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Immer laut, immer dreckig und – na ja

Motörhead («die lauteste Band der Welt») wirft mit «Motörizer» ihr 20.Studioalbum auf den Hardrockmarkt – und ihr Oberkopf Lemmy das Hörbuch «White Line Fever» über sein wildes Rock-’n’-Roll-Leben. Bloss vertonte Klischees?

Werfen wir zuerst kurz einen Blick zurück in die Welt der harten Bands der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte. Die schrillste waren zu ihren besten Zeiten zweifellos Guns N’Roses mit ihren Frontmännern Axl und Slash. Die poppigste in Sachen Songmaterial («Jump») und wegweisend beim Gitarrensound wohl Van Halen. Die kreativste und charismatischste unter den klassischen Metalgrössen sicherlich Metallica. Und die zackigste und trockenste die australischen Riffkönige von AC/DC. Ja, und da gabs (und gibts) noch Motörhead. Laut, ungeschliffen, kompromisslos, wüst. Mit einem Leadsänger und Bassisten, der etwa so sexy aussieht wie eine Kettensäge unter Drogen. Mit einem Sound, der kaum «meh Dräck» zulässt. Mit einer Liveshow, die den verschwitzten Charme abgefahrener Übungsraumsessions versprüht.

Mit Vollgas voraus

Die drei Schwerarbeiter von Motörhead legen nun also ihr 20.Studioalbum (neben 15 Liveveröffentlichungen) vor. «Motörizer» nennen sie es. Und selbstverständlich erfinden sich die Briten darauf nicht neu.

Die meisten Stücke beginnen bereits mit Vollgas und enden auch so. Wie gehabt. Fans dürften ihre helle Freude an «Rock Out» oder etwa «Buried Alive» haben, Nummern, welche aufs Brachialste losdonnern. Doch, man höre und staune: «Motörizer» bietet musikalisch durchaus auch etwas differenzierter angehauchte Stücke. «English Rose» beispielsweise ist beinahe schon lüpfiger Rock’n’Roll, und bei «The Tousand Names of God» kommt sogar so etwas wie eine Slidegitarre zum Zug. Alles in allem aber lässt Motörhead auf «Motörizer» nichts anbrennen und recycelt sich selber in schöner Regelmässigkeit. Und einen Überknaller wie «Ace of Spades» von 1980 sucht man auch hier vergebens. Aber wer erwartet das schon noch? Hausmannskost muss halt genügen – und die schmeckt ja meistens auch nicht schlecht. Für Fans der Band gibts aber nicht nur ein neues Musikalbum. Denn Leader Ian Kilmister, besser bekannt als der meist finster dreinschauende Lemmy mit den gewaltigen Backenbärten, hat seine Lebenserinnerungen nun auf CD brennen lassen.

Ian Kilmisters Biografie

Das Hörbuch mit dem Titel «White Line Fever» soll Einblicke in sein raues Leben als harter Rocker geben. Gelesen wird die deutsche Übersetzung von Filmschauspieler Martin Semmelrogge («Das Boot», «Tatort», «Die Strassen von Berlin»).

In der Autobiografie des heute 62-jährigen Lemmy erfährt man beispielsweise, dass sein Vater, ein Pfarrer, die Familie Hals über Kopf verlassen hatte. Und dass Lemmy nicht zuletzt wegen dieses Kindheitserlebnisses Religion bis heute als eine «verlogene Angelegenheit» betrachtet. Man erfährt, dass er sich gegen den Schulbetrieb auflehnte, später in London herumlungerte, mit einem Mädchen in einem besetzten Haus lebte, bei Jimi Hendrix als Roadie jobbte, bei Hawkwind als Bassist einstieg und 1975 Motörhead gründete. Und immer wieder Sex, Drugs und Rock’n’Roll, Sex, Drugs und Rock’n’Roll.

Lemmy bedient sich bei seinen

Erzählungen sämtlicher Klischees, die es in den Sechziger- und Siebzigerjahren vermeintlich dazu brauchte, um im Rockbusiness durchzustarten.

Was durchaus unterhaltsam und spannend sein könnte, entwickelt sich aber leider oft zu einer etwas langfädigen, bierernsten Selbstbeweihräucherung. Und Sprecher Martin Semmelrogge verstärkt mit seinem zuweilen penetrant gekünstelten Slang diese Schwerfälligkeit noch zusätzlich. Schade. Denn schlecht sind die einzelnen Storys eigentlich nicht. Und mit etwas mehr Selbstironie und Augenzwinkern würden sie wohl auch richtig gut rüberkommen.

Die CD: Motörhead, «Motörizer», spv GmbH; das Hörbuch: Lemmy, «White Line Fever», Nuclearblast.

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