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Der König, der von Gott getestet wurde

Stormzy ist der erfolgreichste Rapper Englands. Nun veröffentlicht der 26-Jährige sein zweites Album.

Die Weste hat Banksy für ihn designt: Stormzy in Glastonbury. Foto: Getty Images
Die Weste hat Banksy für ihn designt: Stormzy in Glastonbury. Foto: Getty Images

Es war im Sommer 2019, als er in Glastonbury die grösste englische Festivalbühne in einer stichschutzsicheren und von Banksy designten Weste gestürmt hatte. Als Stormzy die Bühne wieder verlassen hatte, da war er der König.

Und zwar nicht nur in seinem Genre Grime – jene fiebrige Mischung aus Rap und nervös getakteten Club-Beats –, das auch dank ihm im Pop-Mainstream etabliert wurde. Sondern er wurde gekrönt, von der Autorin Zadie Smith etwa, die den Londoner im «New Yorker» in einer Art Krönungsrede als «unseren jungen schwarzen König» bezeichnete. Von weiteren Kommentatoren, die seinen Auftritt als Meilenstein in der Geschichte der schwarzen britischen Kultur einordneten.

Fast hatte man das Gefühl, als gehe doch noch was in diesem paralysierten Land. Als reichten die mächtigen «Fuck Boris!»- und «Fuck the government!»-Rufe aus Stormzys Hit «Vossi Bop», um einen Regierungswechsel zu bewirken.

Die Party? Ist vorbei

Die Hitsingle «Vossi Bop» beendet sein zweites Album «Heavy Is the Head», das endlich erschienen ist. Und man weiss natürlich: Nein, es reichte nicht für den Regierungswechsel, für den sich Stormzy so sehr starkgemacht hatte. Im Gegenteil. Und «Vossi Bop» hört sich nun schon fast wie eine nostalgische Nummer aus einer Zeit an, in der die Jungen noch Hoffnung hatten. Und man wacht mit ernüchtertem und irgendwie schwerem Kopf auf. Die Party? Ist vorbei.

Ein Meilenstein: Stormzys Glastonbury-Auftritt. Video: Emplex Island

Das passt zu Grime, einem Genre, das zu Beginn des Jahrtausends in den marginalisierten Sozialsiedlungen Londons entstanden ist. Und von jenen schwarzen Underdogs erfunden wurde, die normalerweise kein Gehör finden in der durchgentrifizierten und mit Kameras überwachten City.

Grime klang entsprechend vernarbt, aggressiv und hässlich, doch voller Energie. Vertrieben wurden jene Sounds über hyperlokale Piratenradiostationen, und erst als Personen wie Dizzee Rascal auftauchten, dessen «Boy in da Corner» (2003) noch immer unerhört klingt, konnte man Grime auch ausserhalb Londons hören.

Nicht bloss Rapper, sondern Künstler

Grime aber blieb eine sehr britische Angelegenheit, zumal die Rapper und DJs der verschiedenen Crews mit Diskriminierungen des weissen Establishments zu kämpfen hatten. Man fürchtete sich vor der Energie und der Wut, die Grime eben auch auszeichnet. Auch das war ein Grund, weshalb die mit Sicherheit eigenständigste Popkultur Englands seit der Punk-Explosion so lange in der Nische verharren musste.

Stormzy, der vor 26 Jahren als Michael Omari geboren wurde, kennt die Herkunft seiner Musik, kennt die populären Vorfahren wie Kano, Skepta oder den Grime-Paten Wiley, den er auf seinem neuen Album im Stück «Wiley Flow» direkt grüsst. Und er weiss, dass es auch andere Superhelden und Superheldinnen der schwarzen britischen Kultur, wie die Rapperin Little Simz, gibt, selbst dann, wenn alle Aufmerksamkeit und fast aller Erfolg nun ihm zukommen.

Er hatte in seiner Karriere, die mit dem Freestyle-Video «Shut Up» und seinem Debüt «Gang Signs & Prayer» durchgestartet ist, auch nie Angst vor dem kommerziellen Erfolg: Ein Remix von Ed Sheerans «Shape of You»? Kein Problem. Das Duett «Take Me Back to London» mit dem ehemaligen Strassenmusiker auf Sheerans Kollaborations-Album? Muss drinliegen – und ein zweites, das nun auf «Heavy Is the Head» zu hören ist, auch. Stormzy will ja auch nicht bloss der beste Rapper Grossbritanniens sein, sondern der beste Künstler. Und dieser Ehrgeiz, so sagte er kürzlich dem «Guardian», eint ihn mit Ed Sheeran.

Test vor Gott bestanden

Aber Stormzy ist kein Opportunist, der für sein zweites Album nach dem raschen Welterfolg greift. Lieber bleibt er in seiner eigenen Welt – und erzählt von seinem Aufstieg und seinem Umgang mit dem Ruhm, der nicht immer leicht zu ertragen ist. Er legt auch wieder seine Gottesfürchtigkeit an den Tag, wenn er sich im Ausnahmetrack «Audacity» an jenen Moment erinnert, als Banksy ihm in Glastonbury die mittlerweile ikonische Weste angezogen hat. Es habe sich so angefühlt, so rappt er, als sei er von Gott getestet worden.

Gegen Boris Johnson: Stormzy stellt sich den Fragen einer Schulklasse. Video: Noisey (Youtube)

Diesen Test hat er bestanden. Jetzt muss nur noch Boris Johnson weg, den er vor einer Schulklasse mit einem bösen Wolf verglichen und gegen den er glaubwürdiger als so viele andere gekämpft hat – damit das Märchen endgültig sein Happy End erhält. Und die Party wieder starten kann.

Stormzy: Heavy Is the Head (Atlantic/Warner). Konzert: 5.3.2020, X-tra, Zürich

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