Der vermeintliche Kirchenschreck

Ton Koopman gehört zu den originellsten Köpfen der Klassikszene. Nun gastiert der grosse Mann der alten Musik als Organist in der Berner Heiliggeistkirche. Ein Ereignis. Ob die Barockorgel das aushält?

Ton Koopman wird am Pfingstmontag ein Konzert in der Berner Heiliggeistkirche geben. (Archivbild)

Ton Koopman wird am Pfingstmontag ein Konzert in der Berner Heiliggeistkirche geben. (Archivbild) Bild: Urs Baumann

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Koopman, der Kirchenschreck? 2007 wars, als in den Medien üble Gerüchte kursierten. Ton Koopman, hiess es, habe in der Kirche von Duderstadt (Niedersachsen) Spielverbot erhalten. Grund: Man befürchte, dass er mit seinem harten Anschlag die Orgel ruiniere.

Koopman, ein Grossmeister seines Fachs, konnte das nicht auf sich sitzen lassen. «Der Mann, der diesen beleidigenden und ehrenrührigen Unsinn geäussert hat, musste inzwischen zugeben, dass er mich nie hat spielen hören. Er kennt mich nur aus dem Fernsehen», sagte Koopman der «Welt». Und: «Um eine Orgel kaputt zu spielen, müsste man schon Karate darauf praktizieren.»

Musikalische Zeugen Jehovas

Nein, Karate ist seine Sache nicht. Zutrauen aber würde man ihm vieles. Koopman, geboren 1944 in Zwolle (Niederlande), gehört zu den originellsten Köpfen des Betriebs. Als Dirigent, als Organist und Cembalist hat er früh wegweisende Impulse vermittelt. Ab den Sechzigerjahren gehörte er zu den Pionieren der historischen Aufführungspraxis und geriet mitten in die Glaubenskämpfe um den richtigen Zugang zu alter Musik. «Als wir begannen, Quellen zu studieren, waren wir schon eine Art musikalische Zeugen Jehovas», sagte Koopman im Rückblick.

Zu seinen grössten Leistungen zählt die Gesamteinspielung von Bachs riesigem Kantatenzyklus mit über 200 Werken – für viele die beste Gesamtaufnahme der Kantaten überhaupt. Zehn Jahre, zwischen 1994 und 2004, hat er mit seinem Amsterdam Baroque Orchestra & Choir daran gearbeitet, am Ende wurden es 67 CDs. Seit 2005 ist er an seinem zweiten Grossprojekt «Dieterich Buxtehude – Opera Omnia». Koopman spielt das Gesamtwerk des dänisch-deutschen Barockkomponisten und Organisten ein. Ein Versessener, kein Zweifel.

Und wer Koopman erstmals beim Dirigieren zusieht, wird sich ein Schmunzeln kaum verkneifen können: Hibbelig-beherzt legt er sich ins Zeug, kaum nach Dirigierschulbuch, aber packend. So packend, wie wenn der Musikprofessor über «seine» Komponisten referiert, als Entflammter, der mit kriminalistischem Spürsinn zur Sache geht. Ein Beispiel gefällig? Bachs mythenumwölktes Fragment «Kunst der Fuge» sei gar kein Fragment, behauptet Koopman. Der Bachsohn Carl Philipp Emanuel habe den fehlenden Schlussteil der Nachwelt unterschlagen, «um den Mythos Bach grösser zu machen».

Gewagt sind auch seine Interpretationen an der Orgel – viele davon sind auf Youtube zu bestaunen. «Er behandelt die Orgel wie ein Barockorchester», sagt Marc Fitze, Organist an der Berner Heiliggeistkirche. «Sein immenses Wissen und seine perfekte Kontrolle sind stets durchhörbar. Diese ausserordentliche Kompetenz ermöglicht ihm eine unvergleichliche künstlerische Freiheit, welche das Publikum stets zu Ovationen hinreisst.»

Ohne Glück geht es nicht

Fitze war es, der Koopman nach Bern geholt hat. «Der persönliche Kontakt, eine hervorragende Orgel in guter Akustik und eine etablierte Konzertreihe sind Grundbedingungen», sagt Fitze. «Aber ohne Glück geht es nicht.» Koopman spielt in der Heiliggeistkirche Werke von Bach, Buxtehude und Couperin. Koopman, der Kirchenschreck? «Mir haben schon Veranstalter versichert, ihre Orgel würde besser klingen, seitdem ich darauf gespielt hätte», sagte Koopman der «Welt».

Klingt gut. Bloss: Geht das überhaupt? Marc Fitze winkt ab. «Eine Orgel kann man durch das Spiel nicht physisch verändern. Es gibt wohl kein robusteres Instrument als die Orgel. Ein guter Organist kann aber im Konzert der Orgel durch geschickte Wahl der Klangfarben und durch die Spielweise persönliche Klangwirkungen entlocken», so Fitze. «Dass eine Orgel unter den Händen von Ton Koopman ganz anders klang, habe ich auch schon erlebt.» Auftritt: Mo, 25.5., 19.30 Uhr, Heiliggeistkirche Bern. Vorverkauf: www.barockzentrum.ch

(Berner Zeitung)

Erstellt: 21.05.2015, 11:04 Uhr

Organist mit Mut und Spürsinn: Ton Koopman. (Bild: Wikipedia/TonKoopman)

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