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Nochmals mit Karacho

«Art Dock All New»: In der letzten erhaltenen Güterbahnhof-Halle Zürichs ist wieder Kunst los.

Kurator Ralph Baenziger, Art Dock, Zürich. Foto Fabienne Andreoli
Kurator Ralph Baenziger, Art Dock, Zürich. Foto Fabienne Andreoli

Hinter den sieben Gleisen brodelts. Noch einmal setzen die Macher des Art Dock zu einer kuratorischen Grosstat an. Wer weiss, vielleicht ein letztes Mal? Hier, in der vom Masterplan längst zu Tode verurteilten letzten Halle des ehemaligen Güterbahnhofs hinter der Zürcher Hardbrücke, ist die Vergänglichkeit ein Dauergast. Man neckt sie hier, man trotzt ihr: «Art Dock All New» prangt der Ausstellungstitel über dem Eingang.

Grossartig ungezähmt kommt die neue Präsentation daher, doch das ist hier eigentlich nichts Neues. Seit Ralph Baenziger den Nachlass des Zürcher Künstlerpaares Trudi Demut und Otto Müller in der eindrücklichen Gleishalle parkiert hat, herrscht hier kreativer Ausnahmezustand.

Lokale Kunst

Der 79-jährige Architekt, der das noch nicht ganz wache Zürich der 80er-Jahre mit seinem schwungvollen HB-Südwest-Projekt aufmischte, ist eine charismatische Figur; seine Liebe zur Kunst paart sich effektvoll mit jener zur postindustriellen Bahnromantik. Laut, herzlich, direkt, mit schlohweissem Bart und Megafonstimme wirkt er tatsächlich wie ein «Phantom des Güterbahnhofs», als das er schon bezeichnet wurde.

Mit unfehlbarem Architektenauge weiss Baenziger in der Riesenhalle, die wie ein Walfisch inmitten des hier entstehenden properen Polizei- und Justizzentrum-Areals schlummert, geheimnisvolle Kunstwelten zu installieren. Anderswo suchen weltberühmte Kuratoren vergeblich nach diesem authentischen Ausdruck des Kunst-Dickichts. Hier richtet es ein Weissbärtiger locker an, und zwar mit lauter Werken von lokalen Künstlern, die im globalisierten Kunstbetrieb sonst immer das Nachsehen haben.

Kunst, so weit das Auge reicht. Foto: Mischa Scherrer
Kunst, so weit das Auge reicht. Foto: Mischa Scherrer

Ob bei der «Wahnwelt-Wellen»-Ausstellung 2015 oder bei «Frauenpower» ein Jahr später: Das kuratorische Geschick der Art Dock Crew, in der Künstlerinnen und Künstler oft selber Hand anlegen, ist weitherum aufgefallen und hat der Halle manchen berühmten Besucher beschert. Allein der Look ist überwältigend: Kunst, so weit das Auge reicht, leidenschaftlich über alle Wände, Kojen, Decken, Durchgänge ausgebreitet. Dabei scheinen sich die einzelnen Werke nicht zu konkurrenzieren, im Gegenteil, die Dichte erhöht noch die Wirkung jedes einzelnen.

Die neue Schau heisst nicht nur «Neu», sie ist auch: «Alles». Die Nachlässe, die hier lagern, sind ausgestellt, Baenzigers Sammlung voller wunderbarer Kleinode (Altherr! Bossert! Storrer!), die Nachlässe von Esther Brunner und Piro Autenheimer, zudem eine Neuerfindung namens «Kunstmeter»: Jede eingeladene Künstlerin oder jeder Künstler erhält einen Meter weisse Wand, in eigens zu diesem Zweck entworfenen Kreuzkojen eingebettet. Auf diesem Meter kann dann jeder seine eigene Schau inszenieren und daraus auch Werke verkaufen – das Art Dock fungiert dabei als eine Galerie mit 50-Prozent-Anteil.

Man fühlt sich an die Zeit erinnert, als die städtischen Weihnachtsausstellungen (später auch «Kunstszene» genannt) der lokalen Kunstgemeinde eine Plattform boten. Diese Praxis wurde verändert, 2018 fand eine anders geartete Kunstszene statt, in der die Stadt die bestehenden Kunstorte vor allem vernetzte. Eine weitere solche ist in Planung, allerdings frühstens 2022, wie man aus der Präsidialabteilung hört. Dazwischen klafft eine Lücke, die wenigstens für 2019 mit Art Docks reicher Kunstsause aufs Schönste geschlossen wird.

Zwischennutzung mit absehbarem Ende

Eine generationenübergreifende Verkaufsausstellung mit Hunderten von Künstlern (es sind deren vorläufig 108, von Raffael Benazzi und Liliane Csuka bis Chantal Wicki und Timmermahn) ist rein organisatorisch eine fordernde Aufgabe, und es gehört zu den Tugenden des Hausherrn Baenziger, dass er Helferinnen und Helfer auf ein gemeinsames Ziel einschwören kann.

Ralph Baenziger mit Figur von Robert Honegger. Foto: Fabienne Andreoli
Ralph Baenziger mit Figur von Robert Honegger. Foto: Fabienne Andreoli

Dennoch bleibt viel Organisatorisches im kreativen Unschärfebereich. Das Private und das privatrechtlich Reglementierte mischen sich fröhlich zu einem kaum überschaubaren Geflecht.

Das ist Pech: Von der schon gesprochenen Unterstützung durch die Stadt (100'000 Franken) wurde etwa «wegen der Nichterfüllung der Auflagen» (Zitat Präsidialabteilung) 2016 nur rund ein Drittel ausgezahlt.

Es geht immer weiter

Auch der Konkurs der Demut/Müller-Stiftung, vor einem Jahr rechtsgültig geworden, gehört in die Kategorie von organisatorischen Stolperfehlern, denn die Stiftung «habe keine echten Schulden gehabt», wie Baenziger versichert.

Aber: Es geht immer weiter. Nun wird einiges (zum Teil mit dem Segen des Konkursamtes) verscherbelt, damit man die Stiftungs-Darlehensgeber auszahlen kann, die das in den Unterhalt und Aufbereitung der Nachlässe investierte Geld zurückfordern.

Rätselhafte Vorgänge stehen im Art Dock sowieso an der Tagesordnung. Wer hat etwa den Nachlass von Piro Autenheimer vor drei Jahren hier «abgeladen»? Glaubt man der Legende, wurde das Werk einfach vor dem Haus abgestellt, eine fantastische Fülle an Leinwänden, die aus der Menge herausstechen.

«Wie lange noch?»

Das grösste Rätsel heisst indes: «Wie lange noch?», denn die Zwischennutzung wurde schon mal bis 2016 begrenzt. Nach den neueren Erkenntnissen sollte sie bis 2021 noch möglich sein. Dann will der Kanton anstelle der letzten Güterbahnhof-Halle einen provisorischen Treppenaufgang zur Hardbrücke aufstellen.

Bis dann heisst es unentwegt: «Alles neu!» Eins ist sicher: So schön liessen sich in Zürich schon lange keine kunstsinnigen Weihnachtseinkäufe mehr machen, denn hier ist Wunderbares für einmal nicht teuer.

Art Dock, Hohlstrasse 258, www.art-dock-zh.ch/new

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