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Kunst und Kalauer: Deichkind im Hallenstadion

Eskapismus gegen die Unwägbaren der Welt: Die Hamburger Elektrorapper haben alle Register der Verstörungs- und Unterhaltungskunst gezogen.

Choreografierte Anarchie: Deichkind am 21. Februar in der Stadthalle Wien. Foto: Keystone
Choreografierte Anarchie: Deichkind am 21. Februar in der Stadthalle Wien. Foto: Keystone

Nach beinahe drei Stunden Deichkind ist es ein bisschen, als seien gerade Fasnacht, 1.-Mai-Demo und Street Parade gleichzeitig an einem vorbeigezogen. Will heissen: Man ist ein bisschen verstört, nicht unglücklich, und man ist damit beschäftigt, sich die Konfetti aus dem Haar zu klauben.

In ihrem neuesten Hit «Keine Party» gibt es eine spiessige Spielverderber-Stimme, die im ganzen Party-Trubel um Skepsis bemüht ist. Sie sagt: «Vielleicht sollte man kurz mal den Sinn des Ganzen hinterfragen / Bevor sich dann doch wieder alle ausziehen.» Doch mahnende Stimmen sind an realen Deichkind-Festivitäten eher deplatziert – im Kinderparadies stellt schliesslich auch niemand die Sinnfrage.

Die Keimzelle der Technomusik

Eigentlich beginnen die musikalischen Tumulte, welche das Hamburger Elektrorap-Trio im fast ausverkauften Hallenstadion anzettelt, ganz und gar poetisch. In einem Einspieler wird der Schauspieler Lars Eidinger – so etwas wie das Maskottchen der Band – mittels einer Kran-ähnlichen Vorrichtung, nackt, wie ein Pinsel über eine Leinwand geschleift. Das Resultat dieser Aktionskunst ist hernach als Bühnendeko zu bewundern. Und kaum ist nach dieser feingeistigen Eröffnung der Vorhang gefallen, präsentiert das nächste Bild quasi die Keimzelle der Technomusik: Ein tanzender Mensch, ein Stroboskop und eine im Viervierteltakt pumpende Bassdrum.

Was danach folgt, hat dann mit Subtilität und Rudimentalem nicht mehr viel zu tun. Es ist eine Revue, die gut gelaunt und heillos überfrachtet zwischen grosser Kunst und grossem Mist schlenkert, wobei selbst Letzterer noch durchaus sympathisch riecht. In Ermangelung einer Liveband besteht das Bühnenpersonal aus einer Zwanzigerschaft Rappern und Tänzern. Keine richtig guten Tänzer freilich, eher so vom Schlag Kumpels, die mal mithopsen, wenns richtig abgeht, die aber auch nicht allzu komplizierte Choreografien auf Lager haben, oder einfach mal rhythmisch über die Bühne stelzen, wenn dem Zeremonienmeister nichts Schlaueres in den Sinn gekommen ist. Man könnte das Ganze mit choreografierter Anarchie zusammenfassen.

Dazu schallt und wummert aus dem Irgendwo das Liedgut aus 23 Jahren bewegter Bandgeschichte, vom hip-hoppenden Beginn («Bon Voyage») über die Party-Mucken-Ära («Arbeit nervt») bis zu den Nummern aus der Ulk-Techno-Kiste («Party2»). Alles ist schon fast gesundheitsschädigend fett produziert und wird vom Publikum schon fast gesundheitsschädigend wild betanzt. Mal gibts dazu ein zwölfköpfiges Trampolin-Ballett, mal schwofende Waschlappen oder torkelnde Totenköpfe, Publikumsausflüge im Gummiboot oder im Bierfass, Subtiles neben Grobschlächtigem, Verblüffendes neben Verpuffendem, streng Konzipiertes neben Spontanem, Kunst neben Kalauer.

Es dampft aus dem Rucksack

Doch eigentlich muss man sie allein für diesen einen kleinen abstrakten Moment verehren: Zum anbetungswürdigen Stück «Richtig gutes Zeug» spaziert ein Männchen mit einem überdimensionierten Rucksack auf die Bühne, schwadroniert und nuschelt von Dingen, die in Hipster-Kreisen Gutfind-Einhelligkeit geniessen. Irgendwann bricht der Beat ab, das Männchen hält inne, öffnet seinen grossen Rucksack, aus welchem es alsbald geheimnisvoll dampft und lichtert, bloss um diesen nach fünf Sekunden wieder zu schliessen. «Nö, bleibt mein Geheimnis», trotzt es ins Mikrofon und zottelt wieder davon. Es gibt einige solch grossartiger Momente. Szenen, in denen den Hamburgern Gevatter Dada im Nacken sitzt, in denen Deichkind den Unwägbarkeiten des Lebens wahlweise den schieren Unsinn oder die pure Zerstreuung entgegenschleudern – unter dem Motto: Tanzt kaputt, was euch kaputtmacht.

Deichkind, von denen Phillip Grütering als einziges Gründungsmitglied verblieben ist, sind gnadenlos präzise Beobachter, Entlarver des Gutgemeinten und des Ungefähren. Sie haben der deutschen Sprache geflügelte Worte beschert, die sich mittlerweile in so manchem aktiven Wortschatz wiederfinden («leider geil», «bück dich hoch» oder «like mich am Arsch»). Es gefällt ihnen, Denkmodelle zu demolieren, um auf den Trümmern den Elektropunk oder den Idiotentechno zu tanzen. Und sie verstehen sich – auf Nachfrage – durchaus als politische Band.

In Zürich bleibt die gesellschaftskritische Agitation indes eher zurückhaltend. Einziges Statement bleibt eine geschwenkte «Kein Bier für Nazis»-Fahne. Ihr Ding seien eben nicht die verbalen Vergeltungsschläge gegen rechtsgerückte Andersdenkende, haben sie kürzlich in einem Interview erklärt. Man wolle diese lieber zurückholen. Die Losung: Bei uns gibts definitiv die besseren Partys zu feiern. Nach diesem ausgelassenen, verwirrenden und im Remmidemmi-Eskapismus endenden Fest im Hallenstadion sollte zumindest daran kein Zweifel mehr bestehen.

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