Ohröffner

Jazz- und Barock­musik seien sich ähnlicher, als man denke, sagt Louis Dupras, Direktor der Camerata Bern. Mit dem Projekt Jazziah folgt am Pfingstwochenende der Beweis am Exempel.

Betritt ungewohntes Terrain: Die Camerata Bern.

Betritt ungewohntes Terrain: Die Camerata Bern. Bild: Julia Wesely

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Die Camerata Bern führt gemeinsam mit dem Vokalensemble Ardent Georg Friedrich Händels Oratorium «Messiah» in neuer Form auf: Chor und Orchester in originalgetreuer Besetzung treffen auf eine Jazzband und ein Sängertrio, das zwei klassisch ausgebildete Stimmen mit einer Jazzstimme vereint.

Dabei träfen zwei gar nicht so unähnliche Welten aufeinander, sagt Camerata-Direktor Louis Dupras: «Barockmusik eignet sich grundsätzlich für die Übertragung in modernere Musiksprachen, denn sie hat insbesondere in der Harmonik und der Rhythmik viel mit Jazz zu tun.»

Die Idee dieses Cross-over keimte in der langjährigen ­Bekanntschaft zwischen Dupras und Attilio Cremonesi. Letzterer habe bereits ähnliche Experimente mit einem Violinkonzert von Antonio Vivaldi realisiert und sei die ideale Besetzung, um das Projekt der Camerata Bern musikalisch zu leiten. Und warum fiel die Wahl des Werks gerade auf Händels «Messiah»? Weil es eine Komposition sei, die jeder zu kennen meine, erklärt Dupras: «Die Idee ist, an etwas Bekanntes anzuknüpfen und dem Publikum dabei Neues zu bieten.»

Man nehme also Händels «Messiah» – oder gerade das, was einem daraus gefällt – und ergänze es mit neu komponierten Passagen und Improvisationsteilen. Ungefähr so lautet die Rezeptur, mit welcher der Komponist Domenico Caliri das barocke Grosswerk in enger Zusammenarbeit mit dem musikalischen Leiter Cremonesi bearbeitet hat. «Caliri ging dabei total hedonistisch vor», sagt Dupras.

Das Erzählerische rückt in den Hintergrund

Beinahe ironisch mutet bei den Erläuterungen zum Projekt ­Jazziah an, dass die beiden Ideenspinner Dupras und Cremonesi vormals zentrale Protagonisten in der historischen Aufführungspraxis waren. Denn Jazziah wirft alle Ansprüche von Werktreue und Komponistenintentionen über Bord. Der Arrangeur dampfte Händels 200-minütiges Werk auf knapp die ­Hälfte ein.

Wie Dupras erklärt, sparte Caliri insbesondere in den Rezitativen: «Obwohl diese im Oratorium die Handlung vorantreiben, stellen sie für den heutigen Zuhörer oft etwas weniger Interessantes dar.» Das Erzählerische rückt bei Caliri also zugunsten des Musikalischen in den Hintergrund.

In der Partitur zeigt sich, dass die Verbindung von Händels musikalischem Material mit Neugeschaffenem einerseits kontrastierend, andererseits aber auch in totaler Verschmelzung geschieht. Dupras erläutert am Beispiel: «Nach der originalgetreu wiedergegebenen Fuge im Chor beispielsweise, die eine mathema­tische Strenge verkörpert, folgt direkt die Freiheit der Improvisation im Jazzensemble.» Andernorts hingegen werden Vokalteile – choral oder auch solistisch – anders besetzt oder mit neuer Ins­trumentation untermalt.

Die bekanntesten Nummern bleiben unverändert

Jazziah ist also nichts für traditionsverbundene Barockfans – oder? «Im Gegenteil», sagt Dupras. «Wir versuchen, Schranken abzubauen und das Genredenken zu überwinden. Denn Grenzen sind da, überschritten zu werden.» Auch das Ensemble erweitert seine Grenzen, indem es ­unüblicherweise unter einem ­Dirigenten auftritt. Da Atilio Cremonesi Initiant und künstlerischer Leiter des Projekts sei, sei die Entscheidung für ihn als ­Dirigenten naheliegend gewesen, erzählt Dupras.

Anstatt dass Barockfans aber nun beschliessen, Jazziah fernzubleiben, will Dupras sie dazu ermuntern, Gattungsgrenzen weiter zu denken: «Unser Projekt soll als Ohröffner funktionieren. Nicht nur Händels ‹Messiah›, sondern auch andere Werke aus der Epoche können sehr aktuell klingen.»

Dupras fügt mit einem Schmunzeln an, dass die bekanntesten Nummern aus Händels Oratorium unverändert blieben. Halleluja und Amen!

Konzerte: Samstag/Sonntag 19. und 20. Mai, ­jeweils 17 Uhr, Französische Kirche, Bern. www.cameratabern.ch. Achtung: Veränderte Verkehrslage wegen GP (Samstag) und YB-Meisterfeier (Sonntag). (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.05.2018, 19:47 Uhr

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