Mit Bettye durch die Zeiten

Woche drei: Es war ein Abend der musikalischen Geschichten. Bettye LaVette liess ihre Karriere musikalisch Revue passieren, und Jerron «Blind Boy» Paxton beschwor die 1920er-Jahre des Blues herauf.

Es war ein Konzert mit hochemotionalen Momenten, mit einer Sängerin, die sich auf der Bühne wie ein junges Reh bewegte.

Es war ein Konzert mit hochemotionalen Momenten, mit einer Sängerin, die sich auf der Bühne wie ein junges Reh bewegte.

(Bild: Beat Mathys)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

Bettye LaVette sagt es gleich am Anfang: «Die einen kennen mich nur von früher. Die anderen nur von heute.» Sie werde versuchen, die Zeiten zu verschmelzen. Heute, da ist die Frau aus Detroit 73 Jahre alt, eine der gefragtesten Sängerinnen überhaupt, so etwas wie die Grande Dame des Soul – obwohl sie solche Titel so gar nicht mag. Früher aber, da musste sie kämpfen, lange kämpfen.

1962, noch als Teenager, landete sie mit «My Man, He’s a Lovin’ Man» einen Hit, kam bei den renommierten Atlantic Records unter, und alles sah sehr früh nach sehr grosser Karriere aus. Aber aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen verliess sie das Label wieder – just bevor die grosse Soul-Ära begann und Atlantic mit Nachfolgerin Aretha Franklin durch die Decke ging.

Was folgte, war eine Karriere, die kaum von Platten, dafür von Liveauftritten lebte. Bettye LaVette hielt sich mit Gigs in Nachtclubs über Wasser, war etwa mit Otis Redding und James Brown auf Tournee, spielte in einem Broadway-Musical jahrelang eine Hauptrolle. Später erwischte sie zwar die Disco-Ära und wurde Nachfolgerin von Diana Ross beim Label Motown, aber auch hier wartete sie vergeblich auf den Durchbruch.

Das Wunder

Erst im Jahr 2000 passierte eine Art Wunder, das ihr endlich die Anerkennung verschaffte, die sie verdient: Die Originalaufnahmen von «Child of the Seventies», eines Albums, das sie einst bei Atlantic aufgenommen hatte, das aber nie veröffentlicht wurde, tauchten in den Archiven auf. Und als sie unter dem Titel «Souvenirs» auf den Markt kamen, gab es kein Halten mehr.

2005 gelang ihr mit dem Album «I’ve Got My Own Hell to Raise», das ausschliesslich Songs von Frauen enthielt, eine viel beachtete Platte. Damals trat sie zum ersten Mal in Bern auf, war dann 2015 nochmals am Jazzfestival, und jetzt ist sie mit ihrem letzten, hochgelobten Werk, «Things Have Changed», einem Album mit 12 Bob-Dylan-Coversongs, wieder ins Marians gekommen.

Aber eben: Es soll nicht um das neue Album gehen. Bettye LaVette ist gekommen, um mit ihren Songs ihre eigene Geschichte zu erzählen. Natürlich gehören zwei, drei Dylan-Stücke dazu. Aber eigentlich will Bettye LaVette das Publikum mit auf eine Reise in die Vergangenheit nehmen. So gibt es etwa den erwähnten ersten Hit von 1962 zu hören, dann aber auch andere sehr frühe Stücke, die sich kein einziges Mal verkauft hätten damals, wie sie sagt. Neben solchen eigenen Kompositionen geht es dann über zum grandiosen Stück «Looking for My Joy» von Lucinda Williams («Die einzige Frau bisher, die mich unter den Tisch trinken konnte»).

Es folgt etwa «It’s a Pity» von George Harrison als Reaktion auf die heutige Lage in den USA, und natürlich darf auch ihr Longseller «Let Me Down Easy» nicht fehlen. Es war ein Konzert mit etlichen Gänsehautmomenten, mit einer Sängerin, die sich wie ein junges Reh bewegte, ein Abend auch, an dem einige aus dem sonst eher gesitteten Publikum von ihren Stühlen aufstanden, um mit den Hüften zu wackeln. Und ein Pärchen, das offenbar zu Beginn noch sehr ernst dreinschaute, wie das Bettye LaVette bemerkte, hatte zum Schluss ein seliges Lächeln auf den Lippen.

Jerron «Blind Boy» Paxton

Keine Überraschung, sind LaVettes Konzerte die ganze Woche bereits ausverkauft. Aber zum Glück gibt es ja noch den Mann, der nachher um 22 Uhr auf der Bühne sass und erst einmal fragte, ob das Publikum Blues möge. Als alle bejahten, sagte er: «Gut. Weil ich kann nichts anderes.»

Jerron «Blind Boy» Paxton heisst der Mann mit Jahrgang 1989, aus Los Angeles stammend, der sich dem akustischen, archaischen Blues verschrieben hat und sich diese Woche mit Bettye LaVette die Abende teilt. Er spielt jenen Blues, in dessen Songs «Baby» oftmals noch als Codewort für «Boss», also den Besitzer der Baumwollplantage, steht, in dem es um Bordelle und Whiskey geht. Paxton ist ein Multiinstrumentalist, der, alleine auf der Bühne sitzend, zwischen Gitarre, Banjo, Mundharmonikas, Violine und dem Piano wechselt, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Und dazu singt er so facettenreich, als käme er selber aus den Jahren des Ragtime, des Hokum-, des Texas- und Country-Blues.

Nein, kein Nachahmer, einer, der durch einen Zeitkanal hindurchgekommen ist, um nochmals zu erzählen und zu erinnern, wie das damals war und heute längst noch nicht passé ist. Blues als Anfang aller populären Musik. Ein Erlebnis: Es hat noch Tickets.

Nächste Woche: Eddie Palmieri Afro-Caribbean Jazz Sextet. www.jazzfestivalbern.ch

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt