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Ihr bester Freund: Unrettbar kaputt

Die kanadische Pianistin Angela Hewitt verlor ihren kostbaren Flügel. Mitarbeiter einer Transportfirma liessen ihn fallen.

«It’s kaputt» – so kommentierte Angela Hewitt den unreparierbaren Schaden an ihrem Instrument. Foto: Maiwolf Photography
«It’s kaputt» – so kommentierte Angela Hewitt den unreparierbaren Schaden an ihrem Instrument. Foto: Maiwolf Photography

Sie gilt als eine der besten Bach-Interpretinnen (nein, auch -Interpreten) der Gegenwart. Die kanadische Pianistin Angela Hewitt ist weltweit gefragt, auch in Zürich konnte man die 61-Jährige hören, zuletzt 2018. Seit Anfang der 2000er-Jahre spielt sie auf einem Fazioli-Flügel der Serie 278. Die italienische Klavierbauerfirma sitzt in Sacile, nördlich von Venedig, und hat sich in 40 Jahren ihrer Existenz einen ausserordentlichen Ruf erworben. Ihre Instrumente, allesamt in Handarbeit gebaut, wofür es jeweils zwei Jahre braucht, zeichnen sich durch einen leichten Anschlag und einen variablen Klang aus, flexibler, sagen ihre An­hänger, als die international dominierenden Steinway-Flügel.

Auf ihrem Fazioli konnte sie alles tun, was sie wollte, sagte Angela Hewitt. Sie nahm ihn mit, wenn sie irgendwo Plattenaufnahmen machte, und auch zu vielen Konzerten. Es war ihr «bester Freund, bester Gefährte», sagte sie.

Warum die Vergangenheitsform? Der Fazioli-Flügel ist nicht mehr. Mitarbeiter einer professionellen Transportfirma liessen ihn fallen, als sie ihn nach einer Aufnahmesitzung in der Berliner Jesus-Christus-Kirche auf einen Transportwagen heben wollten. Der Schaden: beträchtlich. Der Eisen­rahmen ist gebrochen, ebenso der Deckel und der hölzerne Resonanz­boden, von anderem zu schweigen.

Paolo Fazioli, der Chef der Klavierbauerfirma, erklärte das Instrument für nicht mehr reparierbar. Angela Hewitt, die die Katastrophe auf Facebook ihrem riesigen Anhängerkreis bekannt gab – erst zehn Tage nach dem Schock war sie fähig dazu –, wählte zur Verdeutlichung des Elends die drastische englisch-deutsche Wendung «it’s kaputt».

Ein Instrument wie eine Körpererweiterung

Der materielle Schaden ist schnell beziffert: Auf rund 190'000 Franken wird der Wert des zerstörten Instruments geschätzt. Natürlich ist die Sache ein Versicherungsfall. Und ebenso natürlich wird Angela Hewitt einen neuen Flügel bekommen, auch wieder einen Fazioli; drei Instrumente, schreibt sie, stünden demnächst in Sacile zum Ausprobieren bereit.

Aber es ist eben nicht der Fazioli, ihr Fazioli. Pianisten gehen mit ihrem Instrument eine innige Beziehung ein, intensiver als mit den meisten Menschen. Sie verbringen die meiste Lebenszeit mit ihm – ihn zu verlieren, ist, wie es ein grosser Klavierhändler einmal ausgedrückt hat, wie ein Körperteil einzubüssen.

Ein Flügel, den man wie eine Körpererweiterung empfindet: Geiger oder Cellisten werden das verstehen. ­Hundebesitzer auch: Stirbt einem dieser «beste Freund», tut man sich auch schwer, ihn einfach durch einen neuen zu ersetzen.

Angela Hewitt wird vielleicht Jahre brauchen, um mit ihrem neuen Fazioli ähnlich intim vertraut zu sein wie mit dem Vorgänger, von dem sie schreibt: «Ich hoffe, er ist glücklich im Klavierhimmel.» Einen Trost hat sie, auch für ihre Anhänger: Durch die Plattenaufnahmen ist der einmalige Klang erhalten, der Flügel in gewisser Weise unsterblich geworden. So verweist sie in ihrer Facebook-Nachricht auf eine Debussy-Einspielung und lässt auch einen Ausschnitt des allerletzten gemeinsamen Musizierens hören: Beethovens F-Dur-Variationen in der Jesus-Christus-Kirche.

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