Melancholiker Stephan Eicher wird zum Zirkusdirektor

Stephan Eicher schwingt in Murten das Kabel des Mikrofons wie eine Peitsche, gut gelaunt und belustigt über die Jungspunde des manngewaltigen Traktorkestars.

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Marina Bolzli@Zimlisberg

Noch ist die Bühne leer bis auf die Figur eines kleinen Pinguins. Doch das Eis ist augenblicklich gebrochen. Da kommt die Rumpelkapelle, unerwartet mitten durchs Publikum, mit Trompeten, Saxofonen und Tuba. Augenblicklich vibriert der Brustkorb. Es dröhnt und stampft. Die Band, die hier Einzug hält, ist garantiert nicht leise. Und sie ist hier für eine Party, schon ist sie lanciert. Was will man auch anderes als mitstampfen? Die Band heisst Traktorkestar, sie ist Berns Balkanorchester Nummer eins.

Unterwegs ist sie mit dem melancholischen Barden Stephan Eicher. Ob das gelingen mag, hatte man sich im Vorfeld etwas bang gefragt. Schliesslich passt Stephan Eicher nicht gerade in die feuchtfröhliche Stimmung eines Festivals. Auch wenn es ein so entspanntes ist wie das Stars of Sounds am Murtensee. Doch Murten, das wird schnell klar, ist der wohl ideale Ort für Stephan Eicher. Nahe der Heimat im beschaulichen Münchenbuchsee und doch mit genügend Distanz, nur einen Sprung von der Sprachgrenze zum vertrauten Französischen entfernt. Dorthin, wohin er als junger Mann ausritt, vielleicht auch flüchtete, und wo er seither vornehmlich französische Chansons singt.

Alte Songs, neu arrangiert

Das ist auch das Konzept des Albums «Hüh!», das er mit Traktorkestar einspielte. Die Tour, die er mit dem vielköpfigen Orchester bestreitet, dauert nun schon eineinhalb Jahre – aber näher kam er Münchenbuchsee nie, wie er später verraten wird. Vornehmlich in Frankreich waren sie, an ihrer Seite Rapperin Steff la Cheffe, die an diesem Abend aber ein Engagement im Kiental hat. Im Repertoire haben sie alte, neu arrangierte Songs von Stephan Eicher, darunter Klassiker wie «Pas d’ami» und «Combien de temps». Sie wirken fröhlicher in diesem ungestümen Gewand. Und auch der Monsieur selber, er wirkt gelöst, ja übermütig.

«Chömet, wen i cha tanze, chöit dir o tanze.»Stephan Eicher

Beschwingt kommt er nach dem ersten Instrumentalsong auf die Bühne und legt los mit «Louanges». Klar, wer hier der Chef ist – trotz dem Gepolter der Blasmusiker. Sie werden auch sogleich leiser, diskreter. Und Stephan Eicher singt, spielt, dirigiert, scherzt, tanzt, schwelgt – und man fragt sich, ob man ihn je besser gelaunt angetroffen hat. «Chömet, wen i cha tanze, chöit dir o tanze», ruft er selbstironisch ins Publikum.

Um später darauf hinzuweisen, dass keiner der jungen Männer von Traktorkestar auf der Welt war, als er 1982 «Les filles du Limmatquai» schrieb. Dann ruft er Simeon Schwab, den Mann am Altsaxofon und Bandjüngsten, neben sich, um ihm diesen Song beizubringen. Woraufhin ein virtuoses Wechselspiel zwischen Eichers Stimme und dem Saxofon entsteht, bevor das Lied in völlig neuem Kleid präsentiert wird – da gibts keinen Synthiepop mehr, was den Song mitreissender und auch melodischer macht.

Guggisberglied

Später folgt eine bitter-fröhliche Version vom Guggisberglied. Und immer mehr ist man überzeugt: Stephan Eicher macht es genau richtig. Er holt sich die Jugend – obwohl die Jungs von Traktorkestar mittlerweile auch die 30 überschritten haben müssen – und die Ausgelassenheit auf die Bühne. Das wirkt wie ein Jungbrunnen auf Eicher, den Melancholiker. Es verwandelt ihn in einen gut gelaunten alternden Zirkusdirektor, der über die Bühne tigert, das Kabel des Mikrofons wie eine Peitsche schwingend über seinen jungen Artisten, deren Rhythmen ga­loppieren, was das Zeug hält.

Vielleicht rührt daher der Name des Albums? «Hüh!», galoppiert noch etwas weiter! Woraufhin das Orchester spielt und tanzt und animiert, als gäbe es kein Morgen. Orchesterleiter und Trompeter Balthasar Streit äugt und fuchtelt und bläst zum Publikum. Ein BH fliegt auf die Bühne. Und eine Maschine pustet Tausende glitzernder Seifenblasen in den Nachthimmel.

Magisch! Oder, um es in Stephan Eichers Worten zu sagen: «Dr hütig Abe füehlt sich so südlech a.»

Stephan Eicher & Traktorkestar: «Hüh!», Universal. Weiteres Konzert: 27.7., Paléo Festival Nyon.

Berner Zeitung

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