Pop-Briefing: Punk ist mausetot!

Die neue Popmusik-Kolumne: Heute mit einem traurigen Schweden, ängstlichen Punks und einem Update zu Madonna.

Zurück im Town: Der Schwede Jay-Jay Johanson. Foto: PD

Zurück im Town: Der Schwede Jay-Jay Johanson. Foto: PD

Ane Hebeisen

Das muss man hören


Zuerst ein kleiner Überblick über das, was man sich eher nicht anhören muss: Das neue Album von Pink ist von den zuständigen Produzenten dermassen brechstangenartig in sämtliche Zeitgeist-Richtungen verbogen worden, dass es ganz und gar ungeniessbar ist. Ähnlich Ungünstiges ist über die mittels eines feierlichen Countdowns eingeläutete neue Single von Taylor Swift zu berichten. Sie heisst «Me!» und wird gewiss nicht in die Popgeschichte eingehen.

Ansonsten liegt eine betriebsame Release-Woche hinter uns. Eine der erfreulichen Figuren darin ist Kutiman. Der Sound-Frickler aus Tel Aviv hat die Welt vor zehn Jahren mit einem Video verzückt, in welchem er aus Youtube-Schnipseln einen ziemlich funkigen und hochgradig amüsanten Track zusammengebastelt hat.

Später hat er das Konzept noch ein bisschen verfeinert:

Das Basteln ist ihm noch immer lieb, und so hat er neulich einen wunderlich-psychedelischen Soul-Track verfertigt – zuerst mit der türkischen Sängerin Melike Sahin. Nun hat er das gleiche Backing der Vokalistin von Afro Celt System, der staunenswerten Rioghnach Connolly, unterbreitet. Entstanden ist ein kleines Wunder.

Wir schrieben das Jahr 1996 als auf einmal dieser sehr schmächtige Schwede aus dem Nichts auftauchte – mit abstehenden Ohren, einem gebrochenen Herzen und der Seele voller unerfüllter Träume. Jay-Jay Johanson war sein Name, und wenn er Dinge sagte wie: «Es ist die Frustration, die mich vorwärtstreibt», dann glaubte man ihm jedes Wort. In seinem Hit «So Tell the Girls that I Am Back in Town» trafen elektronische Breakbeats auf die Stimme eines schwerblütigen Crooners, und es klang fast ein bisschen, als würde Frank Sinatra in seinem Heimstudio an einem Comeback basteln.

Letzte Woche ist ein neues Album von Jay-Jay Johanson erschienen. Und am musikalischen Layout des traurigen Schweden hat sich nichts geändert, ausser dass der Jazz eine etwas dominantere Rolle eingenommen hat.

Darüber wird gesprochen


Wie hat die Berner Gruppe Dnjepr (obacht, von ihr ist bald ein neues Album zu erwarten) einst so schön gesungen: «Never Trust a Punk» – traue nie einem Punk. Schon gar nicht, wenn er in die Jahre gekommen ist. Das dürften sich nun auch die Veranstalter denken, die eine kleine Brasilien-Tournee mit der altehrwürdigen und einst doch einigermassen aufmüpfigen Punkband Dead Kennedys organisieren wollten. Zu diesem Zweck liessen sie einen Künstler ein – zugegeben – relativ subversives Tourplakat anfertigen. Es zeigt drei als Clown stilisierte Brasilianer mit Gewehren bewaffnet, hinter ihnen wird eine Favela beschossen und in Schutt und Asche gelegt. Ihrer gelben Gewandung wegen sind die Clowns offensichtlich Bolsonaro-Anhänger, und einer von ihnen sagt in absichtlich fehlerhaftem Englisch: «I love the smell of poor death in the morning» (eine Anlehnung an den Dead-Kennedys-Song «Kill The Poor»).

Zur Erklärung: Der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro will den Erwerb von Waffen erleichtern und hat der Polizei ausgerichtet, dass ein Polizist, der nicht töte, kein richtiger Polizist sei. Ausserdem wurden Scharfschützen installiert, welche bei Verdacht auf Bewohner der Elendsquartiere schiessen dürfen.

Weil dieses Plakat ziemliches Aufsehen erregt hat und auf Twitter hitzig diskutiert wurde, haben die kalifornischen Punks nun kurzerhand beschlossen, die Tournee abzusagen. Zunächst bestritten sie, dem Druck des Plakats zugestimmt zu haben, was der Künstler mittels veröffentlichten Mails widerlegen konnte. Es seien Hassprediger beider politischer Lager auf den Plan gerufen worden, und so sei die Sicherheit ihrer Fans nicht mehr gewährleistet, richteten die Punks kleinlaut aus und blieben bei ihrem Entscheid, zu Hause zu bleiben. Wie hat der Dead-Kennedys-Gründer Jello Biafra, der die Band längst im Streit verlassen hat, einst über seine alten Bandkollegen gelästert: «Sie pissen auf all das, wofür wir jemals gestanden haben.»

