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Pop-Briefing: Der «Godfather of Rap» grüsst aus dem Jenseits

Heute in der Popkolumne: Gil Scott-Herons letztes Album in einer neuen Fassung, die Oscars – und eine Clip-Premiere mit Dachs.

Er bleibt präsent: Gil Scott-Heron. Foto: Mischa Richter
Er bleibt präsent: Gil Scott-Heron. Foto: Mischa Richter

Das muss man hören

Vor zehn Jahren ist «I'm New Here» von Gil Scott-Heron erschienen. Der «Godfather of Rap» erzählte da, wie er aufgewachsen ist – in einem Zuhause, das einige als «broken» abgetan haben – und wie ihn New York beinahe umgebracht hat.

Wie berührend und aufwühlend die Lebensgeschichte von Scott-Heron, der im Mai 2011 gestorben ist, noch immer ist, kann nun erneut überprüft werden – dank der neuen Version von «I'm New Here», die Makaya McCraven produziert und aufgenommen hat. «We're New Again», wie die Interpretation des Schlagzeugers heisst, ist nicht einfach eine Remix-Fingerübung, sondern sie schliesst die rauen Erzählungen von Scott-Heron mit spirituellem Jazz und federnd eingespielten Hip-Hop-Beats kurz. Das ursprüngliche Album – und insbesondere Tracks wie der Titelsong oder «I'll Take Care of You» – erhalten eine universale Dimension. Auch weil Makaya McCraven, dieser grosse Jetzt-Musiker, die verschiedenen Zeitebenen auflöst.

Aber nicht, dass «We're New Again» nun unverfänglich klingen würde: Die Spitzen und die Narben, die Gil Scott-Heron auf dem ursprünglichen Album geschildert hat, treten nur umso deutlicher in den Vordergrund. Und wir bleiben zurück und hören dieses meisterhafte Album immer wieder an.

Dann gilt es noch auf zwei fantastische Singles hinzuweisen, die am Montagabend veröffentlicht wurden. Da ist einerseits «4 American Dollars» von Meg Remy alias U.S. Girls, der in die Disco zieht – und prekäre Arbeitsverhältnisse beschreibt.

Sowie «Cars in Space», der neue so lockere und doch sehr drängende Song der Rolling Blackouts Coastal Fever, der einmal mehr die Vermutung bestärkt: Dies hier ist vielleicht die beste Gitarrenband der Gegenwart.

Darüber wird gesprochen

Über Hildur Guðnadóttir. Die Isländerin hat für ihre Filmmusik für «Joker» am Sonntag einen Oscar gewonnen – als dritte Frau in ihrer Kategorie. In ihrer Dankesrede, die auch auf Alben der Doom-Metaller Sunn O))) zu hören ist, sagte sie dann: «An alle Mädchen, Frauen, Mütter, an alle Töchter, die in sich drin die Musik sprudeln hören, bitte werdet laut. Wir müssen eure Stimmen hören.»

Hier hat die Oscar-Gewinnerin auch mitgewirkt: «Between Sleipnir's Breaths» von Sunn O))).

Mit dem Preissegen für Hildur Guðnadóttir – die neben dem «Joker»-Golden-Globe bereits den Emmy für ihren «Chernobyl»-Score gewonnen hat – holt die Branche gewissermassen nach, was einer anderen Cellistin und musikalischen Grenzgängerin bislang verwehrt geblieben ist. Mica Levi heisst sie und schreibt seit einigen Jahren Tonspuren, die Filme wie «Under the Skin», «Jackie» oder zuletzt «Monos» erst so richtig sehenswert machen.

Wer diese Filme schaut und hört und etwa auch «Uncut Gems» mit dem Soundtrack von Oneohtrix Point Never hinzunimmt, merkt rasch: Hier ist eine neue Filmmusikgeneration am Werk, die fernab vom Bombast eines Hans Zimmer oder Danny Elfman markante Spuren hinterlässt.

Das Schweizer Fenster

Wer ist gewöhnlich das schwächste Glied in der Kette einer Band? Es ist der arme Schlagzeuger, zumal dann, wenn er manchmal danebenhaut. Genau einen solchen armen Kerl beschreiben Dachs in ihrer neuen Single «Si händ dä Schlagzüger us dä Band grüert». Immerhin: Den Drummer lässt der Hit seiner ehemaligen Band nicht ganz kalt – so doof er ihn nun findet –, denn in seinem neuen Proberaum spielt er heimlich jeweils mit.

Zur Single haben Basil Kehl und Lukas Senn einen grossartig trashigen Clip veröffentlicht, in dem Dominik Kesseli – Schlagzeuger von Stahlberger – recht versunken diesen neuen Hit begleitet. Die Vorfreude auf das neue Dachs-Album «Zu jeder Stund en Vogelgsang» wächst so weiter.

Was blüht

Eine frische Bandwelle aus England. Nun, vielleicht ists bloss eine kleine Strömung, aber Formationen wie Working Men's Club oder Black Country, New Road spielen so, damit jeder mitkriegt: Hier gehts um etwas, und nicht nur um ein wohlberieselndes Algorithmus-Einerlei. Arty? Ja. Jungszeugs? Ja, auch – aber nicht nur.

Zum Reinhören empfiehlt sich etwa «Sunglasses», das knapp neunminütige Monster von Black Country, New Road, in dem die Poplandschaft vermessen wird («leave Kanye out of this!»). Oder die Singles von Working Men's Club, wie «Teeth», die im Remix von Anthony Naples noch zwingender ist.

Beide Bands veröffentlich(t)en ihre erste Musik auf demselben Label: Speedy Wunderground heisst es und wurde von Dan Carey – dem Produzenten von Kate Tempest, den ähnlich gehypten Black Midi oder Sophie Hunger – gegründet.

Das Fundstück

Ja, Streamingdienste können toll sein, doch sie versenken vieles. Beispielsweise Alben wie jene der Band Califone. Die Gruppe um Tim Rutili hat in den Nullerjahren eine sehr eigenartige Folkmusik gespielt, die sehr tief in den amerikanischen Traditionen wühlte. Entstanden sind damals Alben wie «Heron King Blues» oder das unwirsch funkende «Roots & Crowns», das auch heute, vierzehn Jahre nach der Veröffentlichung, so frisch und fordernd klingt wie nur wenige zeitgenössische Musik. Mittendrin, quasi das Auge des Orkans, findet sich dann eine stille Adaption des Psychic-TV-Songs «The Orchids», mit der Zeile «And in the morning, after the night, I fall in love with the light». Gerade in stürmischen Zeiten, in denen sich so viele Gewissheiten auflösen, findet sich hier Zuflucht. Da passt es auch, dass Califone in Kürze ein neues Soundtrack-Album veröffentlichen.

Die Wochen-Tonspur

Hits, Hits, Hits? In einer besseren Welt wären die hier aufgeführten Songs natürlich genau das.

Wer wissen will, wie diese Popkolumne 2019 geklungen hat: Hier gehts zur nun finalisierten Pop-Briefing-Playlist.

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