Heute schon gejützt?

Das Trio Jütz holte am Sonntagmittag gemeinsam mit dem Berner Symphonieorchester und dem Schriftsteller Arno Camenisch die Berge in eine unprätentiöse Berner Kirche.

Jütz verbinden musikalische Welten.

Jütz verbinden musikalische Welten.

(Bild: Maria Künzli)

Die Diaconis-Kirche in Bern ist nicht wie andere Kirchen. Sie thront nicht majestätisch auf einem Hügel, sie hat keinen hohen Turm, mit dem sie ihre Nähe zum Herrgott zur Schau stellt. Stattdessen liegt sie bescheiden am Hang, unterhalb des Salem-Spitals in einem Wohnquartier. Durch ein Pärkli, vorbei an einem Teich, findet man sie zwischen Bäumen – Wegweisern sei Dank. Unprätentiös steht sie da und verbindet Alltags- und Lebenswelten: Spital, Altersheim, Wohnhäuser und Teichlandschaften.

Hier, in der Diaconis-Kirche, veranstaltet die christliche Institution Diaconis – ehemals Diakonissenhaus Bern – zu ihrem 175-Jahr-Jubiläum mehrere Konzerte. Daniel Woodtli, Berner Trompeter unter anderem bei Patent Ochsner, kuratiert die Konzerte und steht an diesem Sonntag auch gleich selbst auf der Bühne. Nicht mit Büne Huber, sondern mit seinem Trio Jütz, dem Kammerorchester des Berner Symphonieorchesters (BSO) und dem Schriftsteller Arno Camenisch. Und Jütz passen in die Diaconis-Kirche.

Auch die Band, die neben Woodtli aus der Tiroler Multiinstrumentalistin und Sängerin Isa Kurz und dem Tiroler Kontrabassisten Philipp Moll besteht, verbindet unprätentiös Welten. Musikalische Welten. Ohne Scheu nimmt sie sich mit Trompete, Kontrabass, Violine, Hackbrett und Gesang Schweizer Volkslieder und alpine Weisen vor, zerlegt sie, findet sie neu, kombiniert sie mit Jazz, Klassik, Pop und Improvisation. Dabei entsteht etwas, das nie nach Baukasten klingt, sondern sinnlich und natürlich daherkommt.

Für das Konzert in der Diaconis-Kirche schrieb und ar­rangierte Daniel Woodtli eine «musikalische Suite», man könnte auch sagen: eine Art Medley. Denn immer wieder flackern darin bekannte Volkslieder wie etwa das «Vogellisi» auf. Manchmal ist es nur ein minimalistisches Erahnen mit Trompete oder Akkordeon, bevor die Klänge verschwimmen oder in neue Melodien übergehen. Mal stampfend, raunend, mal tänzelnd, taumelnd. In das Urchige mischt sich Modernes, in das Lüpfige Melancholisches. Die Musikerinnen und Musiker des BSO lassen sich ohne Scheuklappen auf dieses Experiment ein.

In kurzen Sequenzen meldet sich der Bündner und gebürtige Rätoromane Arno Camenisch zu Wort, liest aus seinem zweisprachigen Werk «Sez Ner», erzählt von Sennen und Schweinehirten, von Nackten und von Pfarrern. Der Rhythmus seiner Sprache fügt sich in jenen der Musik ein.

Doch es sind Jütz, die alles zusammenhalten, die Camenisch und das BSO auf den­selben Nenner bringen. Sie zeigen, wie das geht mit dem Crossover und der modernen Volksmusik. Jütz, das ist Jazz, das ist Jutz, das ist Jetzt. Zeit­genössische Volksmusik, die nichts muss und alles darf.

Die das Publikum einer Stadtkirche an einem gewöhnlichen Sonntagmittag mal eben so in die Berge entführt.

Nächstes Konzert von Jütz: 26.1. 2020, 16 Uhr, Mokka, Thun.

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