch mit «Guava Rubicom» ist ihm ein Wurf gelungen. Empfohlen für alle, die Depeche Mode nett finden.

Wer eher die Talking Heads nett fand, der wird das Golden Dawn Arkestra lieben. Das kunterbunte Kollektiv aus Austin, Texas, verrührt Disco, New Wave, Afrobeat und nicht näher definierbaren texanischen Irrsinn zu süffiger Tanzmusik.

Sylvie Kreusch gehörte die weibliche Hauchstimme, welche die Pop-Noir-Songs der belgischen Gruppe Warhaus veredelte.

Nun hat Sylvie Kreusch eine EP unter eigenem Namen eingespielt. Geblieben ist die unverschämte Coolness, mit der hier die Stilschubladen zertrampelt werden. Das Ergebnis: Ein schlurfiger Indie-Pop-Song mit leichtem Fernost-Einschlag.

Darüber wird gesprochen

Das Open Air St. Gallen gehört – zusammen mit dem Paléo in Nyon – zu den Parade-Festivals der Schweiz. Letztes Jahr war es erstmals seit Jahren nicht mehr ausverkauft, in diesem Jahr folgte ein Publikumseinbruch um 10 Prozent und ein Defizit in unbekannter Grösse. Seither munkelt man in der Szene, dass das Festival im Sittertobel der heisseste Kandidat für die Übernahme durch einen Konzertmulti sei. Der amerikanische Branchenprimus Live Nation hat angekündigt, sich künftig vermehrt in die Schweizer Festival- und Konzertlandschaft einmischen zu wollen, nachdem er 2017 bereits die Aktienmehrheit des Hip-Hop-Open-Airs Frauenfeld aufgekauft hatte.

Seither wird jede auffällige Regung in St. Gallen minuziös beobachtet. Und so wurde man hellhörig, als letzte Woche verkündet wurde, dass die Migros – seit 2001 Hauptsponsor des Festivals – aussteige. Der Konkurrent Aldi übernimmt ab sofort. Man sei bei den Verhandlungen um eine Vertragsverlängerung auf keinen gemeinsamen Nenner mehr gekommen, sagte der Migros-Mediensprecher. Nun wird gemutmasst, ob der Wechsel des Hauptsponsors ein Indiz dafür sei, dass ein Besitzerwechsel bevorsteht. Allerdings würde dies – wenn schon – eher auf den zweiten grossen Festival- und Ticketing-Multi CTS Eventim hindeuten. Dieser richtet unter anderem die Festivals Greenfield, Southside und Deichbrand aus. Deren Sponsor: Aldi.

Aldi mischt sich ohnehin vermehrt ins Musikgeschäft ein, und neuerdings auch ins lukrative Ticketing. So wurde kürzlich bekannt, dass die Gruppe Die Fantastischen Vier eine Kooperation mit Aldi eingegangen ist. Die Tickets für die kommende Fanta-4-Tournee werden exklusiv von Aldi vertrieben, dafür soll ein höherer einstelliger Millionenbetrag an die Band geflossen sein. Die Fans mussten für den Erwerb ihrer Tickets allerdings extra eine Aldi-Filiale aufsuchen, einen Kassenbon mit einem Code erwerben, diesen im Internet einlösen, um die Tickets dann letztlich per Post zugestellt zu bekommen.

Droht ein solch umständliches Prozedere nun auch den St. Gallern? Werden die Fantastischen Vier einer der Headliner im Sittertobel sein? Fragen über Fragen. «Nein», sagen die Veranstalter. Aldi werde nicht das Ticketing übernehmen, und Fanta 4 spielen 2020 nicht am Open Air. Zu den restlichen Gerüchten wolle man sich nicht äussern. Man werde sich melden, falls es Veränderungen geben sollte.

Das Schweizer Fenster

So rein rhythmisch ginge dieser Song des Lausanners Alain Chanel beinahe als karibischer Reggaeton durch. Doch was sich da nach 17 Sekunden erhebt, ist keine genretypische Latino-Autotune-Stimme, sondern eine gehauchte Erotomanen-Stimme auf Französisch, deren Ähnlichkeit zu jener von Serge Gainsbourg ausdrücklich gewollt ist. In diesem Song riecht es nicht nach alkoholischen Süssgetränken, sondern nach ausgehauchtem Zigarettenrauch.

Was dieser dandyhafte Sänger und Dichter aus Lausanne hier auftischt, ist von staunenswerter Coolness. Bisher ist Alain Chanel als DJ und als Produzent von Werbespots namhafter Firmen auffällig geworden. Für sein Debüt hat er sich nun mit dem Produzenten Ian Caple zusammengetan, der schon für Künstler wie Tricky, Yann Tiersen, Alain Bashung oder Kate Bush zusammengearbeitet hat. Ausserdem steuerte der Tindersticks-Bassist Dan McKinna einige Tieftöne bei. Das Resultat: elf Finster-Chansons – definitiv nicht die richtige Musik, um mit dem Rauchen aufzuhören.

Was blüht

Der verhaltensauffällige Kanye West ist beleidigt. Nicht weil sein neues Album «Jesus Is King» eher skeptisch beurteilt wurde, sondern weil er von «Forbes» kürzlich bloss zum viertreichsten Hip-Hop-Musiker der Welt erkoren wurde. Sein Vermögen wurde vom Magazin auf 238 Millionen Franken geschätzt, er selber schätzt es allerdings auf weit über eine Milliarde.

Nun will er – als Protest – seinen Namen ändern. Und zwar in: Christian Genius Billionaire Kanye West. Ein entsprechendes Autokennzeichen soll er schon in Auftrag gegeben haben. Das Dumme ist: Der Mann meint das ernst.

Das Fundstück

Die französische Region Loire ist bekannt für mannigfaltig Sachen. Da gibts Aal mit Pflaumenpastete, es gibt in Fett karamellisierte Speckscheiben oder bläuliche Schokolade. Bisher eher nicht bekannt war, dass die Region auch eine der witzigsten Calypso-Bands beheimatet. Sie heisst The Loire Valley Calypsos und hat 2017 ein überaus gut gelauntes Vintage-Calypso-Album namens «Chalonnes Island» veröffentlicht, das sich bestens dazu eignet, das Graue vom Himmel zu holen. Doch hört und urteilt selbst:

Die Wochen-Tonspur

In der heutigen Tonspur finden sich unter vielem anderem ein neuer Song der Flamenco-Revoluzzerin Rosalia, Rudimentär-Ragga von unserem Liebling Magugu, Jazziges von Natacha Atlas, Ungestüm-Rap von Haiku Hands, und das Ensemble Third Coast Percussion spielt Philip Glass auf dem Vibrafon.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für ausgedehnte Herbstspaziergänge.

Jeden Dienstag schreiben die Musikredaktoren Ane Hebeisen und Benedikt Sartorius in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

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