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Das Grossmaul schlägt wieder zu

Nach dem Aus für Oasis erlitt Sänger Liam Gallagher mit der Nachfolgeband Beady Eye Schiffbruch, während sein Bruder Noel von Erfolg zu Erfolg eilte. Jetzt soll sich das Blatt aus Liams Sicht wenden: Sein Solodebüt ist ein Triumph.

In bestechender Form: Liam Gallagher, Ex-Oasis-Haudegen.
In bestechender Form: Liam Gallagher, Ex-Oasis-Haudegen.
zvg

Man kann sie vergöttern – für ihre Musik, ihre fadengerade Art, ihren zynischen Humor –, man kann sie verteufeln – für ihre ­Musik, ihre Arroganz, ihre Selbstüberschätzung. Eines bleibt aber unbestritten: Der Unterhaltungswert der beiden Gallagher-Brüder Noel (50) und Liam (45) ist gewaltig.

Keine Gelegenheit lassen die beiden un­genutzt verstreichen, gegenein­ander fies anzutreten oder gar die verbale Blutgrätsche auszupacken. Im Sommer etwa entzündeten sich die brüderlichen Animositäten am Konzert für die Terroropfer in Manchester, wo Liam mit Coldplay auftrat.

«You sad fuck» war sein Kommentar zum Fernbleiben seines Bruders. Später kam aus, dass Noel die Tantiemen für den Oasis-Song «Don’t Look Back in Anger», der nach den Terroranschlägen wieder die Charts hochkletterte, heimlich dem «We Love Manchester Emergency Fund» gespendet hatte.

Irgendwie bezeichnend, dass Noel als Sieger nach Punkten aus dieser Posse hervorging: Seit dem Aus für die gemeinsame Band Oasis vor acht Jahren war er es, der permanent Oberwasser hatte. Der Oasis-Hauptsongschreiber lieferte zwei starke Soloalben ab, während sich der kleine Bruder als Sänger von Beady Eye abmühte und nach zwei mediokren Platten 2014 das Handtuch warf.

«Scheisse ohne mich»

Doch jetzt soll alles anders werden. Jetzt ist Grossmaul Liam Gallagher zurück und schwafelt gegenüber dem Musikmagazin «Q»: «Vielleicht haben die Leute gemerkt, wie scheisse es ist ohne mich.»

Denn jetzt kommt sein Solodebüt «As You Were». Und Liam Gallagher war weise genug – ein Wort, das man normalerweise kaum in seine Nähe rücken würde –, sich Hilfe zu holen. Weil er selber eben stets deutlich mehr Rampensau und Wortführer als Liederschmied war. Er nahm unter anderem mit Greg Kurstin (Adele, Sia) und Andrew Wyatt (Miike Snow, Florence + The Machine) begehrte Songwriter und Produzenten mit an Bord.

Und hat mit ihnen ein Werk geschaffen, dass die beiden Beady-Eye-Alben locker in den Schatten stellt. «Ich wollte nichts neu erfinden oder auf eine Space-Jazz-Odyssee abdriften», sagt Galla­gher junior. «Es sind der Lennon-‹Cold Turkey›-Vibe, The Stones, die Klassiker. Aber eben heute und auf meine Weise.»

Die erste Vorabsingle «Wall of Glass», an der sowohl Kurstin wie Wyatt mitarbeiteten, setzt den Ton: Eine heulende Mundharmonika trifft auf eine schimmernd-moderne Produktion, ein fescher Beat auf einen äusserst präsenten Liam Gallagher. Mal feixend, mal gefühlvoll: Der 45-jährige Brite zeigt sich auch auf den folgenden Songs in teils bestechender Form.

Fantastisch, fantastischer

Klar ist das melodieselige «Paper Crown» eine Beatles-Nachahmung par excellence. Aber halt auch ein richtig grosser Song. Besser noch «For What It’s Worth», geschrieben mit Simon Aldred, der sich als Kopf von Cherry Ghost mehrfach als versierter Songschreiber profiliert hat («People Help the People») – ein hymnisches Highlight, in dem Liam vom inneren Feuer singt, das immer noch brenne. Und wie! Spätestens in diesem Moment dürfte Bruder Noel beim Zu­hören zumindest ein wenig erblassen.

Mal gewinnend rockig («You Better Run»), mal sanft psychedelisch («Chinatown»): Auf «As You Were» stimmt auch die Mischung aus peppigen und ruhigeren Momenten. Da ist es nicht weiter tragisch, dass einzelne Songs wie das ziellos rockende «I Get By» oder das trotz hübschen Gesangsharmonien etwas belanglos wirkende «When I’m in Need» nicht ganz mithalten können: Der Unterhaltungswert ist «As You Were» als Ganzem definitiv nicht abzusprechen.

Und die Fehde zwischen den Brüdern könnte bald weitere Höhepunkte erreichen. Denn auch Noel Gallagher steht mit einem neuen Album in den Startlöchern – «Who Built the Moon?» wird am 24. November veröffentlicht. Was sagt Liam dazu? «Ich bin sicher, es ist fucking fantastisch. Aber einfach nicht fantastischer als meines.»

Liam Gallagher: «As You Were», Warner.

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