Pop-Briefing: Jetzt kommt die Stubete Gäng!

Die neue Popmusik-Kolumne: Heute unter anderem mit einer neuen Folklore-Idee aus dem Hause Hitmill, schlechten Neuigkeiten aus England und Musik einer alten Bekannten.

Die Schnittmenge aus Ländler, Ballermann und Hecht: Das neue Projekt Stubete Gäng. Foto: PD

Die Schnittmenge aus Ländler, Ballermann und Hecht: Das neue Projekt Stubete Gäng. Foto: PD

Ane Hebeisen

Das muss man hören


Seit den frühen Nullerjahren ist der Berliner Produzent, DJ, Journalist und Label-Betreiber Daniel Haaksman damit beschäftigt, neue Musik aus den Urbanitäten der Welt auf hiesige Tanzböden zu bringen. 2004 war er – zusammen mit Diplo – der erste Nicht-Carioca, der sich für die elektrische Musik aus den Favelas Rio de Janeiros interessierte, und trug diese unter dem Namen Baile Funk in die Welt hinaus.

Hier ist ein Interview, in welchem er erzählt, wie man in Rio damals auf den bleichen Mann aus Europa reagiert hat und wie er versuchte, die Rapper anzuhalten, ihre Texte ein bisschen zu entsexualisieren.

Nach jahrelangem Suchen in den entlegenen Städten der Welt, hat er sich für das neueste Werk in seiner Heimatstadt Berlin umgeschaut und ist dabei auf so einige alte Bekannte gestossen, die sich mittlerweile in Deutschlands Hauptstadt niedergelassen haben. Zum Beispiel die brasilianische Sängerin Cibelle, die uns in den Nullerjahren viel Freude bereitet hat.

Sie hat sich – desillusioniert von der Marktentwicklung in der Musikbranche – aus der Szene zurückgezogen. Zu einem letzten Song mit Herrn Haaksman liess sie sich dann dennoch überreden.

Darüber wird gesprochen


Gesprächsthema Nummer eins ist der Youtube-Film «Der Rap Hack», in welchem aufgezeigt wird, wie die grossen deutschen Rapper und deren Manager auf ihre grossartigen Streaming-Quoten kommen. Nämlich durch Manipulation. Alles ist käuflich in der neuen Musikwelt. Bloss der Konzertbesucher nicht – was erklärt, warum die schleunigst emporgeschossenen Spotify- und Youtube-Helden im realen Leben oft so wenig Konzertpublikum generieren.

Unter einem Mangel an Konzertbesuchern leidet auch das Vereinigte Königreich, wo – wie wir seit diesem Wochenende wissen – gerade so ziemlich alles über den Haufen geworfen wird, was den Bewohnern in den letzten Jahrzehnten lieb und teuer war. Das betrifft längst nicht bloss die Politik, sondern eben auch das Nachtleben.

Innert kürzester Zeit sind dort gerade altehrwürdige Live-Clubs geschlossen worden. Zum Beispiel The Harley in Sheffield, der Club, in welchem Bands wie die Arctic Monkeys oder The xx ihre ersten Konzerte gespielt haben. Gleich ergeht es dem Maze in Nottingham, der Heimstätte des Singer/Songwriters Jake Bugg. Der Club schliesst nach 15 Jahren, ebenfalls aus finanziellen Gründen – und weil sich die Trinkgewohnheiten der Besucher geändert hätten. Auch das City-Pub Victoria Inn in Derby hat die Pforten geschlossen, der Club, in welchem Bands wie Kasabian oder Snow Patrol gross geworden sind. Die Einschätzung dort: Die Leute seien nicht mehr so gesellig wie früher und hätten keine Lust mehr, für Livemusik zu bezahlen.

Bereits im letzten Jahr erschütterte eine Schätzung des Branchenverbandes UK Music, wonach in den vergangenen zehn Jahren 35 Prozent der bestehenden Veranstaltungsorte verschwunden seien und dass ein weiterer Drittel aller Clubs sich im Überlebenskampf befände – sei es aufgrund fehlenden Publikums, hoher Mieten oder Lärmklagen. Nun beginnt im Geburtsland der Popmusik die Sorge um den musikalischen Nachwuchs um sich zu greifen. Und da man auf den Inseln seit jeher eine popmusikalische Vorreiterrolle innehat, ist auch die Prognose nicht sonderlich gewagt, dass sich das ganze Elend bald weltweit ausbreiten könnte – falls das nicht schon längst geschehen ist.

Das Schweizer Fenster


Die Berner Quirligkeit Jessiquoi hat ihr erstes längeres Tonwerk veröffentlicht und macht uns mit einer leicht überfrachteten Sammlung an aparten Ideen und Programmierkniffen fast ein bisschen schwindlig. Das klingt mal wie ein amoklaufendes Computerspiel und mal wie Madonna in der Post-Augenklappen-Phase.

