Irische Songs für mehr Menschlichkeit

Als Sprachrohr für Flüchtlinge: Am Wochenende haben die irischstämmigen Musikerinnen Shirley Grimes und Clíodhna Ní Aodáin in der Französischen Kirche Bern ihr berührendes und dringliches Chorprojekt «In Search of a Better Life» aufgeführt.

Gefühlvoll und sanft und trotzdem stark und eindringlich: Shirley Grimes singt in der Französischen Kirche Bern. Foto: Susanne Keller

Gefühlvoll und sanft und trotzdem stark und eindringlich: Shirley Grimes singt in der Französischen Kirche Bern. Foto: Susanne Keller

Stefanie Christ@steffiinthesky

Für einmal entlocken die Streicherinnen und Streicher des klassischen Orchesters Divertimento Bern ihren Violinen und Cellos irische Klänge. Shirley Grimes steht mit geschlossenen Augen am Mikrofon und haucht mit warmer, feengleicher Stimme eine Melodie in den Raum. Dann schaut sie auf und sagt: «Ich hätte ja nicht gedacht, dass ein Klassikorchester so grooven kann!»

Es groovt weiter in der Französischen Kirche. Die Melodien werden kraftvoller, die Rhythmen schneller. Grimes’ Stimme wird von 140 Chorstimmen umspült wie von Wellen. «The Parting Glass», «The Lark in the Clear Air», «Báidín Fheidhlimidh»: Gespielt werden neue und neu interpretierte irische Songs von Auswanderern und Flüchtenden, von Zurückgekehrten und Zurückgebliebenen – und von Enten, die ihre Nester versehentlich auf Booten bauen.

«In Search of a Better Life» heisst das Programm, und es führt vor Augen, wie die Hoffnung des Menschen auf ein besseres Leben immer wieder an der harten Realität zerschellt wie ein morsches Schiff am Felsen.

Aus der Not geboren

Es ist ein imposanter Auftritt, auch physisch: Neben Grimes, ihren Bandmusikern (Wolfgang Zwiauer, Bass und Mandocello; David Brühlmann, Bodhrán) und dem Orchester Divertimento stehen die rund 140 Sängerinnen und Sänger des Chors One River Voices beziehungsweise des extra angereisten irischen Chors Third Day Chorale (Leitung: Marion Doherty Hayden) vor den ausverkauften Kirchenreihen.

Wie in der Realität schwingt imFröhlichen Tragik mit – und imTraurigen keimt Hoffnung.

Die Kollaboration wurde initiiert von der hier lebenden Divertimento-Leiterin Clíodhna Ní Aodáin, einer ausgebildeten Cellistin und Dirigentin aus Dublin, und der Folkmusikerin Shirley Grimes, die aus einer irischen Kleinstadt stammt und als 18-Jährige Bern zur Wahlheimat erkoren hat.

«In Search of aBetter Life» ist die Fortsetzung ihres Projekts «One River Voices», das Shirley Grimes und Clíodhna Ní Aodáin 2017 ins Leben gerufen haben, um eine Stimme gegen die «globalen populistischen und nationalistischen Strömungen» zu erheben, wie die beiden Musikerinnen es beschreiben. Zwei Jahre später werden die Newsfeeds immer noch von Meldungen über Flüchtlingskrisen, Armut und Gewalt dominiert – auch vergangenes Wochenende, an dem eine Kapitänin verhaftet wurde, weil sie flüchtende Menschen vor dem Ertrinken bewahrt hat.

Wenn die Musikerinnen über den Hintergrund von «In Search of a Better Life» sprechen, wirken sie sichtlich bewegt. «Ich kann nicht weitererzählen, sonst muss ich weinen», sagt Clíodhna Ní Aodáin an einem Punkt.

Irische Migrationsgeschichte

In der irischen Musik ist die Migrationsthematik tief verwurzelt. Mitte des 19. Jahrhunderts verliessen 1,5 Millionen Iren ihre Heimatinsel, um Hunger und Armut zu entfliehen. Viele zog es übers Meer in die neue Welt, doch der Weg nach Amerika war zuweilen gefährlich, und wer überlebte, sah sich mit Diskriminierung und Ignoranz konfrontiert.

Noch in den 1980er-Jahren suchten viele Iren in England Arbeit, und nicht wenige von ihnen landeten auf der Strasse, wovon etwa der Song «McGuires Bus of Broken Dreams» erzählt.

Ob Songs wie jener von Paul Doran oder traditionelle Musik: In den Liedern fanden die Iren ein emotionales Sprachrohr. Nun wurden sie von Shirley Grimes und Clíodhna Ní Aodáin neu arrangiert, um «den Geschichten von Millionen von Menschen, die bis heute gezwungen sind, ihre Heimat auf der Suche nach einem besseren Leben zu verlassen, Ausdruck zu verleihen».

Eigene Songs von Grimes runden das Programm ab, «Hold On» etwa oder das energiegeladene «One River» – ein Stück, das die Musikerin mit einem multinationalen Chor eingespielt hat.

Im Hall des Mittelschiffs der Französischen Kirche sind die mal englischen, mal gälischen Texte nicht immer klar erkennbar, doch verständlich ist die Musik in jedem Moment. Und wie in der Realität schwingt im Fröhlichen Tragik mit – und im Traurigen keimt Hoffnung.

Berner Zeitung

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