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Das Problem mit Eminem

Was ist falsch am neuen Album des Rappers? Und wer erinnert sich noch an die Casting-Gewinnerin Kät? Pop-Briefing, die Musik-Kolumne.

Sonderbare Dinge gehen in diesem Kopf ab: Eminem.
Sonderbare Dinge gehen in diesem Kopf ab: Eminem.
zvg

Das muss man hören

Das erfreulichste Hip-Hop-Album des Wochenendes stammt nicht etwa von Eminem (dazu später mehr). Nein, es kommt von einem Duo aus Ulm, das sich eigentlich schon vor zwölf Jahren aus der Musikwelt verabschiedet hat. Kinderzimmer Productions heisst das Projekt, das uns in den Neunzigern und den Nullerjahren eine Sprechgesangsmusik anbot, die Schlauheit mit dadaistischem Ulk vermengte. Und genau da setzen Textor und Produzent Quasi Modo auf ihrem Comeback-Album «Todesverachtung To Go» wieder an.

Die Beats und Sample-Collagen sind mit Fett und Muskeln vollgepumpt und bleiben doch stets beweglich, die Texte sind voller kunterbunter Assoziationsketten. Der ausgewählte Track beinhaltet zudem eine ganz hübsche Selbsteinschätzung: «Ich benutze nicht keine doppelte Verneinung – ich bin eine Wendeplattentellerrandsteinerscheinung». Doch höret selber.

Er war zwar nicht richtig verschwunden, schmerzlich vermisst hat man den kanadischen Singer/Songwriter Andy Shauf trotzdem. Vier Jahre hat er sich Zeit genommen, um sein neues Album aufzunehmen. Dieses kommt nun in Form dahingestreuselter Vorab-Singles auf uns zu. «Living Room» hat besonders gefallen.

Auch vom sehr hippen texanischen Instrumental-Trio Khruangbin gibt es Erquickendes zu berichten: Es ist zwar immer noch hip, aber es ist kein Instrumental-Trio mehr. Letzte Woche ist bereits der zweite Song erschienen, den die Dreierschaft zusammen mit dem Soulsänger Leon Bridges eingespielt hat. Ein Segen.

Ich habe in dieser Kolumne schon einmal auf den singenden Latina-Teenager Ambar Lucid und dessen abgrundtiefschönen Balladen hingewiesen. Zweieinhalb Singles lang sah es so aus, als würde die junge Dame mit all den Vorschusslorbeeren in eine ungünstige Poppigkeit abbiegen. Doch die Sorge war umsonst. Nun legt sie mit «Fantasmas» einen neuen Song vor, der von derart kitschiger Anmut ist, dass er problemlos sämtliche Eiszapfen zum Schmelzen bringt.

Darüber wird gesprochen

Noch immer ist die Welt uneinig darüber, was vom neuen Eminem-Album zu halten ist. Streitpunkt sind zwei Lieder, in denen der Rapper auf zwei Attentate Bezug nimmt, zum einen auf den Anschlag an einem Konzert in Manchester von Ariana Grande, an welchem 22 Konzertbesucher getötet wurden. Zum anderen auf den Anschlag auf ein Countryfestival in Las Vegas, an welchem von einem Hotelzimmer aus 58 Menschen erschossen wurden. Das Video zu «Darkness» zeigt zunächst Eminem, der in einem Hotelzimmer – wie üblich – mit irgendwelchen inneren Dämonen zu kämpfen scheint, von Problemen mit seinem Vater erzählt und vom Alleinsein in der Dunkelheit.

Später wird aus ihm der Attentäter, der aus dem Hotelfenster auf die Menschenmasse schiesst und sich am Ende selbst umbringt. Im Abspann werden diverse Nachrichtenmeldungen von Attentaten eingeblendet, die dann bedeutungsschwer zu einer USA-Flagge mutieren. Dazu die Frage: «When will this end?» Und die Antwort: «When enough people care», im Verbund mit der Aufmunterung, wählen zu gehen. Viel klarer und dezidierter kann man eigentlich nicht Position beziehen.

Problematisch wird es erst, wenn man das neue Album in einen Gesamtkontext stellt. Denn Eminem schlüpft nicht nur in die Rolle eines Attentäters. Zusammen mit dem Testosteron-technisch bisher eher unverdächtigen Ed Sheeran gibt er den Typen, der im Club Frauen anmacht («Wenn eine Stripperin vorbeigeht, bin ich wie verdammt / Sie sagt: ‹Das ist Belästigung›, ich: ‹Ja, und? ›»). Also macht er eine Bisexuelle an – mit den Worten: «Gegensätze ziehen sich an: Ich bin jemand, du bist ein Niemand.»

