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Der Beginn einer Weltkarriere?

Der Zürcher Nicolas Herzig will als Loco Escrito zum globalen Latino-Popstar werden. Und teilt gegen «naive Hippiemusiker» aus.

Benedikt Sartorius, Lea Blum
Wie man es früher gemacht habe, sei ihm «scheissegal»: Loco Escrito im Studio in Zürich-Altstetten. Video: Lea Blum

An ihn hat niemand geglaubt. Denn die Leute haben Nicolas Herzig als Träumer abgestempelt und ihm gesagt: Sei lieber Realist, komm mal auf den Boden. Doch dieser Nicolas Herzig ist nun Loco Escrito, und er ist in der Schweiz mit seinem Latino-Pop mittlerweile so bekannt und erfolgreich geworden, dass er diesen Leuten zeigen kann, dass sie falschlagen. Und ihnen im Intro seines neuen Albums zusingt: «Jetzt wollt ihr VIP-Plätze für meine Konzerte?» Vier Platinplatten hängen mittlerweile an der Wand, und ihr? Habt noch nicht einmal einen Song rausgehauen.

Aber nicht, dass er damit schon zufrieden wäre. Denn dies soll erst der Beginn einer Weltkarriere sein.

Nun sitzt Nicolas Herzig im Aufenthaltsraum des Studios seines Produzenten Henrik Amschler. Hier in Zürich-Altstetten könnte man prima herumhängen, Partys feiern, Videogames spielen, an der Bar einen Drink mixen. Dieses Herumhängen ist aber nicht das, was den 30-Jährigen interessiert. Und Zeit zu verplempern hat er auch nicht, er, der auf dem Weg nach oben, so sagt er, «Scheisse fressen» musste. «Es ging mir schon darum, einige Mäuler zu stopfen», sagt Herzig, angesprochen auf das Intro. «Aber es stimmt nicht ganz, dass niemand an mich geglaubt hat. Denn neben meinem Management hat die wichtigste Person an mich geglaubt. Und das war ich. Das reicht.»

Nicolas Herzig fällt mit dieser Offenheit und diesem Selbstbewusstsein im Schweizer Popbetrieb auf, der nicht anecken will und auf Understatement getrimmt ist. Bei ihm gehts neben den Songs ums Business, und er teilt gegen «naive Hippiemusiker» aus, die meinen, sie könnten einfach Musik machen und trotzdem erfolgreich sein. Dieses Sendungsbewusstsein macht ihn attraktiv für die Öffentlichkeit, und das weiss er auch. Herzig sagt: «Wäre ich ein langweiliger, introvertierter Typ, der jeden Tag gerne liest und die geilsten Momente beim Lesen hätte, wäre es für mich schwieriger.»

Bringt man es so zum Weltstar? Loco Escritos neuer Song «Soledad». Video: Loco Escrito (Youtube)

Er hat Sendungsbewusstsein, will weitergeben, was ihm wichtig ist. Dazu gehört das Wettern über die Schule, die eigentlich «bullshit» sei, weil Individualität nichts zähle und nur der Durchschnitt gefördert werde. Er, der selber eine vierjährige Tochter hat, spricht über Erziehung und darüber, was einen guten Vater ausmacht: präsent sein und das Schlechte zulassen, auch einmal hart sein. Ebenso typisch für ihn: Ihm missfällt das Schweizer Arbeitsethos, er regt sich über das stetige Klagen auf, man sei überarbeitet. «Eigentlich arbeiten sie ja gar nicht viel, acht, neun Stunden pro Tag sind nicht viel.» Dort, wo er auf die Welt gekommen sei, liefen die Sachen anders, sagt er.

Nicolas Herzig wurde in Medellín als Sohn einer Schweizerin und eines Kolumbianers geboren, lebte dort die ersten sechs Monate und wuchs in Wetzikon auf. Die Heimat seines Vaters liess ihn aber nicht los. Nicht die spanische Sprache, die er akzentfrei beherrscht und in der er singt. Nicht die Mentalität der «paisas», der Arbeiter jener Macherregion. «Dort heisst es nie: ‹Ou ou, nein, das geht nicht.› Es gibt automatisch eine andere Energie, wenn man nicht klagt und die Sachen einfach anpackt», sagt Herzig.

