Selbst für Millionäre zu teuer

Superreiche treiben mit rekordhohen Preisen den Kunstmarkt an den Abgrund. Jüngstes Beispiel: 91 Millionen Dollar für ein Werk von Jeff Koons.

«Rabbit» von Jeff Koons: Noch nie wurde für das Werk eines lebenden Künstlers mehr bezahlt. Foto: Keystone

«Rabbit» von Jeff Koons: Noch nie wurde für das Werk eines lebenden Künstlers mehr bezahlt. Foto: Keystone

Walter Niederberger@WaltNiederberg

Der Mann der Stunde war Robert Mnuchin, Vater des US-Finanzministers und Ex-Partner der Investmentbank Goldman Sachs. Die Versteigerung des «Rabbit» von Jeff Koons startete bei 40 Millionen Dollar und erreichte nach 90 Sekunden schon 60 Millionen Dollar. Das Bieten wog hin und her, doch der 85-jährige Mnuchin – den Anordnungen eines anonymen Käufers folgend – bot beharrlich weiter und bekam schliesslich auch den Zuschlag.

Das Rätsel um den Käufer wurde wenige Tage später gelöst: Es war Hedgefonds-Manager Steven Cohen. Er liess sich das Werk des 64-jährigen Künstlers stolze 91,1 Millionen Dollar kosten, inklusive Kommissionen. Das war der höchste Preis für das Werk eines lebenden Künstlers, mehr noch als das «Portrait of an Artist» von David Hockney letzten Herbst in einer Auktion erzielt hatte.

Markt ist gefährdet

Cohen und eine Handvoll Multimilliardäre haben die Preise von wenigen Topkünstlern seit der Finanzkrise in ungeahnte Höhen getrieben. Zwar war Kunst immer nur einem kleinen Kreise von Vermögenden vorbehalten. Doch die Kluft zwischen den 0,01 Prozent von Superreichen und dem einen Prozent von Mehrfachmillionären spaltet zunehmend auch die Kunst. Sie bedroht das Funktionieren eines Marktes, in dem junge, noch nicht bekannte Künstler starten können.

Die Situation sei sehr gefährlich, sagt die Ökonomin Clare McAndrew, Autorin des «Art Basel und UBS Global Art Market Report». Viele Kunden seien besorgt über die steigenden Preise. «Selbst die Käufer ganz oben waren Ende letzten Jahres darüber erleichtert, dass es noch mal gut gegangen ist. Das politische Klima und die unsichere Wirtschaft drücken auf die Laune.»

Nicht beirren lässt sich offenbar Steve Cohen. Obwohl er sich 2013 des Insiderhandels schuldig bekannt und eine Strafe von 1,8 Milliarden Dollar bezahlt hatte, investiert er seit der erzwungenen Schliessung seines Hedgefonds fast pausenlos in die grossen Namen: Jeff Koons, David Hockney, Jasper Johns, Damien Hirst. Seine Sammlung soll bereits mehr als eine Milliarde Dollar wert sein.

Junge Künstler können nicht mehr Fuss fassen

Die Dominanz der Superreichen hat indessen einen Teufelskreis geschaffen, schreibt die Ökonomin Allison Schrager in der «New York Times». Gut verdienende Banker beispielsweise, die früher Werke von jüngeren Künstlern in kleineren und mittelgrossen Galerien gekauft hätten, hätten sich nach dem Crash von 2008 zurückgezogen und seien nicht mehr zurückgekommen. Hauptgrund: Die astronomischen Preise der Top-Galerien und Auktionshäuser stiessen sie ab.

Wenn der «Rabbit» aus Edelstahl für mehr als 90 Millionen Dollar die Hand wechselt, so erscheint ihnen ein Werk für 50'000 Dollar eines unbekannten Künstlers plötzlich nicht mehr sehr erstrebenswert. Doch ohne die kleinen und mittelgrossen Händler ist unklar, wo die Künstler der Zukunft starten können. «In einem Markt, in dem wenige fast alles nehmen, werden es nur noch Künstler schaffen, die sich früh in der Karriere geschickt verkaufen können oder Instagram-Stars werden.»

Die prekäre Lage wird durch weitere Faktoren verschärft, schreibt Clare McAndre in «The Art Newspaper». Zum einen verweigerten die Banken wegen der unsicheren Lage den Galerien querbeet Kredite, zum anderen falle es zunehmend schwer, die steigenden Kosten der Kunstmessen zu decken. Vorschläge, wonach die Top-Galerien den kleinen ähnlich wie in der Football-Liga eine Transferkommission für das Abwerben eines jungen Talents zahlen, führten zu nichts.

«2018 waren lediglich 20 Top-Künstler für 64 Prozent des Umsatzes verantwortlich.»

Der US-Kunstmarkt ist der grösste der Welt. Rund 40 Prozent der Transaktionen werden in den USA abgewickelt, angetrieben durch die 0,01 Prozent der Superreichen, die einen stets grösseren Anteil des Einkommens an sich reissen. 2018 waren lediglich 20 Top-Künstler für 64 Prozent des Umsatzes verantwortlich. Und nur 5 Prozent der Galerien sorgten für über die Hälfte der Verkäufe. Derweil kämpfen kleinere Händler um ihre Existenz. 2017 war gemäss Artfacts.com das erste Jahr, in dem in den USA mehr Galerien schlossen als neu eröffneten.

Der Markt spiegelt so fast perfekt die wachsende Kluft der Gesamtwirtschaft. Während die Reallöhne für die meisten Amerikaner erst seit kurzem real steigen, nahmen die Kunstverkäufe gemäss dem «Art Basel und UBS Global Art Market Report» seit 2009 um mehr als das Doppelte von 12 auf fast 30 Milliarden Dollar zu. Obwohl auch die Arbeitslosenzahl auf ein 50-Jahres-Tief gesunken ist, verfügen 58 Prozent der Amerikaner noch immer über weniger als 1000 Dollar an Erspartem. Ein Drittel hat gar keine Reserven. Der unschuldige Hase von Koons erfüllt aus dieser Sicht mindestens diesen einen Zweck eines Kunstwerks. Er provoziert.

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