Der Rebell-Komponist 

Als Kind spielte der Berner Ivo Ubezio Geige, dann war er mit Hip-Hoppern auf Tour, später wurde er Filmmusiker. Nun führt das Berner Kammerorchester sein Stück auf.

Ivo Ubezio Um sein eigenes Ding durchziehen zu können, lehnte der Komponist Ivo Ubezio ein Angebot der Filmmusiklegende Hans Zimmer ab.

Ivo Ubezio Um sein eigenes Ding durchziehen zu können, lehnte der Komponist Ivo Ubezio ein Angebot der Filmmusiklegende Hans Zimmer ab.

(Bild: Remo Ubezio)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Ivo Ubezio nimmt den riesigen Schlüsselbund in die Hand und probiert einen Schlüssel nach dem anderen aus. Keiner will passen. Dann fängt er wieder mit dem ersten an, schliesslich ist er erfolgreich. Er öffnet die Tür und und macht hinter sich den Vorhang zu. Schon ist aus dem eingebauten Glaskorpus in der Berner Hochschule der Künste (HKB) ein Sitzungszimmer geworden. Die HKB ist momentan so etwas wie Ubezios zweites Zuhause, der 47-Jährige studiert hier Komposition, nun führt das Berner Kammerorchester (BKO) sein Stück «What a Watte» auf.

Es ist nicht die einzige Uraufführung an diesem Abend: Für «Rising Stars!» hat das Orchester mit der Hochschule zusammengespannt und mehrere Studierende eingeladen, ein Stück zu komponieren. Eine Chance für beide Seiten: Das BKO kann aus der Komfortzone ausbrechen und neue Musik spielen, die Komponistinnen und Komponisten können sich in der Praxis üben.

Ivo Ubezio ist eigentlich schon Praktiker. Musik hat ihn immer begleitet – und trotzdem ist er erst über Umwege Komponist geworden. Als Kind wollte er Geige spielen, dazu musste er an der Musikschule Muri-Gümligen einen Eignungstest bestehen. Er bestand, die Kriterien versteht er bis heute nicht. «Die klassische Welt hat mich eher befremdet, Etüden üben, das war nichts für mich», sagt er. Lieber vertonte er damals selbst erfundene Hörspiele, irgendwann liess ihn seine Geigenlehrerin machen, briet in der Geigenstunde auch mal Hamburger mit ihm, «so holte sie mich wieder ins Boot».

«Ich war hungrig»

Ivo Ubezio sitzt am Tisch, spricht ruhig und überlegt, er erzählt seine Biografie in einem Zug, obwohl die Fahrt sehr viele Stationen hat. Die nächste Station: ein grosses Loch. Ivo Ubezio hörte auf mit der Geige, widmete sich dem Sport, war Leistungssportler im Handball. Zeit für ein Instrument blieb da nicht – obwohl genau jene Zeit sehr wichtig wäre in der Entwicklung eines Musikers. Erst mit 17 nahm er wieder ein Instrument in die Hand. Diesmal eine Gitarre. Aus demselben Grund wie viele andere junge Musikfans: «Ich wollte eine Band haben.» Und so verbrachte er fortan die meiste Zeit damit, mit seinen Jungs zu spielen und zu jammen, daneben jobbten und studierten sie.

«Die Musik stand voll im Mittelpunkt, das war prägend», sagt Ivo Ubezio heute. Zu diesem Zeitpunkt wusste er: «Ich will Berufsmusiker werden.» Er ging an die Jazzschule in Luzern, spielte E-Bass, war später mit der Band Secondo als Livebegleitung von Hip-Hoppern wie Baze und Wurzel 5 unterwegs. Bis er irgendwann merkte: «Für die anderen in der Band ist die Musik eher Lifestyle.» 

Für ihn war sie mehr. «Ich war hungrig.» Ivo Ubezio zog wieder einen Strich und kam auf die Filmmusik. Für Reto Caffis «Auf der Strecke» machte er die Musik. Der Kurzfilm erhielt den Schweizer Filmpreis, wurde sogar für die Oscars nominiert, Ubezio reiste mit nach Hollywood, er wollte die Chance packen. Als kurz darauf der grosse deutsche Filmkomponist Hans Zimmer anrief und ihn in sein Team holen wollte, lehnte Ubezio dankend ab. «Ich hätte zehn Jahre investieren und wie ein Sklave arbeiten müssen, aber doch nur einem anderen zugedient», begründet Ubezio heute.

Stattdessen komponierte er die Musik zu anderen Filmen: dem Dokumentarfilm «Bottled Life», der Webserie «Experiment Schneuwly». Mit diesen Tätigkeiten war Ubezio eigentlich dahin zurückgekommen, wo er als Kind angefangen hatte: zu seinen Hörspielen, die er aus Eigenantrieb erschaffen hatte. Da war die späte Ausbildung zum Komponisten nur die logische Folge. «In der Komposition spielt das Alter zum Glück keine so grosse Rolle», sagt Ubezio, der mit seiner Familie seit Jahren in Köniz lebt, mit einem Augenzwinkern.

Scratchsolo auf der Geige

Doch wie sieht es mit seinem früher schwierigen Verhältnis zur Klassik aus? Zur Antwort muss Ivo Ubezio erst einmal ausholen: «Es gibt einen Betrieb, wo ich mich dazuzähle,§ und einen anderen, den ich kritisiere», sagt er. «Es gibt tolle Musiker, die mich beeindrucken, und die etwas wagen – das ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und dann gibt es diese anbiedernd gestalteten, ewig gleichen und dringlichkeitsfernen Wellnessprogramme, müde vorgetragene Museumsmusik, das ist künstlerisch auf der Strecke gebliebene Musik zum Einschlafen.»

Und so muss man von der Uraufführung von «What a Watte» auch nicht Gefälligkeit erwarten. «Das Stück fängt mit der Szene eines romantischen Orchesters an, das hinterrücks von einer Violinistin überfallen wird. Eine Rebellin. Sie macht auf ihrer Geige ein Scratchsolo.» Später kommt die zweite Geige hinzu, die sich an der Musik in Mali orientiert und als «Stimme der Weisheit» zwischen den beiden vermittelt. Ivo Ubezio lässt seine Einflüsse, Hip-Hop, Jazz, Afro, in sein Stück einfliessen.

Es ist ein Versuch – vielleicht gelingt er nicht. Vielleicht gelingt er. Manchmal muss man nur den richtigen Schlüssel haben. 

Berner Kammerorchester, «Rising Stars!»: Sa, 30.3., 19.30 Uhr, Grosser Saal, Konservatorium Bern. (18.45 Uhr: Podiumstalk mit den Komponierenden.)

Berner Zeitung

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