In der Schweiz lebte er zunächst das Leben eines typischen, frustrierten Jugendlichen. Er kiffte viel, wollte nach Kolumbien abhauen, kehrte die rebellische Seite nach aussen, rappte als Mitglied der Gruppe LDDC. «Sobald mir jemand keinen Respekt entgegengebracht hat, seien dies Lehrer oder Polizisten, habe ich auch keinen mehr gehabt, das hat mir jeweils Probleme eingebracht. Aber das hat mich sehr echt werden lassen.» Das Herz, sagt Herzig, sei halt das, was ihn leite. «Weil ich im Reinen sein muss mit mir selber.»

Er will nicht den Schweizer raushängen: Loco Escrito. Foto: Dominique Meienberg
Er will nicht den Schweizer raushängen: Loco Escrito. Foto: Dominique Meienberg

Er erzählt dann von seinem Motorradunfall im Juni 2015, als er in ein Auto hineingeknallt war. «Das war der Schlag Gottes. Er hat gesagt: ‹Jetzt musst du schauen, du hast Talent, du wirst Vater.›» Der gottesfürchtige Herzig hat sich aufgerappelt, lernte wieder laufen, stand mit Krücken schon rasch wieder auf der Bühne. «Die Ärzte sagten, du brauchst vielleicht eineinhalb Jahre, doch ich habe Gas gegeben, schaffte es in einem halben Jahr. Du alleine entscheidest, wie es im Leben läuft.» Das sei ja auch so typisch schweizerisch, dieses «ja, das isch haut so». Wie man es früher gemacht habe, sei ihm «scheissegal, morgen machen wir es anders».

Vielleicht fällt es ihm deshalb einfacher, seine Agenda durchzuziehen. Und nicht auf gut gemeinte Tipps einzugehen. In einer SRF-Doku, die im Herbst ausgestrahlt wurde, war etwa zu sehen, wie ihm ein Manager vom kolumbianischen Ableger seines Labels Sony gesagt hat, er soll doch das Schweizerische nach aussen kehren. Dies sei doch das Spezielle an ihm. «Ihr Journalisten mit dieser Doku», platzt es dann aus ihm raus. Und er sagt: «Wenn du das ernst nehmen würdest, wärst du dumm. Dieser Typ hat mich ja nur zehn Minuten gesehen, und er meint, mir einen Tipp geben zu können.» Vielleicht würde es kurzfristig ja klappen, wenn er in Kolumbien den Schweizer raushängen würde – er wäre dann jener, der lustig redet: «Aber ich würde damit meine Wurzeln verleugnen.»

Bis Nicolas Herzig musikalisch seine Wurzeln erreicht hatte, schlug er den Umweg über Rap ein – «vor allem wegen dem Coolness-Faktor». Er habe lange gebraucht, bis er sich getraut habe, zu singen; seine Stimme als Werkzeug einzusetzen. Doch seine Stärke und seine Liebe galten nun mal den Melodien. Und so folgten Liebeslieder, die seine ersten Alben prägten, es folgten Hits wie «Sin Ti» und «Adiós», mit denen er populär wurde.

Einer von Loco Escritos Hits: «Adiós». Video: Loco Escrito (Youtube)

Wie populär seine Musik heute ist, davon zeugen im Studio die Platinauszeichnungen an der Wand. Und der Swiss Music Award, den er letztes Jahr für seine Single «Adiós» gewonnen hat und der nun auf dem Boden eines Aquariums im Studio liegt. Was dieser Preis für ihn bedeutet? «Der trägt gar nicht so viel zu einer Karriere bei, wie man annimmt. Du hast eine kurze, heftige Medienpräsenz, doch die Bestätigung, dass ich auf dem richtigen Weg bin, war die ausverkaufte Tour im November und die anstehende Tour im Frühling, für die ich schon mehr als die Hälfte der Tickets verkauft habe. Das sind Erfolge, die man messen kann.» Alles andere sei schön und gut, den Stein abholen sei auch schön und gut, es dürfe jedoch nie die Essenz sein. «Kein Award nützt dir etwas, wenn niemand an deine Konzerte kommt.»

Seine Tour, die in diesem Jahr Deutschland-Daten vorsieht, und das neue Album sollen weitere Schritte sein auf dem Weg zum Star mit weltweiter Ausstrahlung: «Irgendwann werden wir zu Sony Latin an den Tisch zitiert, da bin ich mir ziemlich sicher. Aber es liegt an mir, die Köpfe der Leute so fest an meine Musik zu drücken, bis sie merken, wie gut sie ist.»

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