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«Ich bekämpfe Panik mit Humor»

Neun Jahre lang blieb es um den Komponisten und Sänger Randy Newman still. Jetzt meldet er sich mit seinem Soloalbum «Harps and Angels» zurück. Der Musiker im Gespräch über sein neustes Werk, seine Altersgenossen und über Amerika und die Schweiz.

Randy Newman, Sie waren neun Jahre wie vom Erdboden verschluckt. Was ist passiert?

Randy Newman: Diesmal habe ich eine bessere Ausrede als all die anderen Male. Und zwar habe ich für einige Filme die Musik komponiert. Ich habe also gearbeitet. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten in meiner Karriere, in denen ich einfach zehn Jahre nichts getan habe. Natürlich habe ich niemandem gesagt, dass ich nichts tue.

Ist die Musik für einen Komponisten und Sänger nicht die treibende Kraft im Leben?

Eigentlich schon. Aber ich bin manchmal wie ein kleines Kind und drücke mich davor, ins Studio zu gehen. Warum in einem leeren Raum sitzen, wenn man Fernsehen schauen oder etwas anderes tun kann? Der Gang ins Studio kostet mich noch heute viel Kraft. Ich liebe den Moment, in dem ich Musik schreibe. Aber es nervt mich, im Studio zu warten, bis ich eine Idee habe.

Was sagt der Psychologe in Ihnen dazu?

Wenn man auf eine erfolgreiche Karriere zurückschauen kann, geht man mit sich selber viel härter ins Gericht. Nur: Wer will schon bewertet werden? Niemand! Ich sehe das bei meinen Kindern, wenn sie ein Examen schwänzen, weil sie sich dann sagen können: Hätte ich mich besser vorbereitet, hätte ich eine sechs geschrieben. Aber das ist Selbstbetrug. So sollte man nicht durchs Leben gehen.

Sie haben also aus Angst zu versagen geschwänzt.

Ich hätte in meiner Karriere doppelt so viele Alben machen sollen. Elton John, als Beispiel, hat ungefähr vierzig Alben veröffentlicht. Das hätte ich auch tun sollen. Und es ist mir egal, ob die Qualität darunter gelitten hätte, wenn ich so viele Platten gemacht hätte. Obwohl, nein, es wäre mir nicht egal, aber ich würde es in Kauf nehmen.

Viele finden Elton John aber gerade wegen seiner Omnipräsenz langweilig.

Ja, das kann sein. Wenn ein Künstler nicht langweilig wird, ist es einfach nur Glück. Ich habe damit aufgehört, mir wegen der langen Pausen , die ich zwischen den Alben jeweils eingelegt habe, ein schlechtes Gewissen zu machen. Früher war ich da sehr streng mit mir. Aber ich bin einfach so, wie ich bin. Und es gibt Dinge, die sich nach fast fünfzig Jahren nicht ändern werden.

Sie haben sich für «Harps and Angels» wieder vom Rockgenre entfernt und zum Jazz gefunden. Wie kommt das?

Das letzte Album «Bad Love» war ein Rock-’n’-Roll-Album. In diesem Genre erreichen die meisten Künstler den Höhepunkt ihrer Karriere, bevor sie 30 sind. Dann lassen sie nach. Es gibt nur wenige Musiker, die mit 50 trotzdem noch rocken können, und ich wollte unbedingt ausprobieren, ob ich dazugehöre. Ich bin stolz auf dieses Album, aber für «Harps and Angels» wollte ich einen cooleren Sound.

Es gibt Gerüchte, dass Kollegen, die in Ihrem Alter sind, das Album nicht gerade toll finden. Wie reagieren Sie darauf?

Die Musiker, die wie ich um die 50 oder 60 Jahre alt sind, haben Geld und machen darum, was sie wollen. Also machen sie Musik, die sie an die guten alten Zeiten und an ihre Jugend erinnert. Auf meinem Album geht es unter anderem um Tod, Verlust und Veränderung. Aber das passt ihnen nicht. Sie wollen nicht an ihr Alter erinnert werden und daran, dass sie bald sterben, ja einfach tot auf der Strasse umfallen könnten. (lacht)

Sie hingegen scheint dieses Szenario gar nicht zu beunruhigen.

Ich bin ein bisschen wie die Figur in meinem Song «Harps and Angels»: Ich bekämpfe meine Panik mit Humor. Natürlich wäre es tragisch, auf der Strasse tot umzufallen. Aber der Punkt ist: Es gibt ein Leben nach dem Tod, und dort sieht man all seine Liebsten wieder.

Themawechsel: Auf Ihrer Platte geht es auch um Ihr zwiespältiges Verhältnis zu Ihrem Heimatland. Befinden Sie sich als Amerikaner in einer Identitätskrise?

Nein. Ich liebe das Land, und das werde ich immer tun. Die Menschen in Amerika sind nicht schlecht oder gemein. Es ist nur im Moment so, dass wir seit langem die unfähigste Gruppe von Politikern in der Regierung haben. Wir haben viele Probleme in Amerika, aber es gibt auch einiges, das wir ganz gut hinkriegen.

Zum Beispiel?

Ich glaube nicht, dass Menschen, die aus verschiedenen Kulturen stammen und verschiedene Sprachen sprechen, sich grundsätzlich mögen können. Aber Amerika ist das beste Beispiel dafür, dass es trotzdem funktionieren kann. Das ist nicht überall so. In der Schweiz sind Sie ja diesbezüglich total gescheitert.

Wie meinen Sie das?

Als ich das erste Mal in die Schweiz gereist bin, war ich sehr überrascht. Ich habe immer gedacht, dass die Schweizer, egal welcher Muttersprache, im ganzen Land verstreut sind. Natürlich gibt es Ecken, wo es mehr von den einen oder anderen gibt, aber dass sich alle voneinander abgrenzen und das Land praktisch in vier Teile aufgeteilt ist, hat mich doch sehr erstaunt.

Da vergleichen Sie aber zwei verschiedene Situationen.

Das mag sein. Ich bin nie länger in der Schweiz geblieben, sondern war immer nur auf der Durchreise. Was ich damit sagen will, ist Folgendes: Viele Menschen zeigen mit dem Finger auf mein Land und zählen schon fast schadenfreudig all die Probleme auf, die wir haben. Aber deren eigene Heimatländer haben sicherlich auch ihre Probleme.

Sie spielen im November in Luzern. Freuen Sie sich darauf, wieder in die Schweiz zu kommen, um neue Missstände zu entdecken?

(lacht) Ich habe an meine Zeit in der Schweiz auch sehr schöne Erinnerungen. Am besten hat es mir in Bern gefallen. Dort würde ich gerne wohnen. Ich liebe den Fluss, der sich durch die ganze Stadt schlängelt. Und irgendwo habe ich auf einer Wiese diese Kühe gesehen. Ich kann mich noch genau daran erinnern. Und gleichzeitig vergesse ich regelmässig die Namen meiner Kinder. Shame on me. (lacht nochmals)

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