Noch eine Geschichte, bitte!

Zweimal «Scheherazade»: Das Berner Symphonieorchester spielte sie à la française und in russischem Ton.

Das Berner Symphonieorchester – hier während eines Auftrittes in der Sporthalle Wankdorf –liess sich von den Märchen aus Tausendundeiner Nacht inspirieren.

Das Berner Symphonieorchester – hier während eines Auftrittes in der Sporthalle Wankdorf –liess sich von den Märchen aus Tausendundeiner Nacht inspirieren.

(Bild: Enrique Muñoz García)

Wer kennt sie nicht, die persischen Märchen aus Tausendundeiner Nacht: Die junge Frau Scheherazade hält den ebenso lüsternen wie blutrünstigen Sultan in Schach, indem sie ihn mit allnächtlich erzählten Abenteuergeschichten von Aladin, Alibaba und Sindbad versorgt. Nach tausendundeiner Nacht hat die Frau das Vertrauen und die Liebe des Sultans gewonnen und damit ihr Leben gerettet.

Sowohl der russische Komponist Nikolai Rimski-Korsakow (1888) als auch der Franzose Maurice Ravel (1898) nahmen sich die orientalischen Märchen zum Programm für eine Komposition. Beide Werke mit dem Titel «Scheherazade» erklangen am Wochenende im Konzert des Berner Symphonieorchesters im Kursaal.

Gekonnt zurückhaltend

Ravels impressionistische Ouvertüre eröffnete den Konzertabend. Maestro Kazuki Yamada, erstmals in Bern zu Gast, führte das BSO elegant durch Ravels eigenwilliges Werk, das sich durch eine Vielzahl an musikalischen Ideen windet. Nur selten liess Yamada das Orchester trotz Grösstbesetzung zu dynamischen Höhen aufbrausen, was sich zugunsten der musikalischen Themenvielfalt auswirkte.

Wo sich bei Ravel Klangfarben und Melodiefragmente aneinanderreihten, lullte Robert Schumanns Klavierkonzert danach mit schwelgerischen Melodiebögen ein. Der Solist des Abends, Martin Helmchen, trat an, das Publikum in komplett andere Klangwelten zu entführen. Er spielte sich behände durch das romantische Werk, bewegte sich harmonisch im Zusammenspiel mit dem Orchester und nahm untheatralisch Raum ein, wenn es ihm eine Kadenz erlaubte. Helmchens äusserst gewinnende Interpretation wurde von Yamada mitgetragen und an das BSO weitergegeben, das sich als ebenbürtiger Partner musikalisch mal hinter, mal neben den Solisten stellte.

Musikalisches Wimmelbuch

Schade nur, stahl das letzte Stück des Abends allem Vorangehenden die Show: Rimski-Korsakows «Scheherazade» war ein 45-minütiges Feuerwerk. Mal temperamentvoll und fanatisch, dann wieder zuckersüss und romantisch – das Orchester kam in diesem musikalischen Bilderbuch so richtig in Fahrt.

Der Konzertmeister George-Cosmin Banica mimte mit seiner Violine Scheherazade und führte mit der immer wiederkehrenden Leitmelodie verführerisch durch die Märchen. Ein besonderes Lob gebührt den Bläserinnen und Bläsern, die in ihren Solostellen mit hingebungsvollen, wunderbar ausgespielten Rubati brillierten. Von Zurückhaltung war auch bei Yamada keine Rede mehr, der das Werk auswendig dirigierte und sich zu ausladenden malerischen Gesten und Tanzeinlagen hinreissen liess. Viel zu früh nahm das musikalische Märchen von Scheherazade und dem Sultan schliesslich sein schnulziges Happy End.

Berner Zeitung

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