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Grosshöchstetten, Arizona

Long Tall Jefferson spielte in der Kühltür Grosshöchstetten, wo das Dorf viele Gesichter hat.

Bringt Wärme ins Kühlhaus der Ex-Metzgerei: Simon Borer. Foto: mbu
Bringt Wärme ins Kühlhaus der Ex-Metzgerei: Simon Borer. Foto: mbu

Grosshöchstetten liegt irgendwo in Arizona, an einem endlosen, schnurgeraden Highway, wo der Horizont in der Ferne nur so flackert. Jedenfalls dann, wenn der lange, grosse Jefferson mit seiner Band auf der Bühne steht, den Mundharmonikahalter um den Hals, die Gitarre in den Händen und mit seiner tiefen Stimme Songs wie «Westbound» spielt, in Bob-Dylan-Manier mit klugen Liedern schöne Geschichten erzählt vom Unterwegssein. So letztes Wochenende.

Grosshöchstetten liegt am Rand des Emmentals, mit einem Kreisel im Zentrum, der die Menschen in alle Himmelsrichtungen – Bern, Thun, Langnau, Burgdorf – verteilt. Und dort, ganz unten im Dorf, an einer stillen Ecke einer stillen Kreuzung liegt das Gebäude der ehemaligen Metzgerei Gerber, die vor zwanzig Jahren schliessen musste, wegen BSE und so und wo sich heute Musiker die Klinke in die Hand geben – oder besser: den Klappgriff.

Denn Kühltür, wie das Konzertlokal heisst, das eine Gruppe aus fünf, sechs Leuten seit fast 15 Jahren ehrenamtlich und mit viel Herzblut betreibt, ist im ehemaligen Kühlraum eingerichtet.

Ere Gerber, Bassist bei Bubi Eifach, gehört zu diesen fünf, sechs Leuten, deshalb kommt die halbe Schweizer oder zumindest die Berner Musikwelt hier in Grosshöchstetten vorbei. Davon erzählen auch die Fotos an den Wänden: Kuno und Co., Tinu und Co., Bubi und Co., Michael und Co. Schnulze & Schnultze waren dieses Jahr schon da, oder Veronica Fusaro. Zehn Konzerte sind es im Jahr, das Programm steht für die nächsten zwei Jahre fest.

Grosshöchstetten ist nicht gerade der Nabel der Welt. Das Publikum, ausser zwei jungen weiblichen Fans, aus fernen Kantonen angereist, besteht heute aus Einheimischen. Ohne Stammpublikum ginge nichts, meinen die Veranstalter. Zu nah ist die Hauptstadt. 60 Leute sind es an diesem Abend ungefähr.

Long Tall Jefferson also. Simon Borer heisst der Mann mit der Pilzfrisur und dem Schnauz im richtigen Leben. Er ist 30-jährig, stammt aus Luzern und spielte in etlichen Formationen, bis er sich selbstständig machte. Seit seinem Debüt-Album 2016 «I Want My Honey Back» und mit seinem neusten Werk «Lucky Guy» ist er permanent auf Tour in ganz Europa. Er wurde an die grossen Festivals wie das Moon and Stars, Blue Balls, Gurtenfestival eingeladen.

In Grosshöchstetten ist die Zeit stehen geblieben. Mit den gelben Vorhängen vor den Fenstern, der Discokugel an der Decke, den weissen Akustikplatten an den Wänden und dem langen Mann mit Schnauz auf der kleinen Bühne wähnt man sich in einem 1970er-Jahre-Coming-of-Age-Film.

Auf den wenigen Plätzen vor der Bühne hält sich ein mittelaltes Pärchen zwischen den Stühlen die Hände. Die Frauen im Publikum haben eine Hand auf den Brustkorb gelegt. Die Männer trinken Bier und Schnäpse und blicken ernst.

All das passt gut zu einer Band, die jene Zeiten heraufbeschwört, als die Tage noch mehr Stunden hatten. Und so kommen auch die Songs daher, unaufgeregt. In den besten Momenten, bei Songs wie «Broken Spare Parts» oder «Pharao» fühlt man sich tatsächlich an Bob Dylan erinnert, an die Band America oder an Bruce Springsteens Album «Nebraska».

Und wenn die Musik von Folk-Rock zu Schmuse-Pop schwenkt, wähnt man sich auf einem US-Schülerball anno 1978, aber das ist nicht negativ gemeint. Jedenfalls: So war das, als Grosshöchstetten kurz in der Wüste lag.

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