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Mehr Rebellion, weniger Romantik

Das Märchen der ewigen Liebe zwischen Mann und Frau und die guten alten Werte hielten sich im Country besonders lang. Für Feminismus oder schwule Beziehungen gabs da keinen Platz. Das ändert sich gerade.

Vertreibt kleinstädtische Langweile mit hübschen Jungs: Kacey Musgraves, Chartsstürmerin aus der Countryecke, lässt sich keinen Maulkorb anlegen.
Vertreibt kleinstädtische Langweile mit hübschen Jungs: Kacey Musgraves, Chartsstürmerin aus der Countryecke, lässt sich keinen Maulkorb anlegen.
zvg

Country ist konservativ. Wer gegen dieses Diktum aufbegehrt, wird schon mal abgestraft. So wie die Dixie Chicks, die sich 2003 öffentlich dafür schämten, dass der damalige Präsident der USA, George W.Bush, aus Texas stammte wie sie. Sofort wurden sie von zahlreichen Fans boykottiert. Resultat: Der Erfolg blieb aus, die Dixie Chicks wanderten ab in Richtung Pop und Rock.

Das war ein herber Verlust für den weiblichen Country, denn nach den Dixie Chicks dominierten für längere Zeit stromlinienförmige Sängerinnen wie Faith Hill oder Taylor Swift den Markt, die sich jeder aufmüpfigen Äusserung enthielten und lieber Lieder über Sonne, Sommer und ein paar Tränen trällerten. Das klang und klingt nett, ist aber mindestens so vorhersehbar wie der morgige Sonnenaufgang.

Rachegöttin gegen Raffsucht

Jetzt, zehn Jahre nach dem Tritt ins Fettnäpfchen der Dixie Chicks, macht eine neue Künstlerinnengeneration von sich reden. Eine, die sich zwar an Traditionen hält, deren Grenzen jedoch austestet, und nicht aufs Maul gefallen ist. Vorreiterin des Trends war Miranda Lambert, die sich auf ihrem Album «Crazy Ex-Girlfriend» (2007) zur Rachegöttin ihrer gewalttätigen Beziehung machte und dem Verflossenen zu verstehen gab, dass ihre Knarre einiges grösser sei als seine Faust. Nicht unbedingt eine progressive Haltung, jedoch eine für das Genre eher ungewohnte.

Lange nämlich hielt man sich im Country an die Worte von Tammy Wynette, die 1968 mit «Stand By Your Man» proklamierte, die Frau habe dem Manne alles nachzusehen. Seit zwei Jahren ist Lambert (30) nun auch Teil der Pistol Annies. Das Trio mokiert sich auf seinem Debüt, «Hell On Heels» (2011) über Geschlechtsgenossinnen, die reichen Männern nachgeifern, beklagt die zunehmende Armut im ländlichen Amerika und lässt wissen, was es von Raffgier hält: nichts.

Tabus Ehe und Alkohol

Deutlich subtiler und privater inszeniert sich Caitlin Rose, deren Mutter Liz einige der frühen Hits, wie etwa «You Belong to Me», für Taylor Swift verfasst hat. Die Tochter legte einen Umweg über den Punk ein, ist nun aber gleichwohl im Country gelandet. Im Gegensatz zu den Pistol Annies, die sich herausfordernd geben und auch so tönen, bevorzugt die 26-Jährige Unterschwelliges. Ihr Gesang ist freundlich, die Musik warm und nostalgisch, doch unter der Oberfläche brodelt es. «Mir war nicht bewusst, dass ich derart gemein sein kann», entschuldigt sich Rose in «I Was Cruel» bei ihrem Lover, lässt jedoch offen, ob diese Abbitte ernst gemeint ist.

Die Künstlerin schätzt das Ambivalente und gibt sich gern lakonisch. Selbst wenns um die Ehe geht, die im Country früher als sakrosankt galt: «Da wir beide Ja gesagt haben, ziehen wir das Ganze halt durch», singt Rose in «Pink Champagne» und streckt der Romantik die Zunge raus.

Mit einem anderen Tabuthema bricht Brandy Clark. Alkohol gehörte im Mainstream-Country seit je zum Inventar, von Cannabis war tunlichst nicht die Rede, ein Teufelszeug. Clark arbeitete über ein Jahrzehnt lang als Songwriterin für andere Künstler und hat ihren Erstling, «12 Stories», diesen Oktober veröffentlicht – im nicht mehr ganz jugendlichen Alter von 36. Wie Rose bevorzugt auch sie das Subtile – ausser es geht um besagtes Cannabis. Oder um die kleine Pille, die den Protagonisten ihrer Lieder hilft, den Tag zu überstehen. Stehen Drogen im Fokus, dann wird Clark direkt und feiert die Mittelchen als Minirebellion im herben Alltag. Abnehmerin ihrer komplexen und stimmigen Kompositionen war auch schon Kacey Musgraves, hellster Stern unter den neuen Countrysängerinnen.

Langeweile, schwule Liebe

«Same Trailer Different Park» lautet der Titel ihrer vierten Platte, die es im März bis auf Platz 2 der US-Charts schaffte. Musgraves, im 600-Seelen-Kaff Golden aufgewachsen, nutzt ihre Kleinstadtwurzeln, um mit kühler Stimme und Witz über die Langeweile zu singen. Um diese zu vertreiben, greift die 25-Jährige in ihren Stücken nicht bloss zum Joint, sondern auch zum nächstbesten gut aussehenden Typen. Nicht zur Freude ihrer Grossmutter, die «It Is What It Is» gar als «Schlampensong» bezeichnet haben soll.

Musgraves trägt auf der Bühne gerne Fedoras und hält sich äusserlich an alle Regeln des Genres. Sie bricht diese aber komplett, wenn sie sich in «Follow Your Arrow» für die schwule Liebe einsetzt. Trotz dieses Statements – bis vor kurzem im Country undenkbar – feiert die Texanerin enorme Erfolge. Dank Frauen wie Kacey Musgraves, Brandy Clark oder Caitlin Rose scheint der Country endlich und endgültig in der Moderne angekommen zu sein. Es war auch höchste Zeit.

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