Hier gibts keine Abgrenzung mehr zur Rolle, die er spielt – Angriffe auf sexuell Andersdenkende sind wir von Eminem gewohnt. Auch dass er das weibliche Personal in seiner «Poesie» ausschliesslich mit Synonymen für Sexarbeiterinnen anspricht, macht die Sache nicht besser. Noch verworrener und kryptischer ist die Sprache im Song «Unaccommodating», in welchem Eminem sich einen verbalen Gag auf das Attentat in Manchester erlaubt: «Ich denke darüber nach, während des Spiels ‹zündet die Bomben!› zu schreien, als würde ich draussen vor einem Ariana-Grande-Konzert warten.»

Wenig überraschend also, dass nun allerorts die Geschmacksfrage dieser Rollenprosa gestellt wird. Die «New York Times» befindet: «Vielleicht hätte ein anderer Künstler diese Spannung auf eine Art und Weise erkunden können, die sich nicht wie eine traumatisierende Lockvogeltaktik anfühlt. Die moralische Verantwortungslosigkeit, Bilder dieser Art ohne eine unangreifbare Botschaft zu beschwören, ist kaum zu ertragen.»

Das Problem von Eminem ist also wohl, dass sein Zorn und seine Psychosen in seinen Texten eine derartige Omnipräsenz besitzen, dass der Grat vom Soziopathen, der er offenbar ist, zum Attentäter, den er spielt, tatsächlich relativ schmal scheint.

Das Schweizer Fenster

Die Freude der Woche aus Schweizer Sicht bereitet der Berner Trap-Hengst Nativ, der zusammen mit dem Bruder des Pegasus-Sängers Buds Penseur ein neues Projekt ins Leben gerufen hat. Psycho’n’Odds nennt sich das Duo, dessen Album letzten Freitag erschienen ist. Neben sehr knusprigen Trap-Nummern gibt es da zwar auch einige entbehrliche Tanzbodenberieselungs-Tracks zu beklagen. Besonders angenehm aufgefallen ist uns indes der Track «Diaspora», in welchem sich die beiden ins Gebiet des Baile Funk vorwagen.

Ebenfalls aus Bern erreicht uns der neue Tonträger der Gruppe Frankie Safari. Und wenn in deren Zusammenhang die Rede von Rock ’n’ Roll ist, dann ist nicht etwa die Spassmusik gemeint, zu der elastische Tanzpaare wettkampfmässig gegeneinander antreten. Nein, es geht um die schmutzigste, obsessivste Form dieser Musik. Wer The Cramps mochte, der wird auch für Frankie Safari ein Plätzchen im Herzen finden. Zum besten Stück des Albums gibts ein wunderbares 360-Grad-Video zu bestaunen.

Was blüht

Wie Kollege Sartorius bereits erwähnte, hat die Schweiz ab nächsten Montag wieder eine eigene Castingshow. «The Voice of Switzerland» wird von 3+ neu aufgelegt. Grund genug, kurz zurückzublicken, was uns solche Musikformate schon an musikalischem Kummer bereitet haben.

Die Sendung «MusicStar» hat dem Land künstlerisch wankelmütige Gewinnerinnen wie Carmen Fenk, Salomé Clausen oder Kät (siehe Video) beschert, von denen irgendwie niemand so wirklich den Durchbruch geschafft hat.

Die letzte Gewinnerin von «Voice of Switzerland» hiess übrigens Tiziana Gulino. Ihr grösster Erfolg war das Mitwirken im Musical «Ewigi Liebi» in der Rolle einer Bauerntochter (das Betrachten des Medleys im Videoformat lohnt sich nur schon wegen des artistisch eher problematischen Lo-&-Leduc-Covers). Wir sind gespannt wie ein Pavian-Popo, was uns in diesem Jahr an Exzellenz angeboten wird.

Das Fundstück

Obwohl wir bemüht sind, die Musikwelt in ihrer ganzen Breite stets im Auge zu behalten, kommt es immer wieder vor, dass wir fulminante Alben ganz einfach übersehen. So geschehen mit der bereits im März 2019 erschienenen EP «Ekera» der Gruppe Azmari aus Brüssel. Sie beschreibt ihr Tun als Psychedelic Ethiogrooves Afrobeat – und genau so klingt das auch.

Die Wochen-Tonspur

Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? 29 neue Songs sind diese Woche zusammengekommen. Das Spektrum reicht vom Polka-Chanson-Rap des Franzosen Dooz Kawa über den Finster-Dub eines Von D. bis zur Hipster-Disco-Musik von Gengahr. Ausserdem gibts Neues aus dem Hi-Speed-Musiklabor des ugandischen Labels Nyege Nyege Tapes.

Und hier geht es zur laufend aktualisierten «Chill Soul»-Playlist mit weit über 50 Stunden beseelter Musik aus der ganzen Welt. Bestens geeignet für ausgedehnte Winterspaziergänge.

Jeden Dienstag schreiben die Musikredaktoren Ane Hebeisen und Benedikt Sartorius in dieser neuen Kolumne über Popmusik. Und geben mit einer Spotify-Playlist preis, welche Songs sie hören.

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