Ein Mann wie ein Erdbeben

Soundcheck

Les Hôtesses d’Hilaire aus Kanada feierten im Progr die Frankophonie. An ihnen lag es nicht, dass die Fête steif blieb.

So viel Charisma an einem Sonntagabend: Serge Brideau und Band. Foto: sam

So viel Charisma an einem Sonntagabend: Serge Brideau und Band. Foto: sam

«Hello, I’m Johnny Cash», grinst der Mann im schwarzen Mantel. So kann man auch in ein Konzert einsteigen, das im Rahmen der «Semaine de la langue française et de la francophonie» stattfindet und von der kanadischen Botschaft gesponsert wird. Aber Serge Brideau passt auch sonst nicht wirklich ins Bild, das wir von Frankreich und Co. haben.

Les Hôtesses d'Hilaire bei ihrem Auftritt im Progr. Quelle: Bee-flat im Progr/Facebook

Optisch ist er quasi die Antithese zu Justin Trudeau und Emmanuel Macron. Gross, bärtig, korpulent und konsequent schlecht angezogen – unter dem erwähnten Mantel trägt er offenbar nicht viel, mit Ausnahme von einem Paar Socken und ausgelatschten Schuhen.

Ein Mix zwischen Jim Morrison in seiner (Pariser!) Endphase und Ian Anderson von Jethro Tull (aber ohne Flöte). Brideau wundert sich, dass die kanadische Botschaft ihn und seine Band Les Hôtesses d’Hilaire als Vertreter des frankophonen Kanada nach Bern eingeladen haben.

Immerhin sei Cannabis in seiner Heimat jetzt legal, erwähnt der Verfechter eines «bilinguen» Kanada. Er selber scheint eher auf Bier zu stehen. Gleich vier Flaschen deponiert er vor seinem Mikrofonständer und widmet sich diesen fortan fast so hingebungsvoll wie dem Publikum in der Progr-Turnhalle.

Der Song «Fais Faillite» vom Album «Touche-moi pas là». Quelle: Youtube

Das hat sich eben auf Kosten Kanadas einen Apéro gegönnt und den Wortschwallen des an der Elfenbeinküste geborenen und in Montreal lebenden Wortkünstlers und Slam-Poeten Fabrice Koffy gelauscht. An die Rock-Orgie, die Serge Brideau und seine vier langhaarigen, ganz in Weiss gewandeten Musiker in den nächsten 90 Minuten veranstalten, muss sich das auf Small Talk (beziehungsweise «petite conversation») eingestimmte Häufchen zuerst gewöhnen.

Les Hôtesses d’Hilaire spielen einen vertrackten, aber treibenden Prog Rock im Stil der 1970er-Jahre, der wimmelt von queren Beats, Tempowechseln und ausgedehnten Solopassagen. Rock-Opern und Spektakel mögen langsam etwas streng riechen, doch die Band aus der kanadischen Atlantik-Provinz New/Nouvelle Brunswick, wo die «Acadiens» leben, lässt sich davon nicht abhalten. Die Virtuosität der Instrumentalisten ist frappant und ermöglicht ihnen auch einen komödiantischen Zugang. Frank Zappa würde strahlen.

Dreh- und Angelpunkt des frankophonen Geschehens bleibt aber Serge Brideau, ein Erdbeben von einem Mann und ein wortgewaltiger Entertainer, eine Art exhibitionistischer Endo Anaconda mit ausgeprägtem Bewegungsdrang. Er improvisiert, gestikuliert, schüttelt das lange, schon ausgedünnte Haupthaar, wirbelt über die Bühne wie ein Derwisch – und gönnt sich dann den nächsten Schluck aus einer seiner Bierflaschen. Hélas!

So viel Charisma an einem Sonntagabend scheint etwas viel zu sein für die Freundinnen und Freunde der Frankophonie. Die Reihen lichten sich. Am Schluss spielen Les Hôtesses d’Hilaire vor ein paar Dutzend Unentwegten. Dabei hätten sie das Zeug für die Gurten-Hauptbühne.

Berner Zeitung

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