Joggen mit Beethoven

Vor 40 Jahren kam der Walkman auf den Markt. Das neue Hören, maulten die Kritiker, etabliere eine Abschottungskultur. Den Kids wars egal.

Sony verkaufte Hunderte Millionen von Exemplaren: Der Walkman. Foto: PD

Sony verkaufte Hunderte Millionen von Exemplaren: Der Walkman. Foto: PD

Jean-Martin Büttner@Jemab

Wer Perrier sagt und Mineralwasser meint, wenn Jack Daniels für Whisky steht und Tempo für Taschentücher und iPhone für Handy, dann hat sich der Brand über den Markennamen hinaus zu einem Inbegriff hochdefiniert – das Beste, was einer Marke passieren kann.

Dasselbe gelang Sony vor 40 Jahren über einen Umweg. Es bot einen ambulanten Kassettenspieler zum Kauf an, den die Firma «Sound About» nannte. Die Amerikaner, Meister der Benennung, tauften ihn zum Walkman um. Worauf sich der ungewöhnlichen Namen durchsetzte und zum Synonym wurde für diese mobilen Geräte, in die man Kassetten stossen und auf denen man unterwegs Musik hören konnte. Beim Einkaufen. Im Zug. Während des Joggens. Im Bett vor dem Einschlafen. Auf dem Velo, auch wenn das nicht zu empfehlen war.

Die Musik wurde zu einem tönenden Brief. Einer Liebeserklärung zum Hören.

Weil alle grossen Ideen einfach sind, geht die Erfindung des Walkmans auf einen simplen Wunsch zurück. Masara Ibuka, Mitbegründer von Sony, hatte bei seinem Chef Norio Ohga ein Kassettengerät in Auftrag gegeben, mit dem er auf seinen Langstreckenflügen in die USA Opern hören konnte. Klein sollte das Ding sein, leicht zu bedienen und dank Batterien unabhängig von der Steckdose.

Das neue Gerät, am 1. Juli 1979 auf den Weltmarkt gebracht, explodierte zum Grosserfolg, vor allem bei den Jugendlichen. Alleine Sony verkaufte Hunderte Millionen von Walkmen, dazu kamen die der Konkurrenz. Dank dem neuen Gerät wurde das Musikhören mobilisiert und privatisiert.

Mit Walkman fühlte man sich unverwundbar

Wo man früher vor dem Plattenspieler sass und Händels «Feuerwerksmusik» lauschte, emanzipierte sich das Hören zu einem individuellen Akt. Beethovens Dritte Sinfonie wurde beim Joggen zu einem gravitätischen Erlebnis, man rannte sozusagen in Zeitlupe, ergriffen von der Schönheit des Zweiten Satzes. Eindringlich auch das Anhören von David Bowies Platte «Low», während der Zug durch Industrielandschaften glitt, man hatte einen Film mit eigenem Soundtrack. Musik feiert das Leben und hilft gegen das Sterben; wer seinen Walkman dabeihatte, fühlte sich unverwundbar.

Für junge Männer wie mich, die nicht tanzen konnten, keinen Fussball spielten und ohnehin zur Schüchternheit neigten, ergab sich eine Chance: Sie konnten für die Frau, die sie begehrten, Mix-Tapes zusammenstellen zum intimen Anhören. Sinnliches Intro! Anspielungsreiche Strophe! Deutlichkeit im Refrain! Dunkles Locken im letzten Stück! Der englische Schriftsteller Nick Hornby hat auf «High Fidelity» die komplexen Regeln bei der Herstellung solcher Kollektionen detailliert. Für uns genügt zu wissen: Die Musik wurde zu einem tönenden Brief. Einer Liebeserklärung zum Hören.

Wo die Freude der Vergnügten blüht, droht die schlechte Laune des Kulturpessimismus. Mitpassagiere im Zug fühlten sich durch die Zischlaute gestört, die aus den Kopfhörern drangen. Linke und Konservative waren auch nicht froh und sprachen von einer Abschottungskultur. Wo man früher miteinander geredet habe, höre man jetzt aneinander vorbei. Ausgerechnet die Musik, die grosse einende Kunst, trenne uns voneinander.

Mit Spotify kam die Beliebigkeit

Den Kids war das egal, sie kauften und hörten, spielten ihre Mixtapes, drehten ihre Lieblingsplatten auf. Das Einzige, was sie verdross, war der Bandsalat: wenn die Spule das Tonband zerrupfte.

Heute hat das iPhone den Walkman und die digitale Musik die Kassette ersetzt, dank Spotify haben wir Millionen von Stücken immer parat. Eines haben wir dabei verloren: Auswählen zu müssen, was uns am meisten bedeutet. Verfügbarkeit produziert Beliebigkeit.

So viel Kulturpessimismus darf sein.

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