«Ohne Rücksicht auf Verluste»

Er war einer der grössten Jazztrompeter der Gegenwart. Der kürzlich verstorbene Roy Hargrove war etliche Male in Bern. Im Marians Jazzroom und an den Jazz Nights in Langnau. Die Organisatoren erinnern sich.

Im Alter von 23 Jahren mit den Grossen auf der Bühne: Roy Hargrove mit Jon Faddis und Freddie Hubbard am Jazzfestival Bern 1992.

Im Alter von 23 Jahren mit den Grossen auf der Bühne: Roy Hargrove mit Jon Faddis und Freddie Hubbard am Jazzfestival Bern 1992.

(Bild: PD)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Über 50 Jahre lang holt Hans Zurbrügg nun schon Jazzgrössen aus der ganzen Welt zu sich nach Bern – in seinen Club, in sein Hotel: in Marians Jazzroom. Die meisten, wenn nicht alle kennt er persönlich. Pflegt, wie er sagt, freundschaftliche Beziehungen. Das merkt man auch daran, dass er sie nur beim Vornamen nennt, wenn er über sie spricht. Dizzy (Gillespie), Clark (Terry), Wynton (Marsalis), etwa, und eben auch Roy. Roy Hargrove. Am letzten Wochenende ist der mehrfach ausgezeichnete Musiker mit nur 49 Jahren gestorben.

«Ich bewerte nicht gerne», sagt Hans Zurbrügg. «Roy Hargrove war aber sicher einer der drei wichtigsten Jazztrompeter der Gegenwart. Das darf man, glaube ich, sagen. Ein grosser Verlust.»

Für Dizzy Gillespie

Dreimal war Roy Hargrove für Hans Zurbrügg nach Bern gekommen. 1992, 1996, 2000. Ein viertes Mal war er für die Jazzfestival-Eröffnung 2014 programmiert, musste aber kurzfristig wegen eines medizinischen Problems absagen. Zu seiner Berner Premiere kam Roy Hargrove selbst wegen eines solchen Ausfalls. Damals war es Dizzy Gillespie, der krank geworden war, sodass ein Ersatzmann hermusste. «Jeder, den ich gefragt hatte, nannte mir damals seinen Namen», erzählt Hans Zurbrügg. Und so kam es, dass Roy Hargrove unter anderen gemeinsam mit Freddie Hubbard und Jon Faddis am Internationalen Jazzfestival 1992 zum ersten Mal in Bern auftrat.

Da war er noch keine 23 Jahre alt und gehörte bereits zur New Yorker Jazzelite. Geboren und aufgewachsen in Texas, wurde er 1987 an der Musikhochschule in Dallas von Trompeter Wynton Marsalis entdeckt, der ihn mit den Grössten der damaligen Jazzwelt in Kontakt brachte. Bald folgten Auftritte an Jazzfestivals in Europa. Mit nur 25 Jahren war er zum Star geworden. Eine rasante Entwicklung, die ihm nicht nur gutgetan hat.

Die Drogen

Gestorben ist Hargrove am Freitagabend an Herzversagen in New York City. Dies als Folge einer langjährigen Nierenerkrankung und eines exzessiven Lebensstils. Seit Jahren musste Hargrove in die Dialyse. Auf die Drogen verzichtete er deswegen aber nicht. «Roy war nett. Die Leute mochten ihn. Aber er war auch stur. Er führte ein Leben ohne Rücksicht auf Verluste», sagt Hans Zurbrügg und fügt an: «Ohne seinen Manager und ständigen Betreuer hätte ich ihn nicht eingeladen.»

Anfangs galt Hargrove als Verfechter eines neokonservativen Jazz mit Hang zum schönen, melodiösen Klang. Später, ähnlich wie Miles Davis, wagte er sich in den Fusion vor und verband den Jazz mit Funk und R&B. Bekannt gemacht hat ihn auch seine Zusammenarbeit mit Musikern wie Erykah Badu, Common und D’Angelo. Zweimal gewann er einen Grammy Award: 1998 für sein Album «Habana» und 2002 für «Directions in Music».

«Die Leute, die heute aus den Jazzschulen kommen», sagt Hans Zurbrügg, «sind ja technisch besser als das ein Louis Armstrong etwa je war». Aber das mache ja nicht den Künstler aus. «Roy Hargroves Sound war unverkennbar.»

Zuletzt hat Zurbrügg ihn 2017 an den Jazz Nights in Langnau gesehen. «Ich hatte da zwei Wahrnehmungen», sagt er. «Wenn ich die Augen schloss, war da das makellose Spiel. Wenn ich die Augen öffnete, sah ich den angeschlagenen Mann.» Er habe sich damals lange mit ihm unterhalten und viel Resignation feststellen müssen.

Anders erlebt hat ihn Walter Schmocker, Organisator der Jazz Nights. Dreimal trat Hargrove in Langnau auf. Schmocker beschreibt ihn, auch 2017 noch, als einen Verrückten auf der Bühne, topfit, der auch bei den nächtlichen Jamsessions noch dabei gewesen sei. Vielleicht stimmt ja beides. In Hans Zurbrüggs Worten: «Es gab zwei Roys. Den eher introvertierten Mann und das Genie auf der Bühne.» 

Berner Zeitung

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