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Wir sind alle Einsen

Das Kunstmuseum Bern und die Dampfzentrale rufen die «République Géni­ale» aus. Sie basiert auf der Idee des Franzosen Robert Filliou. Er fand: Jeder ist ein Genie, wenn er nur will.

Eine Eins auf jeder Seite – die Installation des französischen Künstler Robert Filiou.
Eine Eins auf jeder Seite – die Installation des französischen Künstler Robert Filiou.
zvg

Wie zufällig hingeworfen liegen sie am Boden im Kunstmuseum, die farbigen Würfel. Würfel, mit denen es nichts zu gewinnen gibt: Wie sie auch fallen würden – es gibt nur Einsen auf allen sechs Seiten. Der Schöpfer der Installation ist Robert Filliou (1926–1987), ein französischer Künstler, der an das Genie in jedem einzelnen glaubte.

«Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst», pflegte er zu sagen. Hinterlassen hat der unter anderem vom Zenbuddhismus inspirierte Künstler Anleitungen zu Happenings, kurze humoristische Filme, Objekte oder begehbare Skulpturen. Das Kunstmuseum Bern und die Dampfzentrale rufen nun gemeinsam, frei nach Filliou, die «République Géniale» aus. Geleitet wird das interdisziplinäre Ereignis von einem achtköpfigen Kuratorenteam rund um Kath­leen Bühler, Leiterin der Abteilung für Gegenwartskunst am Kunstmuseum Bern und dem Künstler und Dozenten Valerian Maly.

Es handle sich nicht um eine Filliou-Ausstellung, betont Bühler. Die Würfelinstallation «1.un.» (1984) ist denn auch das einzige gezeigte Werk des Künstlers, der als geistiger Vater der «Republik» fungiert. Während dreier Monate befindet sich das Kunstmuseum im Ausnahmezustand: Eine Ausstellung mit Werken von Künstlerkollektiven, Performances, Symposien, ein künstlerisch-kulinarischer Food-Stand und ein ausgiebiges Festprogramm bilden das Terrain, auf dem die Besucher auch selbst aktiv werden sollen.

29 Fahnenschwünge

Zur Eröffnung wird es Salat regnen. Dabei handelt es sich um die Nachstellung einer Performance der amerikanischen Künstlerin Alison Knowles. Die Premiere von «Make a Salad» fand 1962 in New York statt. Dahinter steckte die Idee, Hochkultur mit Alltag verschmelzen zu lassen. Nach den Anweisungen zu dieser Performance werden im Obergeschoss des Atelier-5-Baus Mitarbeitende des Kunstmuseums sowie Mitglieder der Bernischen Kunstgesellschaft BKG lautstark Salat schnetzeln und diesen herunterrieseln lassen, wo er schliesslich angerichtet und verspeist wird.

Wie es sich für Feiern einer ­Republik gehört, werden auch Fahnen geschwungen. Das Kuratorenkollektiv hat dafür die Fahnenschwinger-Vereinigung Region Bern engagiert. 29 verschiedene Schwünge würden die ­Fahnenschwinger beherrschen, schwärmt Kurator Valerian Maly. Er sieht in der Aktion eine Performance im Sinne Fillious. «Das Denken in verschiedenen Kombinationen war typisch für diesen Künstler.» So ticken auch die Veranstaltungen, die diese vorübergehende «Republik» beleben. Etwa das Konzertereignis mit Berner Musikern auf der Aare, bei dem auch der Pontierfahrverein Bern und der Aare Club Matte Bern involviert sind. Es soll am 2. September zwischen dem Schwellenmätteli und dem Stauwehr Engehalde stattfinden.

Die Idee hinter der Kunst

Den Begriff Fluxus-Künstler, mit dem man Filliou gerne etikettiert, hält Maly für einschränkend. Tatsache bleibt aber, dass Filliou der Bewegung rund um George Maciunas (1931–1978) nahestand und durchaus Werke im Sinne dieser Avantgardisten schuf. Bei der in den 1960er-Jahren entstandenen Fluxus-Bewegung stand nicht das Kunstwerk im Vordergrund, sondern die Idee dahinter. Das als bürgerlicher Fetisch geltende Kunstwerk sollte negiert werden. Eine Strategie, die in der heutigen Konzeptkunst nachwirkt.

Wörter löschen

In der Ausstellung, die während der Laufzeit der «République Géniale» stattfindet, setzen die Macherinnen und Macher ausschliesslich auf Künstlerkollektive. Die Produktionsgemeinschaft Relax, bestehend aus Marie-Antoinette Chiarenza, Daniel Hauser sowie projektweise hinzugezogenen Akteuren, präsentiert die Installation «A Word a Day to Be Wiped Out» (2012–2018).

Das Werk besteht aus auf die Wand geschriebenen Wörtern, Putzlappen, Wischmaschinen und der «Bibliothek der gelöschten Wörter». Wörter werden bei diesem Projekt laufend gesammelt und gelöscht – aber so, dass sie sichtbar bleiben. In Bern hat das Kuratorenteam gemeinsam mit anderen Gruppierungen bisher 230 Wörter gesammelt, die durch die Besucher laufend erweitert werden sollen.

Die Idee ist es, Wörter zu finden, die Spannungen auslösen oder als problematisch empfunden werden. Versteht sich von selbst, dass die Aktion nicht in allen Ländern die gleiche Befindlichkeit widerspiegelt. «Alters­pyramide», «lösungsorientiert» und «Grenzschutzverstärkung» prangen unter anderem an der Museumswand in Bern. Weg ­damit?

Ausstellung: Bis 11. 11. Im Kunstmuseum, Bern. Eröffnung: Do, 16. 8. 18.30 Uhr.

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