«Schnydi» – ein Mann gegen die Kunstangeberei

Die Ausstellung des Schweizer Künstlers Jean-Frédéric Schnyder ist ein ganz grosser Wurf.

«Es muss einfach schön sein und Freude machen», sagt Jean-Frédéric Schnyder. Das Bild entstand in der Ausstellung in der Galerie Presenhuber.

«Es muss einfach schön sein und Freude machen», sagt Jean-Frédéric Schnyder. Das Bild entstand in der Ausstellung in der Galerie Presenhuber.

(Bild: Reto Oeschger)

Ewa Hess@askewa

Was die Schweizer Kunst oft so grossartig macht, ist, dass sie dem Konzept des Grossartigen misstraut. «Die hehre Kunst»? Nicht hierzulande. Die Schönheit sucht man im Bescheidenen, das Erhabene im Alltäglichen und umschifft damit weiträumig jedes peinliche Pathos.

Fischli/Weiss etwa feierten einst den Ernst des Lebens mit animierten Cervelats, Roman Signer schaffte pure Poesie mit fliegenden Tabourettli, und Pipilotti Rist inszenierte gekonnt Poren und Pickel. Doch selbst im Land des künstlerischen Understatements schlägt im künstlerischen Tiefstapeln niemand Jean-Frédéric Schnyder.

«Schnydi», wie er in der Szene genannt wird, ist eine Antithese zu der heute so beliebten pseudointellektuellen Kunstangeberei. Am liebsten tut er so, als ob er gar kein Künstler wäre. Das Wort «Konzept» kommt nicht über seine Lippen. «Es muss einfach schön sein und Freude machen», ist sein Leitspruch, von dem der 74-jährige nie abwich.

Dabei war er von Anfang an dabei, als die Schweiz zum Vorzeigeland der allermodernsten Kunst wurde: Harald Szeemann hat ihn bereits 1969 in die legendäre Ausstellung «When Attitudes Become Form» in der Kunsthalle Bern eingeschlossen. 1993 liess sich die Schweiz durch ihn an der Biennale in Venedig vertreten. Da gab sich der damals schon sehr versierte Konzeptkünstler als Sonntagsmaler aus und präsentierte Ansichten aller Schweizer Autobahnen, von Ost nach West, die er von einer Passerelle aus nach der Natur in Öl pinselte.

Pixel, oder? Ein Beispiel aus der Serie «Kleine Bilder». Bild: Jean-Frédéric Schnyder/Courtesy of the artist and Galerie Eva Presenhuber, Zurich/New York

In den letzten Jahren sah man nicht sehr viel von Schnyder, vielleicht hatten die grossen Museen Angst vor der spröden Geste, mit der er seine fragile Kunst vor Vereinnahmung beschützt? Als das Museum für Gegenwartskunst in Basel ihm 2007 eine Ausstellung ausrichtete, kaprizierte er sich darauf, nur Werke zu zeigen, die zufällig gerade bei ihm im Atelier standen.

2012 windete ihm der Künstlerkollege Peter Fischli – als Kurator – einen schönen Kranz, als er Schnyders Werke im Kunsthaus Zürich in einer Doppelausstellung mit dem Nationalkünstler Ferdinand Hodler präsentierte. Das war eine lustige Idee, doch man lernte in dieser Ausstellung mehr über die zarten Seiten von Hodler, als dass man im Werk Schnyders auch nur einen Anflug von heroischer Geste entdeckt hätte.

Kleine Formate können die Tatsache nicht verdecken, dass es sich hier um Schnyders Opus Magnum handelt.

Und jetzt diese Ausstellung! Im monumental grossen Saal der Zürcher Galerie Eva Presenhuber hängt Schnyder 156 «Kleine Bilder», so der Titel der Serie, und stellt in die Mitte eine Skulpturengruppe aus Bananenschachteln. Kleine Formate und bescheidene Materialien können dabei die Tatsache nicht verdecken, dass es sich hier um Schnyders Opus Magnum handelt.

Mit virtuoser Nonchalance gelingt ihm hier so etwas wie Dantes «Divina Commedia»: die Höhen und die Tiefen des menschlichen Lebens, das Erschreckende und das Tröstliche aus unserer Geschichte und auch noch Reminiszenzen an Meilensteine der Kunsthistorie in einer rhythmisch pulsierenden, unangestrengt wirkenden, sich kreisförmig wiederholenden, doch auch immer weiter ausholenden Form einzufangen. Anstatt der Reime haben die «Kleinen Bilder» (die tatsächlich kleinformatig sind) eine Art Rasterstruktur, die an grosse Pixel erinnert.

«Das sind keine Pixel, das sind Quadrätli», sagt Schnyder bei einer gemeinsamen Begehung seines Panoptikums. «Gäbig» seien diese, sagt der in Bern aufgewachsene Basler. Er habe schon immer gern auf «Hüselipapier» gezeichnet. Die Struktur befreie einen von der malerischen Vorgabe, ein leeres Blatt füllen zu müssen. Auch der volkstümliche Kreuzchenstich basiere schliesslich auf kleinen Vierecken.

