Das Museum der Zukunft braucht Spielraum

Das Kunstmuseum Basel setzt in seinem Neubau auf einen starren Grundriss. Das Kunstmuseum Bern schaffte es bisher gar nicht erst, seine Ausstellungsfläche zu erweitern. Was braucht ein Museum heute für eine Architektur, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein?

Grosszügig und futuristisch: Entwürfe des niederländischen Architekturbüros MVRDV für das China Comic and Animation Museum in Hangzhou sind derzeit in Genf zu bestaunen.

Grosszügig und futuristisch: Entwürfe des niederländischen Architekturbüros MVRDV für das China Comic and Animation Museum in Hangzhou sind derzeit in Genf zu bestaunen. Bild: zvg/MVRDV

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Frau Beisiegel, in Ihrer Genfer Ausstellung beschäftigen Sie sich mit Museumsmodellen der Zukunft. Sie rechnen also damit, dass der Zukunftsmensch noch Ausstellungen besucht?
Katharina Beisiegel: Museen erfreuen sich in den letzten Jahren ganz klar einer steigenden Beliebtheit, allein in der Schweiz werden 20 Millionen Museumsbesuche pro Jahr gezählt. Ins­besondere Sonderausstellungen ziehen Besucher an, und ein Abklingen des Trends ist im Moment nicht ersichtlich.

Wie wirkt sich der Trend auf entsprechende Bauprojekte aus?
In der Museumsarchitektur versucht man intelligente Lösungen zu finden, die das Museum auf die Zukunft vorbereiten, zum Beispiel, indem bestimmten Kunstformen wie Installationen und Performances mehr Raum gegeben wird. Im neuen Munch-Museum in Oslo, das 2019 eröffnet wird, hat man deshalb versucht, möglichst offen zu planen und viel Spielraum für Entwicklungen zu lassen. Es gibt erst mal keine klassische Aneinanderreihung kleinerer Räume mehr.

Das Kunstmuseum Basel setzt beim Neubau auf fixe Wände – also auf wenig Spielraum.
In Basel hat man den mutigen Entschluss gefasst, diesem Trend entgegenzutreten. Sicherlich werden sich nicht alle Ausstellungsideen ermöglichen lassen. Aber ein Museumsbesuch ist auch immer eine räumliche Erfahrung. Der Museumsbau in Basel wird so zu einem essenziellen Teil des Besuchererlebnisses und trägt symbiotisch zur Kunsterfahrung bei. Ich finde es schön, dass das Kunstmuseum Basel dem Besucher eine architektonische Erfahrung bietet, die sich nicht überall reproduzieren lässt. Der Lokalbezug tritt stärker in den Vordergrund, und so zeigt dieser Neubau, dass man auch andere, ebenso wichtige Prioritäten setzen kann.

Das Kunstmuseum Bern braucht mehr Platz, scheitert aber seit über zehn Jahren an Erweiterungsplänen. Etwas mehr Fläche für ein paar Bilder: Ist das überhaupt eine langfristige Lösung?
Ich bin mit dem Projekt und den Gegebenheiten in Bern nicht im Detail vertraut. Grundsätzlich gilt: Neben einer klassischen Erweiterung geht es immer auch um den zeitgemässen, konservatorischen Schutz der Kunstwerke, um neue, flexible Räumlichkeiten, die auch sehr grossformatige Kunst beherbergen können. Und um bauliche Verbesserungen, die den Aufenthalt für den Besucher angenehmer gestalten. Museumscafés, Restaurants und Souvenirshops – so umstritten sie auch sein mögen – gehören mittlerweile zum Standard.

Ebenfalls zum Standard gehört die Digitalisierung von Sammlungen. Kann sich ein Museum Digitalabstinenz noch erlauben?
Der Digitalisierung von Sammlungen kann sich längerfristig kein Museum mehr entziehen. Die Tate in London hat dies früh erkannt und in einer Art Vorreiterrolle den Onlineauftritt zum eigenständigen «Museum im Internet» gemacht. Das bietet neue Möglichkeiten, die Sammlung und die Ausstellungen dem Besucher zur Verfügung zu stellen, ohne dass dieser dazu unbedingt den Museumsbau betreten muss. Als besonders erfolgreich haben sich auch Projekte gezeigt, die Synergieeffekte zwischen Online- und Offlinebesuch nutzen. Man darf aber nicht vergessen, was für eine gigantische Aufgabe das Museum leisten muss, um eine digitale Sammlung zu er­stellen.

«Die Architektur muss bestimmten Kunstformen wie Installationen und Performances mehr Raum gegeben.»Kuratorin Katharina Beisiegel

Haben Sie ein Beispiel für ein solches Synergieprojekt?
Das «Digitorial» des Städel-Museums in Frankfurt. Hier kann der Besucher online vor und nach dem Besuch nach Herzenslust im Thema der Ausstellung stöbern, inklusive Detailabbildungen der Gemälde zum Reinzoomen.Nun gibt es virtuelle Ausstellungsrundgänge. Wird das physische Kunsterlebnis ersetzt?

Ich glaube nicht, dass sich der physische Besuch jemals ersetzen lässt. Die Erfahrung des Objektes bildet immer noch den Kern eines Museumserlebnisses und kann – zumindest in absehbarer Zeit – nicht adäquat virtuell nachgebildet werden. Aber auch der virtuelle Besuch hat seine Berechtigung. Es werden Hürden abgebaut und neue Zugänge geschaffen. Im besten Fall kann sich das Museum so sogar neue Besuchergruppen erschliessen.

Museen wie der Louvre oder das Moma scheinen Selbstläufer, die auf keiner Touristen-Checkliste fehlen. Wie müssen sich solche Institutionen entwickeln – oder können sie sich zurücklehnen?
Zurücklehen kann sich kein Museum. Wir befinden uns in einer Phase der Wandlung. Wir leben dank der sozialen Medien und der Digitalisierung in einer Welt, die komplett von Bildern dominiert ist. Die grossen Häuser verfügen oft über personelle und finanzielle Mittel, die ihnen erlauben, als Experimentierräume für neue Ideen und Formate zu fungieren – schon allein aus diesem Grund werden sie sich weiter in ihren Vorreiterrollen präsentieren. Das führt allerdings auch dazu, dass Besucher hohe Erwartungen an das Besuchserlebnis haben, was für kleinere Institutionen nicht immer lieferbar sein wird.

Ob gross oder klein: Die Schweiz hat mit 1100 Institutionen eine hohe Museumsdichte. Kann sie sich die in Zukunft noch leisten?
Das ist eine schwierige Frage, schon oft wurde eine Regulierung der Museumsdichte gefordert, um die begrenzten finanziellen Ressourcen gezielter auf weniger Häuser zu verteilen. In Zeiten steigender Kosten muss diese Diskussion sicherlich geführt werden. Ich denke, es darf dabei aber nicht vergessen werden, dass Museen auch ein Spiegel der Wertigkeit von Kultur in einer Gesellschaft sind. Die grosse Museumsdichte und die hohen Besucherzahlen zeigen auch, wie wichtig die Institution Museum in der Schweiz ist.


Ausstellung:«Neue Museen. Visionen, Erwartungen, Herausforderungen», bis 8. Oktober, Musée d’art et d’histoire, Genf.
(Berner Zeitung)

Erstellt: 13.09.2017, 10:42 Uhr

Katharina Beisiegel, Mitarbeiterin des Art Centre Basel, bespricht die Pläne für den Neubau des Munch-Museums in Oslo. (Bild: zvg)

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