Das Schweizer Fenster


Puts Marie aus Biel haben die Zeichen der Zeit erkannt und ihre Veröffentlichungskadenz ganz offensichtlich den neuen Streaming-Bedürfnissen angepasst. Kurz nach ihrem letzten Album haben sie letzten Freitag zwei neue Songs veröffentlicht. Der hübschere der beiden hört auf den Namen «A Boy Called Monkey» und fasst zusammen, was Puts Marie in letzter Zeit musikalisch anstreben: Eine Mengung aus Indie-Balladentum, Sprechgesang und dramatischen Stromgitarren-Emphasen. Und nein, was der aparte Mann am Gesangsmikrofon singt, ist noch immer nicht so recht zu verstehen.

Was blüht


Die News, die aus der Klatsch-Maschinerie auf unser Redaktions-Desk tröpfeln, sind erschreckend dünn. Adele will sich piercen lassen und kündigt neue Musik an … irgendwann. Dieter Bohlen hat sein hochtrabend angekündigtes neues Album wieder abgesagt. Er kriege das zeitlich nicht hin und verzichte seiner Freundin zuliebe darauf (ein Hoch auf die Freundin). Und Britney Spears ist aus einer psychiatrischen Klinik abgehauen und ist erfreut, dort erheblich an Gewicht verloren zu haben.

Und schon wieder ein bisschen Ärger blüht uns seitens der Erfolgssängerin Madonna. Deren neues (reichlich schreckliches) Video «Medellin», auf welchem sie sich der lateinamerikanischen Unterhaltungsmusik annähert, wird vom Publikum eher nicht so gut aufgenommen. Mehr als ein Viertel der Däumchen auf ihrem Youtube-Kanal zeigen gen unten. Im Vergleich: Für Taylor Swifts neues Video sind nur 6 Prozent negative Bewertungen eingegangen. Wer ihren Ehrgeiz kennt, der muss Böses für ihr näheres Umfeld befürchten.

Das Fundstück


Die französische Gruppe Nouvelle Vague hat zu ihrem 15. Geburtstag das Archiv geplündert und präsentiert auf zwei Tonträgern bisher unveröffentlichtes Material. Ihre Anfangsidee, alte New-Wave-Klassiker mit dem ähnlich unterkühlten Bossa Nova zu kreuzen, war bestechend, und hat sie kurz zur apartesten Coverband der Welt arrivieren lassen. Zudem offenbaren die beiden Bandbegründer Olivier Libaux und Marc Collin seit je, dass sie in den Achtzigerjahren an den erspriesslicheren Rändern der Untergrundmusik gegrast haben. So coverten sie Titel von Joy Division, Tuxedomoon, Grauzone, Sisters of Mercy oder, ja, den Dead Kennedys.

Um den Bogen zum Punk noch weiter zu spannen: Auf ihrer neuesten Veröffentlichung zeigt sich nun eben auch, wie oberflächlich vieles ausgefallen ist, was die Franzosen neu zu interpretieren sich anschickten. So wagen sie sich unter anderem an den anbetungswürdigen Punk-Knaller «Blank Generation» von Richard Hell und machen aus ihm eine träge Fingerschnipp-Nummer.

Zum Direktvergleich: Richard Hell & The Voidoids

Und Nouvelle Vague:

Die Wochen-Tonspur


Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? Diese Woche gibt es 24 neue Songs, unter anderem mit folgenden Themen: Der Zauber-Hippie Devendra Banhart meldet sich zurück, Rico Nasty ist die zornigste Frau der Welt, und die Trip-Hop-Helden Lamb haben ein neues Tonwerk eingespielt, Und: Das letzte Album von Element of Crime gibts nun auch als Stream. Es ist noch immer ganz elendiglich schön. Und hier ist die Songzeile des Tages: «Rot ist Curryketchup / Grün ist Steuerbord / Trenn die Spreu vom Weizen / und wirf den Weizen fort / Ich hab noch irgendwo ein warmes Bier zu stehn / Du kannst die Blumen damit giessen / Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin.»

P.S. Auf dem bald erscheinenden neuen Album von Patent Ochsner wird ebenfalls ein Stück von Element of Crime enthalten sein.

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