Und bumm: Schon donnert ein Gewitter

Der Reigen fängt gemächlich an, mit Studien zu Vordergrund und Hintergrund, mit Webmuster-Etüden. Dann tauchen, noch kaum erkennbar, erste menschliche Figuren auf: «Meiteli und Bubli», blau und rosa. Und schon künden sich schärfere Kontraste in Schwarz-Weiss an: mit Schachbrettmustern und Kirchenkreuzen. Dann, zuerst rosa auf grün («fleischlich», sagt der Künstler), zunehmend grauer, düsterer: Aus den freundlich eingängigen Quadraten formieren sich bedrohliche Hakenkreuze. Die von Menschenhand erschaffene Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Gefolgt von Blumen, wie im wahren Leben. Und dann auch von den schönsten Sonnenuntergängen. Und bumm: Schon donnert ein Gewitter, der Mond scheint dramatisch ins Fenster, ein Quadrätli-Schädel starrt mit leeren Augenhöhlen. Über der Krippe leuchtet der Abendstern, eine angebrochene Weinflasche steht vor dem Altar in der Kirche. Sind Sie ein religiöser Mensch, Jean-Frédéric Schnyder? «So viel, wie man ist, als anständiger Mensch.»

Und dann wieder Häuschen von oben, ungute Erinnerung an Lagerbaracken, dazwischen wieder ein Quadrätli-Haus mit Tanne und Wolken. Ein Urbild, sagt der Künstler, die Welt «beruhigt und besänftigt durch die herrschende Ordnung». Dort läuft ein Segelboot aus. «Das Böötli», sagt Schnyder, «das ist das Bild bei den Simpsons hinter dem Sofa.» Trivial? Na und?

Kein Angeber: Jean-Frédéric Schnyder. Bild: Reto Oeschger

Die Gefühle, die ein Bild wecke, seien seit der Renaissance immer die gleichen, egal, wie neu oder alt das Bild sei, wie gut oder schlecht, sagt der Maler, und schaut verschmitzt lächelnd unter der Stirn hervor, wie um zu prüfen, ob ich merke, dass das ein Zitat des berühmten Schweizer Kunsthistorikers Jacob Burckhardt sei.

Doch schon sind wir bei den dreidimensional dargestellten Pyramiden, dazwischen immer wieder ein verniedlichender Perspektivenwechsel, etwa das «Himugüegeli», der glücksbringende Marienkäfer, oder kleine Entchen. Und dann wieder Abstraktes: «Was das ist, merkt man, oder?» Schnydi schaut erwartungsvoll. «Ist doch Allgemeinbildung.» Aha, die drei Streifen von Adidas. Am Schluss wird alles gräulich und leitet mit Bildern von Hochhäusern die Aufmerksamkeit auf die Skulptur in der Mitte.

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Und diese hat es in sich. Sie stellt so etwas wie die Geschichte unserer Zivilisation dar. Hier hat Schnyder aus gewöhnlichen Bananenkisten ein nicht nachhaltiges Universum gebastelt, ein aufwühlendes Sinnbild des Untergangs. Zunächst entstanden ein Kartonhochhaus und ein imposanter Kirchenkomplex. Die Kartonstücke, die übrig geblieben sind, ergaben 100 identische Häuschen.

Dann blieb ein Haufen Kartonabfälle, aus diesen konnte der Künstler 159 noch kleinere Miniaturhäuser bauen. Aus dem, was davon abfiel, konnte nur noch eine Ruinenstadt entstehen, das apokalyptische Bild einer erloschenen Zivilisation. Insgesamt ist es eine grandiose Arbeit, die in Sachen lakonische Einfachheit und beiläufige Gnadenlosigkeit ihresgleichen sucht.

«Es ist mir ein unendlich tröstlicher Gedanke, dass alles endlich ist.»Jean-Frédéric Schnyder

Wir stehen am Ende der Ausstellung, vor dem inszenierten Scherbenhaufen unserer Welt, und der Künstler freut sich wie ein kleines Kind, dass er das Material so vollständig aufbrauchen konnte: «Der Protestant wirft nichts weg, man hat es ja schon bezahlt ...» Aus den allerletzten Resten, den Klammern, die die Kisten zusammenhalten, hat er noch ein Schmuckkettchen namens Chiquita verfertigt.

Angesichts der katastrophalen Aussage seiner Kartoninstallation erstaunt diese Fröhlichkeit. Darauf angesprochen, wird Schnyder ernst: «Es ist mir ein unendlich tröstlicher Gedanke, dass alles endlich ist.» Sein Blick wandert zur halboffenen Tür zum letzten Saal der Ausstellung.

Der Raum dahinter ist dunkel, ein mystisches Leuchten dringt heraus. Aus den gelochten Stirnseiten der Bananenkisten entstand die Installation «Hüter der Schwelle», 22 Stehlampen mit gesichtähnlichen Oberflächen. «Das sind unsere Begleiter hinüber», sagt Schnyder. «Wie beim Schacher Seppli», fügt er an. Und zitiert aus dem populären Volkslied von Ruedi Rymann: «Und gaht de s' Himmelstürli uif / staht bräit dä Petrus da. / Er riäft mär zio: / Eh, salü Sepp, bisch dui nun oi scho da?»

Bananenkiste auf Ständerlampe: «Hüter der Schwelle». Bild: Jean-Frédéric Schnyder/Courtesy of the artist and Galerie Eva Presenhuber, Zurich/New York

Das ist ganz Jean-Frédéric Schnyder, dieser hervorragende Vertreter der Schweizer Understatementkunst. So einfach und unkompliziert seine Werke daherkommen, sie rufen doch mit grosser Intensität komplexe Fragen nach der Rolle der Kunst und dem Sinn der Existenz hervor. So als ob hier einer durch die Blume sagen wollte: Siehst du? Es geht auch ganz ohne Geschwurbel. Moment mal, durch die Blume? Sagen wir mal: durchs Quadrätli.

Jean-Frédéric Schnyder bei Eva Presenhuber, Maag-Areal, Zahnradstrasse 21, Zürich. Bis 5.10.

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