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Danke, Putin

Die russische Elektro-Rapperin Anastasia Kreslina macht aus Auftrittsverboten gute Werbung.

MeinungDavid Hesse
Es werde nicht funktionieren, sie von ihrem Publikum zu trennen, sagt Anastasia Kreslina. Foto: PD
Es werde nicht funktionieren, sie von ihrem Publikum zu trennen, sagt Anastasia Kreslina. Foto: PD

Beim Rap geht es um drei Dinge, weiss Russlands Präsident Wladimir Putin: «Sex, Drogen und Protest.» Das tue der Nation nicht gut, vor allem das mit den Drogen nicht. Ein guter Staat müsse «beunruhigt» sein, sagte Putin diesen Monat im Staatsfernsehen. Rap-Musik sei zwar nicht an sich gefährlich, brauche aber etwas «Lenkung» durch den Staat.

Das mag nach Zensur klingen, doch tatsächlich hat der Präsident mit seinen Worten versucht, übereifrige Lokalpolitiker und Polizisten zurückzupfeifen. Sanfte Lenkung, nicht offener Angriff! In den letzten Monaten waren die Auftritte mehrerer prominenter russischer Rapper durch Provinzbehörden abgesagt, manche Künstler wie der aus Sibirien stammende Husky gar kurzzeitig verhaftet worden, auch diese Zeitung berichtete. Solche Repression aber wühlte die oft sehr jungen russischen Rap-Fans auf, führte zu Demonstrationen und Solidaritätskonzerten. Nicht gut.

Bestes Beispiel für die kontra- produktive Kraft des Verbietens ist das Moskauer Elektro-Duo Ic3Peak, dessen Konzerte regelmässig verhindert werden. «Wunderbar», sagt Sängerin Anastasia Kreslina völlig ernst dem US-Sender Bloomberg. «Wir möchten den Behörden und dem Geheimdienst FSB für die PR danken.» Ihr Bühnenpartner Nikolai Kostylew doppelt ebenso ernst nach: «Nun kennen uns noch viel mehr Leute, daheim und international.»

Kreslina und Ic3Peak suchen die Kontroverse. Optisch verbinden sie morbide Goth-Ästhetik mit slawischer Folklore: Kreslina trägt geflochtene Zöpfe, weisse Schminke im Gesicht und lässt Kunstblut aus dem Mund laufen. Ihren Stil nennt sie «audiovisuellen Terror», ihre Videos sind auf politischen Krawall gebürstet. In «Keinen Tod mehr», veröffentlicht im Oktober, übergiesst sich Kreslina scheinbar vor dem Regierungsgebäude der Russischen Föderation mit Benzin und singt in Flüster-Sprechgesang: «Auf mich schaut ganz Russland, alles soll brennen.» Später isst sie mit Nikolai rohes Fleisch, im Hintergrund ist Lenins Mausoleum. Das Video ist mit englischen Untertiteln versehen, man schielt auf Putin-kritisches, internationales Publikum, den Pussy-Riot-Effekt.

So brachial offensichtlich wie bei Ic3Peak ist die Rebellion in Russlands blühender Rap-Szene aber selten. Es genügt, von einem düsteren, hoffnungslosen Leben zu singen, um ins Visier der Behörden zu geraten. In Huskys Songs etwa geht es um Angst, Gewalt, Apathie und Drogen. Dass sich Zehntausende Teenager damit identifizieren, alarmiert die Behörden.

Die Auftrittsverbote beeindrucken Kreslina und ihre Band wenig. «Da sind ein paar prähistorische Figuren aus ihren prähistorischen Höhlen gekrabbelt und versuchen, mit prähistorischen Methoden ihre Probleme mit der Jugend zu lösen», sagt Kostylew. Und Kreslina findet, die erzwungene Verlagerung ihrer Konzerte in den Untergrund bringe fast sowjetische Zustände zurück. Romantisch. Es werde nicht funktionieren, sie von ihrem Publikum zu trennen. Ihre Fans seien Internetnutzer, leicht mobilisierbar, kritisch denkend. «In ein paar Jahren werden diese Leute ihr Wahlrecht nutzen und etwas machen mit diesem Land.»

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