Was blüht


In den Zürcher Hitmill-Studios hat man wieder einmal die Köpfe zusammengesteckt, um herauszufinden, was das Schweizervolk aus dem Häuschen bringen könnte. Vermutlich hat sich dabei etwa folgender Dialog abgespielt:

- Hit-Produzent 1: «Wir brauchen wieder mal einen Knaller, mit dem wir das Samschtig-Jass-Publikum zum Ausflippen bringen. »

- Hitproduzent 2: «Genau. Unsere Heimweh-Chörli sind langsam ein bisschen ausformuliert. Und im Publikum sitzen immer dieselben Hundecoiffeusen.»

- Hitproduzent 3: «Wie wärs mit einem Ed Sheeran für die Schwinger-Gemeinde? So ein bisschen untersetzt, mit Innerschweizer Dialekt über die Romantik im ländlichen Raum singend, Holzgitarre, rote Haare …»

- Hitproduzent 2: «Nee, rote Haare gehen gar nicht. Es muss etwas Urchigeres sein. Irgendwelche blonden, volksnahen Appenzeller oder so. Und gut ausschauen müssen die schon. Sonst kommen nicht einmal mehr die Hundecoiffeusen.»

- Hitproduzent 1: «Volksnahe Appenzeller gibt es nicht. Aber die Idee ist super. Irgendwas mit Handörgeli, Kontrabass und dann aber Lieder, die von einem ganzen Festzelt mitgegrölt werden können.»

- Hitproduzent 3: «Yess, wir haben es!!! Irgendwas, das klingt wie die Quersumme aus Ländler, Ballermann und Hecht.»

- Hitproduzent 1: «Ich hätte auch schon einen Namen. Auf die Büetzer Buebe folgt die Stubete Gäng.»

- Hitproduzent 2: «Ihr seid grossartig. Wenn das kein Hit wird, dann produziere ich zur Strafe mit Adrian Stern ein Coop-Kundenbindungs-Weihnachtsalbum.»

- Hitproduzent 1: «Keine Sorge. Das WIRD ein Hit.»

Et voilà:

Das Fundstück


Es sollte ein Ereignis werden, das die Musikwelt aus den Angeln katapultierte, als die Gruppe Suicide 1977 die Bühne des New Yorker Punk-Clubs CBGB bestieg. Was danach geschah, wurde von Zeitzeugen als gespenstisch, paralysierend und bis heute unvergesslich beschrieben: Auf der Bühne zwei Männer, schwarz gekleidet. Martin Rev bedient Synthesizer und Drum-Computer, Alan Vega steht mit dem Mikrofon am Bühnenrand, fixiert mit gefährlichem Blick sein Publikum. In seinem Körper scheinen Dämonen zu kämpfen, mal zuckt er zusammen, mal schleudert ihn eine unsichtbare Kraft auf den Bühnenboden. Aus den Synthesizern gellt ein kurzer Loop, ein kleiner Fetzen Rock ’n’ Roll in der Endlosschlaufe, die Schlagzeugmaschine rasselt mulmig im roten Bereich, und Alan Vega schmachtet dazu die Zeile «America, America is killing its youth» ins Gesangsmikrofon, wie ein Elvis im Fegefeuer.

Gehört hatte man etwas Derartiges noch nie zuvor. Dieser Schmerz, diese Dringlichkeit, diese Radikalität, dieser Furor, diese fiebrige Modernität. Die Gruppe Suicide existierte zwar schon seit 1970, doch das Jahr 1977 brachte ihr so etwas wie den Durchbruch. Ihre erste, unbetitelte LP erschien und stampfte alles bisher Gehörte in den Boden – inklusive den amerikanischen Traum.

Vor zwei Jahren ist der Suicide-Sänger Alan Vega gestorben. Sein Komplize Martin Rev ist des Experimentierens im Milieu der elektronischen Musik bis heute nicht müde geworden. Nun will das deutsche Label Bureau B zwei seiner frühesten Soloalben neu auflegen. Hier ein kleiner, vergleichsweise fröhlicher Vorgeschmack aus dem Album «Cheyenne»:

Die Wochen-Tonspur


Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? Die Indie-Hoheiten The National und Interpol haben neue, nur sosolala begeisternde Tonträger herausgebracht. Dann gibts hübschen 60ies-Rock von Mattiel, Habibi-Tronic von Gan Gah, einen neuen Track der sehr finsteren Ragga-Frau Miss Red, sowie einen neuen Longplayer von Andreas Spechtl (Ja, Panik). Und der gute alte General Levy darf wieder einmal seinen berüchtigten Schluckauf-Rap vollführen.

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