Pop-Briefing: Geplatzte Geschlechtsteile

Die neue Popmusik-Kolumne: Heute mit einem Link zum geleakten Musikarchiv von Radiohead und urologischen Problemen bei Slipknot.

Augen auf bei der Passwort-Wahl: Thom Yorkes digitales Archiv ist geplündert worden. Screenshot: Youtube

Augen auf bei der Passwort-Wahl: Thom Yorkes digitales Archiv ist geplündert worden. Screenshot: Youtube

Ane Hebeisen

Das muss man hören


Wir haben es im Pop-Briefing schon einmal konstatiert: In der Soulmusik findet gerade eine Rückbesinnung zum Naturbelassenen statt. Neuestes Beispiel ist die bangladeshisch-irische Londonerin Joy Crookes.

Auf ihrer neuesten EP vermengt sie Trip-Hop mit Soul und Pop zu einem ganz schmackhaften, wenn auch noch etwas dünnen Süppchen. Und Joy Crookes ist gekommen, um zu bleiben: Sie sei nicht hier, um bloss fünf Minuten zu verweilen, hat die 20-Jährige kürzlich gesagt: «Ich sehe mich in der Musik aufwachsen, älter zu werden, und da wird immer mehr sein, über das ich schreiben kann.»

Darüber wird gesprochen


Dunkle Hacker-Mächte haben das Mini-Disc-Archiv des Radiohead-Oberhaupts Thom Yorke geplündert und von der Band dafür ein Lösegeld von 150'000 Dollar erpressen wollen. Unnötig zu erwähnen, dass die Band diese Idee der Geldbeschaffung nicht befürwortet hat. Also haben Radiohead das gestohlene Tonmaterial umgehend auf Bandcamp gestellt, wo man die 18 Stunden Musik nun anhören und für 23 Dollar käuflich erwerben kann.

Bei den Aufnahmen handelt es sich um Ausschussmaterial aus der «OK Computer-»Phase um das Jahr 1997, welches nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Die Band findet das Liedgut denn auch nur bedingt interessant, erste Hörproben bestätigen diesen Eindruck. Es gibt verwackelte Diktafon-Mitschnitte aus dem Übungsraum, etwas besser klingende Demo-Aufnahmen unvollendeter Songs, viel Gitarrengeschrummel und einige Live-Impressionen. Die eingefleischten Fans und Musik-Chronisten dürften frohlocken, offenbart sich hier doch ein ganzes Ideen-Sammelsurium einer in dieser Zeit zu den Kreativ-Leadern der Popmusik zählenden Band.

Die Einnahmen werden der Klimaaktivistengruppe Extinction Rebellion gespendet. Nach 18 Tagen werden die Aufnahmen wieder von Plattform genommen.

Hier ist das erste von 18 Songfiles:

Und hierfindet sich der ganze Rest.

Geredet wird gerade auch gar viel über das wenig unterhaltsame Video, mit dem die SVP ihre Umfrage-Baisse bis zu den eidgenössischen Abstimmungen glätten will («Dunkli Wulche ziend uf und übers Land, chumm mir gönd go wähle»). Und gerne hätten wir hier natürlich vermeldet, wer diesen lüpfigen Mundartrock-Werbe-Song zu verantworten hat. Wir haben recherchiert in der Zürcher Musikszene (der Dialekt des Sängers hat alle Berner Hauptverdächtigen auf einen Schlag mit einem Alibi versehen), wir haben Umfragen gestartet, wer in einem Übungsraum eine Bass-Drum mit dem SVP-Head-Design gesichtet hat, doch es haben sich keine sachdienlichen Hinweise ergeben.

Der Wahlkampfleiter Adrian Amstutz höchstselbst habe beschlossen, die Identität der Musiker geheim zu halten, da Künstler mit SVP-Stallgeruch gemieden würden, liess er in SVP-eigener Wehleidigkeit ausrichten.

Stattdessen ist bekannt geworden, dass die Tänzerinnen, die neben den SVP-Sünneli herumturnen (und von den Grünen bereits als Sexismus-Opfer hochstilisiert wurden, weil drei von ihnen beschlossen haben, in kurzen Hosen dem Choreografie-Tanze zu frönen), der Zürcher Tanzformation Eurodancers angehörig sind. Allerdings wollen die Eurodancers-Frauen betont wissen, dass sie politisch absolut neutral seien. So wie es sich für rechtschaffene eidgenössische Show-Tänzerinnen eben ziemt.

