Zum Hauptinhalt springen

Ein simpler Tanz? Von wegen!

Lange wurde ­Linedance belächelt. Dann entdeckten immer mehr Leute diesen scheinbar simplen Tanz für sich. Warum macht Linedance so viele Leute glücklich?

Linedance-Kurs in Rüdtligen – Der Tanz erfreut sich grosser Beliebtheit.<br> Video: Enrique Muñoz García

Auf einen Schlag füllt sich die Tanzfläche mit Tanzwilligen, jung und alt, fast nur weiblich. Auf diesen Moment haben sie seit einer Viertelstunde gewartet. Sie stellen sich auf, hinter- und nebeneinander. DJ Ruth spielt den ersten Song an. «Beautiful Day» dröhnt aus den Boxen, ein Countrylied gesungen von Dave Sheriff. Und alle machen Back Rock, Side, Hold; Back Rock, Side, Hold. Und alle sehen entspannt und glücklich aus.

Auch DJ Ruth, die eigentlich Ruth Kobi heisst und so etwas wie die Mutter der Linedance-Szene ist. Strahlend sitzt sie hinter dem DJ-Pult. Ihre Füsse machen die Schritte im Kleinen mit, Back Rock, Side, Hold. Sie können nicht anders. Heute ist Linedance-Night im No Limits, dem Club in der Industriezone von Rüdtligen im Emmental, betrieben von Ruth Bezençon. Jeden Freitag und Samstag treffen sich hier Linedance-Begeisterte zwischen Festbänken und US-Flaggen, bei Rivella und Bier, Country und ein bisschen anderer Musik.

DJ Ruth alias Ruth Kobi ist so etwas wie die Mutter der Linedance-Szene. Bild: Enrique Muñoz García
DJ Ruth alias Ruth Kobi ist so etwas wie die Mutter der Linedance-Szene. Bild: Enrique Muñoz García

Die Menge machts

Man kann sich schon vorstellen, dass dieses Hobby glücklich macht. Sich inmitten Gleichgesinnter zu wissen, dieselben Bewegungen zum selben Song zu machen. Denn erst die Menge lässt die Choreografie, die bei jedem Song anders aussieht, imposant aussehen – auch wenn es beim Linedance durchaus Wettkämpfe gibt, wo einzeln getanzt wird. Und es gibt auch Showgruppen, die die Choreografie zur Perfektion treiben. Im No Limits darf jeder mittanzen, der die Schritte beherrscht. Und ist dabei erst noch auf keinen Tanzpartner angewiesen.

Ja, Linedance fasziniert. Und Linedance ist allgegenwärtig. Nicht nur am Truckerfestival in Interlaken, auch an der Countrynight des lokalen Turnvereins und dem Dorffest zum 500-Jahr-Jubiläum steht Linedance auf dem Programm. Wer möchte, kann jeden Abend irgendwo linedancen. Es gibt sogar eine Kreuzfahrt von Hotelplan, die unter dem Stichwort «Country Music Cruise» beworben wird und auf Country und Linedance setzt.

«Ein rechter Boom»

Vor einigen Jahren war das noch anders. Als Ruth Kobi Linedance 1995 auf einer Englandreise entdeckte und vor Ort erlernte, wurde sie, zurück in der Schweiz, ­belächelt. «Was, diesen simplen Tanz machst du?», hiess es. Die ehemalige Stepptänzerin liess sich nicht beirren, begann als eine der ersten hierzulande Linedance zu unterrichten. Erst in der Migros-Klubschule, später gründete sie ihre eigene Linedance-Schule.

Ihre Kurse in Ittigen sind nach wie vor beliebt. Auch wenn es inzwischen viele andere Schulen gibt, die Ruth Kobi nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung sieht. «Es ist ein rechter Boom», sagt die 74-Jährige, die kürzlich an den Line Dance Star Awards für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. An dieser Veranstaltung in Deutschland, an der es glitzert und glimmert wie bei der Oscarverleihung, ist der US-amerikanische Ursprung der Bewegung gut zu spüren.

