Von Beethoven bis Deep Purple

Bern

Vom Cello spielen leben können: Das ist der Traum von Samuel Justitz. Am Sonntag gibt er als Teil des «Guastalla Quartetts» ein Konzert in Bern. Was Deep Purple damit zu tun haben und warum es sich lohnen kann, anstatt Fussball Cello zu spielen.

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Christian Häderli@ChriguHaederli

«Was die Zukunft bringt? Das ist als Musiker schwierig zu sagen.» Samuel Justitz blickt in die Webcam seines Laptops und zuckt mit den Schultern. Der 25-jährige Berner lebt derzeit in London, er erzählt deshalb per Videotelefonie von seinem Leben als Cellist.

Es mag ungewiss sein, was kommt. Spannend und herausfordernd wird es aber bestimmt. Seit einem Jahr studiert Justitz in der Themsestadt an der renommierten «Guildhall School of Music and Drama». Die Schule ist international bekannt und hat nebst grossen Musikern auch berühmte Schauspieler hervorgebracht. James-Bond-Darsteller Daniel Craig sowie Orlando Bloom genossen eine Ausbildung in den Säälen jener Schule.

Highlight London

Das absolvierte Studienjahr in London bezeichnet Justitz als Highlight seiner bisherigen Cellokarriere: «In dieser Stadt läuft so viel, es ist überwältigend! Ich lerne hier ständig neue interessante Musiker kennen, kann Beziehungen knüpfen. Es gibt nur wenige Orte, an denen einem kulturell so viel geboten wird wie in London.»

Tatsächlich hat Justitz in Englands Hauptstadt schon einige talentierte Menschen getroffen. Unter anderem drei junge Musiker, mit denen er sich zum «Guastalla Quartett» formiert hat. Das Quartett besteht aus zwei Violinisten, einem Bratscher und einem Cellisten. Die vier Streicher, alle zwischen 23 und 25 Jahre alt, befinden sich aktuell auf Europatournee.

Im Rahmen der Tour wird das Quartett auch in Bern ein Konzert geben (siehe Infokasten). In London haben die vier Musiker auch schon ein Album aufgenommen. Die finanziellen Mittel dafür erhielten sie, wie viele andere Bands aus verschiedensten Musikrichtungen auch, durch Crowdfunding.

Deep Purple mit Orchester

Das Guastalla Quartet interpretiert klassische Musik von grossen Komponisten. Justitz spielt allgemein hauptsächlich klassische Musik, aber nicht nur. Diesen Frühling wurde er mit einem Londoner Orchester zu einer ungewöhnlichen Performance aufgeboten: In Londons Royal Albert Hall trat Justitz zusammen mit der Rockband Deep Purple auf. Anlass zu diesem aussergewöhnlichen Konzert war der Tod des Deep-Purple-Mitbegründers Jon Lord. Er war im Juli 2012 an Krebs gestorben. Lord war bekannt dafür, klassische Musik mit Rock zu verbinden.

Am Konzert spielte das Orchester zusammen mit den Rocklegenden mehrere Deep-Purple-Songs. Der Überhit «Smoke On The Water» war an jenem Abend aber nicht zu hören. «Wir hatten zwar geplant, den Song zu spielen. Deep Purple entschieden sich aber dann, den Song bewusst wegzulassen», erklärt Justitz.

Mit Jaël bei den Blauhelmen

Bereits vor Beginn seines Studiums in London war Justitz in Popmusikprojekte involviert. In den Jahren 2012 und 2013 ging er mit der Berner Band Lunik auf Tour. Er spielte unter anderem vor dem ausverkauften Bierhübeli und am Gurtenfestival. Ausserdem ist Justitz auf dem Lunik-Album «What Is Next» zu hören. Mit Lunik-Sängerin Jaël reiste Justitz gar in den Kosovo, um dort ein Konzert für die Blauhelme zu spielen.

Samuel Justitz spielt Cello, seit er 8 Jahre alt ist. Warum ausgerechnet Cello? «Meine Cousine hat damals Cello gespielt. Das hat mich fasziniert. Ich wollte das auch ausprobieren.» Schnell stellte sich heraus, das Justitz talentiert ist.

Doch Talent allein reicht nicht aus. Auch der Durchhaltewille zählt. «In einem gewissen Alter hätte ich oft lieber draussen Fussball gespielt, als drinnen zu sitzen und Cello zu üben», erinnert sich Justitz. «Zum Glück hatte ich aber damals viele Leute, die mich unterstützt und gepusht haben.» Dann kamen die ersten Erfolge. Justitz kam mit einem Ensemble in das Finale des Schweizerischen Jugendmusikwettbewerbs, durfte in ganz Europa Konzerte geben, wurde schliesslich in London an der Guildhall-Schule aufgenommen.

Wenig Schlaf, viel los

«Irgendwann habe ich mich entschieden, ganz auf die Karte Cello zu setzen.» Justitz verfolgt das Ziel, einzig und allein vom Cello spielen leben zu können. Der Weg zu diesem Ziel ist herausfordernd: «Das Musikerleben ist nicht nur schön. Man schläft wenig, ist viel unterwegs. Aber setzt man sich ein Ziel, muss man bereit sein, auch einmal durchzubeissen. Das ist ja in jedem Beruf so, nicht nur in der Musik.»

Eine Festanstellung zu haben, in einem Orchester oder als Cellolehrer. Gleichzeitig freischaffende Projekte realisieren. So stellt sich Samuel Justitz seine Zukunft vor. Idealerweise. Er ist auf gutem Weg dazu.

Das «Guastalla Quartet» live in Bern: Sonntag, 29.06.2014, 17 Uhr, Saal der Heilsarmee, Laupenstrasse 5, Bern. Eintritt frei, Kollekte.

langenthalertagblatt.ch/Newsnetz

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