Das Schweizer Fenster


Es ist eine dahingezärtelte Abwandlung des Chanson, die uns die Walliserin Cyrielle Formaz anbietet. Soeben ist die EP «Amour» ihres Projekts Meimuna erschienen, ein Tonwerk, das niemanden aus seinem biologischen Gleichgewicht bringen wird, das anheimelnd ins Gemüt züngelt, wie die ersten scheuen Sonnenstrahlen nach einem Herbstregen. Die junge Frau aus Orsières schreibt, komponiert und bannt ihre Musik im trauten Heim auf Tonträger. Nur so sei es ihr möglich, eine Musik zu erschaffen, die ihr Wesen wiederspiegle. Gut möglich, dass wir diesem Wesen noch öfter begegnen werden.

Was blüht


Das Greenfield Festival steht dieses Wochenende an. Auch wenn die Veranstalter immer wieder in Aussicht stellen, das erste Spartenfestival der Schweiz vom Dogma der harschen Stromgitarre entpflichten und für andere Stile öffnen zu wollen, ist davon im Programm auch dieses Jahr nichts auszumachen. Die 15. Greenfield-Ausgabe bietet – wie jedes Jahr – einen Querschnitt jener rabaukigen Gitarren-Bands, die schon wiederholt in Interlaken aufgetreten sind.

Besonderes Interesse wird dieses Jahr der Gruppe Slipknot zuteilwerden. Deren Sänger hat nämlich kürzlich über Twitter verlauten lassen, dass ihm bei den Proben vor lauter Pressgesang ein Hoden geplatzt sei. Besorgte Anfragen bei Urologen haben ergeben, dass dies aus wissenschaftlicher Sicht schier unvorstellbar sei, auch die Freundin des Sängers gab Entwarnung. Dennoch wird das Geschlechtsensemble des Vokalisten in Interlaken unter erhöhter Beobachtung stehen.

Das Fundstück


Vor genau vierzig Jahren tauchte eine Band in einem Studio in Hollywood auf, die im Sinn hatte, so ziemlich alles infrage zu stellen, was den Musikkonsumenten damals lieb und heilig war. Wall of Voodoo nannte sich der Fünfköpfer, und die 1979 eingespielte erste EP sorgte für dementsprechenden Wirbel. Ihr Cover des Johnny-Cash-Hits «Ring of Fire» verärgerte nicht nur den gemeinen Country-Liebhaber, und irritierte die Punk- und New-Wave-Gemeinde, es vereinte bereits alles, was Wall of Voodoo zu einer der spannendsten Bands der frühen Achtzigerjahre machen sollte: Ein Faible für das Œuvre des Ennio Morricone, eine gewisse new-wavige Attitüde, und hinter dem Frontmikrofon stand ein gewisser Stan Ridgway, der den leicht irrsinnigen Country-Onkel gab.

Ein Markenzeichen von Wall of Voodoo war die Kombination aus einer 808-Drum-Maschine und Perkussion zur Bildung des rhythmischen Gerüsts. Darüber beliebte der staunenswerte (2002 verstorbene) Gitarrist Marc Moreland seine lärmigen Spaghetti-Western-Gitarren zu setzen.

1982 gelang Wall of Voodoo mit «Mexican Radio» der einzige Hit der Karriere. Ein Jahr später, nach einem fulminanten Auftritt, löste sich die Band auf und wurde 1984 mit neuem Sänger – und erheblicher Charme-Einbusse – für kurze Zeit neu formiert. Stan Ridgway startete eine Solokarriere, die bis heute andauert.

Die Wochen-Tonspur


Welche Neuerscheinungen sind uns ins Ohr gestochen? Vertrackter Grime von Skepta, die wunderbare Melissa Laveau als Gastsängerin bei Rone, eine stoische Ballade von Merryn Jeann, Afrobeat von The Bongo Hop. Und: Der stimmliche Tiefstapler Mark Lanegan macht nun Synthie-Pop.

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