Und alle machen Back Rock, Side, Hold; Back Rock, Side, Hold: Linedance-Night im No Limits in Rüdtligen. Bild: Enrique Muñoz García
Und alle machen Back Rock, Side, Hold; Back Rock, Side, Hold: Linedance-Night im No Limits in Rüdtligen. Bild: Enrique Muñoz García

Am Anfang war John Travolta

Linedance wird etwa seit Mitte des letzten Jahrhunderts in den USA getanzt und hat sich danach zunehmend Richtung Europa ausgebreitet. Grössere Bekanntheit erreicht hat Linedance hierzulande aber erst mit dem Film «Saturday Night Fever» mit John Travolta (1977). In einer Szene animiert er dort eine ganze Disco dazu, dieselben Tanzbewegungen zum Popsong «Night Fever» zu machen.

Denn Linedance ist eigentlich gar nicht nur an Countrymusik geknüpft, sagt Ruth Kobi. In England zum Beispiel sei Country eine Randerscheinung, dort tanze man vor allem zu anderer Musik wie Pop und Rock.

Doch die Schweizer sind bezüglich Linedance Traditionalisten. In Rüdtligen treten sie zumeist ohne Cowboyhut und Stiefeletten an, trotzdem ist die Tanzfläche besser gefüllt, wenn Country ansteht. Und Workshops werden besser besucht, wenn an der Choreografie eines Countrysongs gearbeitet wird. Nicht zur Freude aller Linedancefans.

«Country ist langweilig», findet zum Beispiel Markus Hebeisen, der selbst Workshops anbietet. Er widerspricht dem Klischee des klassischen Linedancers: Er ist 39 und lebt in der Stadt Bern. Vor zehn Jahren hat er mit Linedance begonnen, er hatte das Truckerfestival in Interlaken besucht und gefunden: «Das sieht noch gut aus.» Diese Schritte könnte er vielleicht sogar «als Nichttänzer ohne Rhythmusgefühl» lernen. Er ging zu Ruth Kobi in den Kurs, besuchte später auch Workshops im Ausland, wo die Choreografen, die die Tänze erfinden, nicht so auf Country fixiert sind.

Angeberei ist verpönt

Nun spielt DJ Ruth den Song «Irish Stew», und die Tänzer eilen wieder auf die Bühne. Die Tanzliste des Abends liegt auf den Tischen auf. 80 Stücke, und man weiss genau, welche man tanzen kann. Und bei welchen man die Tanzfläche verlassen muss. Im Linedance herrschen strenge ­Regeln. Die sogenannte Dance Floor Etiquette ist neben dem Spiegel beim WC aufgehängt. «Wichtig: Wenn ein Tanz vorüber ist, verlasse die Tanzfläche. Stehe nicht auf dem bisschen freien Platz herum und versuche Bekanntschaften zu schliessen», steht da beispielsweise. Auch Angeberei und viel Alkohol trinken ist verpönt.

Erst die Arbeit

Es geht organisiert zu und her. Auch auf der Tanzfläche. Egal, wie locker diese Twists und Turns aussehen, es steckt viel Arbeit dahinter. Um überhaupt die leichtesten sieben bis acht Tänze zu lernen, besuchen die Tänzer und Tänzerinnen wochenlang einen Einführungskurs, lernen dabei die Grundschritte, auf denen ­später aufgebaut wird. So wie die 30-jährige Véronique Jullier, die gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrer Mutter seit gut einem Jahr Linedance-Unterricht nimmt.

Auf den Linedance gestossen waren sie beim Serienschauen. «In der Serie ‹Pretty Little Liars› machten sie Linedance. Wir dachten, das sieht geil aus, und buchten einen Kurs», erzählt Jullier und schwärmt: «Ich finde es toll, dass ich Linedance irgendwo auf der Welt machen kann, zur immer selben Choreografie.»

DJ Ruth drückt Start. «No Man’s Land», ein Klassiker. Die Tanzfläche füllt sich, und alle machen Turn, Side, Point, Back, Kick Ball-Cross. Und alle wirken glücklich. Auch DJ Ruth, die im Dezember Urgrossmutter wird. Linedance hält jung. In den Beinen und auch im Kopf, der sich all die verschiedenen Choreografien merken muss. Kein Wunder, finden die Tänzer einhellig: «Linedance ist gut fürs Hirn.»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch