Ein Kunst-Memorial für zwei Gletscher

Interlaken

Eis, Eismeer, kein Eis mehr: Das Kunsthaus Interlaken stellt die beiden Grindelwaldgletscher und ihre Veränderung in den Fokus seiner Sommerausstellung.

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Die Botschaft, dass Gletscher phänomenal wie ein gefrorenes Meer seien, trugen einst Kunstmaler in die Welt hinaus. Und weil die Grindelwaldgletscher, dem Talboden nahe, auf den frühen Alpenreiserouten am Weg lagen, wurden sie oft porträtiert.

Bedrohung, Faszinosum, Ideal, Drama und Realität: Das Kunsthaus Interlaken zeigt in seiner Sommerausstellung die Vielfalt der Darstellung der Grindelwaldgletscher im Lauf der Zeit. Die zündende Idee gab das 2017 erschienene Buch «Die Grindelwaldgletscher – Kunst und Wissenschaft» des emeritierten Geografieprofessors Heinz J. Zumbühl und der Co-Autoren Samuel U. Nussbaumer, Hanspeter Holzhauser und Richard Wolf. Kunsthaus-Kurator Heinz Häsler ging auf die Suche nach den im Buch gezeigten Bildern, um sie jetzt in Interlaken zu versammeln.

Das Eismeer schwindet

«Ich stiess überall auf ein positives Echo», sagt er. Und so reisten, sicher verpackt und geschützt, Kunstwerke aus allen Ecken nach Interlaken, aus Museen, aus privaten Sammlungen, aus Archiven. Darunter Stars der Gletscherszene wie Ferdinand Hodlers «Grindelwaldgletscher» aus dem Kunsthaus Zürich, Johann Ludwig Aberlis «Vue d’une partie du Glacier de Grindelwald» aus dem Kunstmuseum Bern, Caspar Wolfs «Unterer Grindelwaldgletscher mit Blitzschlag» aus dem Aargauer Kunsthaus, Samuel Birmanns «Am Unteren Grindelwaldgletscher» aus dem Kunstmuseum Basel.

Eine Fotografie des Unteren Grindelwaldgletschers von 1855 kam sogar aus der Alpine Club Library in London. Diese Fotografie zeigt einen breiten Eisstrom mit höckerförmigen Wellen, der die Eigerflanke Richtung Talbodenbäume umfliesst. Schon 2013 war dort, das zeigt ein Foto von Samuel U. Nussbaumer, weit und breit kein Eis mehr.

Die Sicht der Wissenschaft

Heinz Häsler nennt die Ausstellung denn auch «keineismeehr»; als Kontrast steht dieser Titel auf dem Plakat zur Ausstellung vor blauschimmernden Eisspitzen, die Caspar Wolf 1774 oder 1776/1777 gemalt hat.

In einem zentralen Raum des Kunsthauses zeigen Tafeln und Exponate die Sicht der Wissenschaft auf die Grindelwaldgletscher und erklären, wie die Gletscherveränderungen erforscht werden. Dazu gehört die historische Methode, die sich auf überlieferte Schrift- und Bildquellen stützt. Bei den Grindelwaldgletschern ist deren Reichtum einmalig.

Heutzutage überfliegen Drohnen die Zunge des Unteren Gletschers und schiessen Fotos mit sehr hoher räumlicher Auflösung. Den historischen Bildern und Gemälden gegenübergestellt zeigt sich: Beim Unteren Gletscher gingen im Kessel unterhalb der Stieregg seit 1860 vertikal rund 350 Meter Eis verloren. Oder wie es in der Ausstellungsbroschüre heisst: «Auch unter positiven Annahmen scheint ein Verlust von 80 Prozent des Eises unabwendbar.»

«Ein Verlust von 80 Prozent des Eises scheint unabwendbar.»Aus der Ausstellungsbroschüre

Verlustängste? Das Kunsthaus Interlaken zeigt, wie heutige Künstler mit dem Thema umgehen. In der Videoinstallation «Symbioses of Responsibility. Gletscherblues» spielt der Berner Künstler George Steinmann vor dem Rhonegletscher auf seiner Bluesgitarre. Steinmann befasst sich seit Jahren mit dem Klimawandel, dem Verlust der Biodiversität, der Ökologie von Wäldern und Wasser.

Einen speziellen Ansatz wählte die in Graubünden lebende Ester Vonplon. Für ihre Installation «Gletscherfahrt» verwendet sie Fliesen, die auf den Gletschern ausgelegt werden, um sie am Schmelzen zu hindern. Ihr Kunstwerk hat sie mit Musik von Stephan Eicher und Rainier Lericolais unterlegt. Der in Deutschland lebende Japaner Hiroyuki Masuyama hat Caspar Wolfs Gemälde «Blick von der Bänisegg über den Unteren Grindelwaldgletscher auf das Fiescherhornmassiv» fotografiert, das Bild mit neuen Aufnahmen des Gletschers neu zusammengesetzt und macht so den Wandel noch einmal anders wahrnehmbar.

«keineismeehr», vom 16. Juni bis 25. August. Vernissage: 15. Juni, 17 Uhr. Öffnungszeiten: Mittwoch, Freitag und Samstag von 14 bis 18 Uhr, Donnerstag 14 bis 20 Uhr, Sonntag 11 bis 17 Uhr. www.kunsthausinterlaken.ch

Berner Zeitung

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