No Future

Schlagergott Heino befindet sich auf Abschiedstour, und auch bei Lil Xan, dem jungen Rapper mit Drogenvergangenheit, ist die Zukunft ungewiss. Ein Augenschein bei den zeitgleichen Konzerten.

Für alle etwas: Heino bei seinem wohl letzten Auftritt in der Schweiz. Foto: Reto Oeschger

Für alle etwas: Heino bei seinem wohl letzten Auftritt in der Schweiz. Foto: Reto Oeschger

Ane Hebeisen

Es wird nicht mit Brimborium gegeizt zum Konzertauftakt im Zürcher Volkshaus. «Nun ist es endlich so weit – the one and only Heinooo», ruft ein Animateur in den Saal, dazu ertönt «Also sprach Zarathustra» in der Version der teutonischen Begleitband, und dann schreitet Heino mit weit ausgestreckten Armen auf die Bühne. Das Problem: Das Publikum, das der deutsche Schlagergott so grossgestig zu umarmen scheint, besteht am Donnerstagabend bloss aus einer sitzenden Zweihundertschaft.

Das sieht nicht gut aus in einem Lokal mit einer Kapazität von 1500 Zuschauern. Hinten auf dem Balkon sitzt die ältere Fraktion, die dem Geschehen ähnlich stoisch beiwohnt wie einer Samstagabend-Unterhaltungsshow vor dem Fernseher, vorne tanzen bald die etwas Angeheiterten, zwei davon mit Heino-Perücke. Es riecht nach Lavendel, Kernseife und gähnender Leere.

«Schwarzbraun ist die Haselnuss» will im anbiedernden Rap-Duktus nicht so recht zünden.

Es ist der letzte Schweizer Auftritt der 80-jährigen Blondheit mit der schwarzen Sonnenbrille, der tiefen Seemannsstimme und einem Bekanntheitsgrad von 99 Prozent im deutschsprachigen Raum. Es folgen noch fünf Konzerte, dann soll Schluss sein mit der fast 50-jährigen Bühnenkarriere. Heino ist gekommen, um zu gehen. Und kaum jemand mag ihm dabei zusehen.

«Fuck the negativity!»

Am gleichen Abend ist das Publikumsaufkommen auch in einem anderen Zürcher Konzertsaal desolat. Es wirkt zunächst so trostlos, dass eine junge Besucherin beim Betreten des X-tra ausruft: «Huere wenig Lüt da, whoo!» Die Teenager, die den Saal zu einem knappen Drittel füllen, sind gekommen, um Lil Xan zu sehen, einen jener bleichen Rapper mit Gesichtstätowierungen, die die Kraft des emotional aufgeladenen Grunge mit den leer wirkenden Beats der gegenwärtigen Onlinekultur verbinden. Das Grundgefühl aber dürfte auch bei einem schlagergestählten Publikum für Zustimmung sorgen. Denn es geht bei Lil Xan an diesem Abend um gebrochene Herzen – und ums Verbannen von negativen Gefühlen. «Fuck the negativity!», ruft Lil Xan.

Trotz seines jungen Alters kann er auf eine beträchtliche Karriere zurückblicken: Da sind hundertmillionenfach gestreamte Tracks wie «Betrayed», die das Lebensgefühl einer Jugend zwischen Depression, Liebesschmerz und Instagram einfangen. Aber da ist auch sein Leben in den Klatschspalten. Denn Diego Lanos, wie der 22-jährige Kalifornier bürgerlich heisst, hat sich nicht nur aus einer Drogen-verherrlichenden Laune nach dem Antidepressivum Xanax benannt.

Tatsächlich hat er immer wieder mit Entzugskliniken Bekanntschaft gemacht. Aber diese spindeldürre Figur, die sich auf dem Cover seines Albums «Total Xanarchy» wie ein Freak inszeniert hat, kämpft gegen die Sucht an. Lil Xan beteuert immer mal wieder, dass er nun nüchtern sei; jüngst gab er via Instagram bekannt, dass er Vater werde. Es gibt also Hoffnung.

Exorzierte den Kummer, der in den jungen Herzen wohnt: Rapper Lil Xan. Foto: Urs Jaudas

Bei Heino wird derweil munter im Viervierteltakt geklatscht. Wir sind in einem volkstümlichen Ausläufer des Sets angelangt. «Rosamunde» heisst das Lied, das schon manche Festzeltbank vor lauter Geschunkel zum Einstürzen gebracht haben mag. Im Volkshaus bleibt alles ruhig.

Heino mutet seiner Fangemeinde auch einiges zu. Weil er in seinen alten Tagen noch die Rockmusik für sich entdeckt hat, schlenkert sein Set nun über den schwungvollen Schlager «Karamba, Karacho, ein Whisky» bis zu Kraftwerks «Das Model». Die Band changiert wendig vom Unterhaltungskapellenmodus in die gesittete Pop-Rock-Geste. Und wenn Heino mit rollendem R «Tage wie diese» von den Toten Hosen anstimmt, schrammt das nur haarscharf an einer Parodie auf den neuen deutschen Befindlichkeits-Rock vorbei. Um das Wirrwarr noch grösser zu machen, gibts dazu ein paar herzergreifende Seemannslieder.

Der Vortrag ist vollkommen ironiefrei und in seinem aufrichtigen Unterhaltungseifer fast schon rührend. «Musik bringt die Menschen zusammen», sagt Heino einmal im Stile der grossen Fernsehunterhalter vergangener Tage, jede Zeit habe halt ihre Stile und Melodien. Und er liebe die Veränderung. «Doch das nächste Lied wird man auch noch singen, wenn Rock, Hip-Hop, Beat oder wie das heute alles heisst, verklungen sind.» Dann stimmt Heino «La Paloma» an. Leise Feierlichkeit im Saal.

Die Teenage-Angst

Beim jüngeren der beiden Millionenseller erinnert die Stimmung zunächst eher an ein Fest in einem zivilisierten Jugendzentrum – in dem das Rauchverbot recht locker gehandhabt wird. Selbst Anstachelungen zur Rebellion im Vorprogramm verpuffen wirkungslos. Ein gewisses Fieber bricht erst aus, als der DJ und ein Vortänzer die «Xanarchy» ausrufen und Lil Xan mit grell-oranger Mütze seine treu ergebene Gemeinde der «Heartbreak Soldiers» beglücken darf.

Die Lethargie ist – anders als auf seinen Aufnahmen – nicht mehr zu spüren; auch nicht beim Publikum, das nun wach ist. Denn man muss den Kummer, der in den jungen Herzen wohnt, ja irgendwie exorzieren. Und am besten macht man das springend und schreiend, etwa wenn Lil Xan rappt, dass er aufwacht, erbricht – und sich fühlt, als sei er tot. Die Teenage-Angst: Sie hat sich vom Rock in diese Rap-Spielart verschoben, die Lil Xan zelebriert und die zum Soundtrack der Jugend geworden ist.

Auch Heino hat sich mittlerweile des Hip-Hops angenommen, oder besser gesagt sein Backing-Chor. Doch «Schwarzbraun ist die Haselnuss» im anbiedernden Rap-Duktus will nicht so recht zünden. Also wechselt die Band in den Swing-Modus, das Publikum ist wieder versöhnt. Dann spuckt die blonde Jukebox noch den Gassenhauer «Blau blüht der Enzian» aus, in einer Version, die vielleicht modern gemeint ist, aber doch nur nach Studiomusiker-Spassrock klingt.

Lil Xan will wieder zurückkommen in die Schweiz zu all den «beautiful people», und er schwört dies «bei Gott».

Das Ende ist dann nicht mehr weit, auch bei Lil Xan nicht, der sich in einem Genre aufhält, das in den letzten Jahren einige drogen- und gewaltbedingte Todesfälle zu verzeichnen hat. Er erinnert mit Playback-Gedenktracks an seine toten Weggefährten – von Lil Peep über XXXTentacion bis zu Mac Miller – und erscheint als Überlebender, über dessen weitere Karriere nur spekuliert werden kann. Jedenfalls: Lil Xan will wieder zurückkommen in die Schweiz zu all den «beautiful people», und er schwört dies «bei Gott».

Heino wird – sofern sein Schlagersänger-Ehrenwort etwas zählt – nicht zurückkehren. Er würde ja gerne, sagt er. Doch er habe keine Zeit mehr.

Redaktion Tamedia

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